Weglaufen gilt nicht

Ein Hoch auf die Kompensation! Doch, ganz ehrlich. Ich meine den Titel ernst, und ich meine es ernst, wenn ich sage: ohne Kompensationsstrategien wären viele großartige Werke, Kunststücke und Fortschritte in der menschlichen Geschichte nicht vorstellbar. Zu Kompensieren kann fantastische Ergebnisse in einer anderen Facette des Seins liefern und wer Leid in Arbeit kompensiert, haut meist so richtig gut rein und leistet ordentlich. Das gleiche gilt für die Sublimierung, in der innere, abgelehnte Kräfte oder Triebe in positive Tätigkeiten umgeleitet werden. Was ich sagen will ist: Die menschliche Psyche hat hervorragende Strategien, um mit Schmerz, Leid, Qual und Belastungen umzugehen. Und nicht jedes Ergebnis davon ist schlecht, im Gegenteil. Auch Verdrängung ist ein legitimer Mechanismus, um mit der Flut an Reizen und Information in dieser Welt umzugehen. Allein, die Dosis macht das Gift und wer ständig kompensiert, sublimiert oder verdrängt, wird ziemlich sicher vor dem eigenen inneren Trümmerhaufen stehen – oder sehr krank werden. 

Bei aller Begeisterung darüber, wozu das menschliche Gehirn in der Lage ist, sowohl was coping Strategien angeht als auch was der menschliche Geist und Intellekt alles erschaffen kann – wären wir alle mehr bei uns selbst, in der Selbstkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstliebe, dann sähe es auf dieser Welt anders aus, das ist meine feste Überzeugung. 

Doch wir leben in einer Welt, die scheinbar dafür geschaffen ist, uns von uns selbst wegzubringen. Das fängt im Kindesalter an, mit Regeln, Ideologien und Wertesystemen, die den Kindern eingeimpft werden, geht verstärkt weiter in den Schulen, wo immer noch straffe Lehrpläne, Notensysteme und Gehorsam den Ton angeben und geht weiter auf dem Arbeitsmarkt, für den die Kinder herangezogen werden, damit sie funktionieren, erfolgreich sind und einen Platz in der Gesellschaft, im System finden. Sicher ja, es gibt alternative Schulen – wenn man sie sich leisten kann und auch dann nur wenige. Im Großen und Ganzen zählt jedenfalls Leistung und Anpassung mehr als individuelle Entwicklung und Entfaltung. Ich weiß, in unserem Land jammere ich da (noch) auf höherem Niveau als anderswo, aber so ist es trotzdem. Und es ist verständlich, dass Eltern besorgt darum sind, dass die Kinder ihren Weg sicher, gut und erfolgreich gehen. Der Takt wird von der Gesellschaft vorgegeben und wir halten uns daran. Weil wir uns eine freiere Gesellschaft gar nicht vorstellen können.

Was dabei auf der Strecke bleibt sind der Eigenausdruck, die Kreativität, die Selbsterkundung und die Eigenliebe. Nein, nicht sturer Egoismus sondern die Verbundenheit zum eigenen Selbst. 
Ich halte es für keinen Zufall, dass so viele Menschen spätestens in der Mitte des Lebens einen Burnout haben, in eine schwere Depression fallen oder sonst eine existentielle Krise erleben, weil sie schlicht überfordert sind und nicht bei sich selbst sind. Wie denn auch, das hat man uns nicht beigebracht. Das ist kein Selbstläufer, kein Automatismus und schon gar kein Reflex. Die meisten von uns müssen sich das irgendwann hart erarbeiten, weil irgendwas in ihrem Leben – der Körper, die Seele, der funktionierende Teil in uns – irgendwann laut STOP schreit und nicht mehr will. 

Bei allen wunderbaren Errungenschaften der sogenannten sozialen Marktwirtschaft… wir leben immer noch nicht in einem wirklich menschenfreundlichen System, in dem auch die ihren Platz finden, die anders ticken. Die nicht in das Mainstream-Raster passen und die dem Leistungsdruck nicht standhalten. Die vielleicht nicht so flexibel sind oder sensibler, die anders leben wollen als der durchschnittliche Mieter-Arbeitnehmer-Steuerzahler. 

Das ist der eine Aspekt, der es schwierig macht, ein selbst-bewusstes Leben zu führen. Ein anderer ist der Umstand, dass wir in einer Konsumgesellschaft leben. Und dass wir alle reisewütig sind. Das sind so wunderbare Ablenkungen von uns selbst, da fehlt dann nur noch der Fernseher.
Nota bene: ohne Konsum würde unsere Gