Ohhhhh, Baby

Waren das noch schöne Zeiten, als ich mir über die Texte der Musik die ich hörte keine Gedanken machte! Zugegeben, das ist lange her. Fast alle meiner Lieblings-Interpreten singen auf Englisch, ich verstehe Englisch, da hilft es auch nicht, mir vorzunehmen, nicht auf die Worte zu hören – ich kann nicht anders. Und als ich neulich in ziemlich melancholischer Stimmung ein altes Lied von David Bowie hervorkramte (jaja, ich bin Fan), das ich ewig nicht gehört hatte, da schlackerte ich plötzlich mit den Ohren. Eigentlich hatte ich in Ruhe vor mich hin Melancholisieren wollen, doch mit einem Mal wurde mir bewusst, was er in dieser ordentlichen Schnulze besingt. Nämlich nicht das, was die Melodie vermuten ließe – einfach ein trauriges Liebeslied mit viel Sehnsucht – nein, es geht, kurz gesagt darum, dass er zwar die Eine haben wollen würde, aber ohhhhh, Baby, er kann die Finger nicht von den jungen Dingern lassen, die vorbei flanieren… Ja mei, hättst halt mal Anstand walten lassen, möchte man ihm zurufen. („It’s gonna be me“ heißt der Titel, für Interessierte.) Und plötzlich fiel mir ein anderes meiner Lieblingslieder von ihm ein: „Fascination“ heißt es. Singt er da nicht mehrfach: „I’ve got to use her…“ ? Ja, tut er und er meint nicht die Kaffeemaschine. 

Hilfe! Mein Idol war ein Sexist! So oder so ähnlich ging es mir durch den Kopf und dann ließ ich die Musik der 70er vor meinem inneren Ohr Revue passieren und immer weiter bis ich schließlich bei Rap und R’n’B und HipHop landete und dann wurde mir klar, wie gerne ich Eminem’s „Shake that“ höre oder von 50 Cent das Stück „P.I.M.P.“ und mir wurde klar, Populärmusik – oder zumindest der Teil davon, den ich kenne – ist voll von sexistischen Allüren und Texten. Dann stellte ich mir bang die Frage, was das bedeutet, ich meine vollumfänglich. Und ja, ich bin auch erschrocken, dass mir das erst jetzt so richtig bewusst wird. Hätte mir früher auffallen können. Und das ist das irre: ich habe die Texte schon lange verstanden, aber mir nicht soooo furchtbar viel dabei gedacht, ich habe es schlicht nicht ernst genommen. Wenn mir mal durch Zufall irgendwo ein Musikvideo mit leicht bekleideten Damen und Macho-Typen die sich betanzen lassen, unter die Augen kam, rollte ich mit den Augen und dachte mir: was für ein Scheiß! – Aber genau darum geht’s ja! Und jetzt frage ich mich: ist das Kunst oder kann das weg? 

Dass Kinder und Jugendliche von den Texten und Videos in ihrer Haltung und in ihrem Bewusstsein für Geschlechterrollen beeinflusst werden, daran kann man glaube ich nicht zweifeln. Und ich glaube ehrlich gesagt auch, dass ich lange ein Männerbild in mir trug, dass Dinge für selbstverständlich und in Ordnung hinnahm, die das tatsächlich nicht sind. Als Jugendliche oder junge Frau fand ich bestimmte männliche Attitüden sexy, bei denen ich mir heute denken würde: was für ein Macho, geh weg! Ratlosigkeit macht sich bei mir breit, weil ich gegen Verbote und Zensur bin. Und weil ich mich frage, wo wäre unsere Musikkultur heute, hätte es diese wirklich gegeben. Gut, soweit ich weiß, kann man vieles mit expliziter Sprache auf Youtube z.B. nur ansehen, wenn man eine Alterseingabe gemacht hat. Wie das bei Streamingdiensten ist, weiß ich nicht, aber es ist meiner Meinung nach auch egal, denn die Kids hören die Musik, sowie ich mit 7 Jahren Boney M gehört und im TV gesehen habe und mir nichts bei der Aufmachung und Darstellung der Sängerinnen und des Sängers dachte. 

Gut, Sexismus gehört zu unserer Kulturgeschichte wie Rassismus auch und andere Geisteshaltungen, von denen zumindest ein aufgeklärtes Publikum wollen würde, es gäbe sie nicht mehr. Wichtig scheint mir die Vermittlung von Wissen und von Bewusstsein dafür, wie diese Texte und Bilder einzuordnen sind. Leider kann ich Bowie nicht mehr fragen, aber mich würde sehr interessieren, was er heute von seinen Texten aus den 70er Jahren halten würde. Was mich zu meiner nächsten Frage bringt: werde ich einfach nur alt und finde zumindest zweifelhaft, was mir früher ohne Bedenken gut gefiel? Versteht mich bitte nicht falsch, liebe Leser*innen, ich werde weiter zu Bowie und Eminem abtanzen… aber genauso wie ich mir früher schon die Frage stellte, ob Grimms Märchen mit ihrer Brutalität gut für kleine Kinder sind, frage ich mich heute: was macht es mit uns und unserem Verständnis von Mann und Frau und deren Beziehung zu einander, wenn wir unreflektiert sexistische Musiktexte hören. 

Ich habe also mal wieder mehr Fragen als Antworten und ich hoffe, es wird auch deutlich, dass ich mir diese Gedanken mit einem kleinen Augenzwinkern mache. Das Thema ist jedenfalls ein weites Feld und ich gehe hier bewusst nicht auf das angrenzende Feld der Gewaltverherrlichung in Musik und Videospielen ein. Heute will ich einfach nur sagen: Huch!? Da hab ich all die Jahre nicht gemerkt, wieviel Sexismus in der Musik steckt, die ich lange ohne weitere Reflektion gehört habe. Und ich finde es lohnt sich, zu wissen, was man sich für Texte immer wieder reinzieht und die eigene Haltung dazu zu überdenken.

Am Ende des Tages kann es meines Erachtens nur darum gehen, junge Menschen so früh wie nötig und so spät wie möglich darauf aufmerksam zu machen, welche problematischen Ideen und Bilder in Medien transportiert werden können und das ganze in einen Kontext zu setzen. Ich gehöre jedenfalls nicht zu der Fraktion, die zum Beispiel alte Werke der Literatur abändern würde, weil sie rassistische Wörter enthalten. Aber man muss darüber sprechen, dass sie es sind und dass das ganze im historischen Rahmen verstanden werden muss. Also, nicht tilgen, sondern erkennen und einordnen. Und sich eine eigene, informierte Meinung bilden lernen.

Ich fand und finde übrigens, dass David Bowie Mitte der 70er, als er die beiden erwähnten Songs schrieb, at his sexiest ever war 😉 Er sah sehr dünn und teils krank aus – vermutlich dem Drogenkonsum geschuldet – und schrieb sexistische Texte. Hach, und noch heute wünschte ich mir, ich wäre damals alt genug gewesen, ihm begegnen zu können. Das war jedenfalls einem Freund von mir vergönnt, der sich in den 70ern öfter in Berlin aufhielt. Er lernte Bowie in einem der angesagten Clubs kennen und unterhielt sich den ganzen Abend mit ihm. Bowie sei ein äußerst höflicher, schüchterner und gebildeter junger Mann gewesen, so der Glückspilz in der Rückschau. 

Und schon bin ich wieder versöhnt und denke mir: es ist eben doch vieles auch Ausdruck von Kunst, gespielten Rollen und Image – und das gehört zum Betrieb dazu. Trotzdem darf man es mögen UND kritisieren. Ein bisschen, Baby.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen fröhlichen Musikgenuss, haut rein, schwingt das Tanzbein und lasst Euch nicht irritieren. Aber seid Euch bewusst, dass diese Dinge uns beeinflussen, ob wir wollen oder nicht… 😉 

Herzlich, Merle 

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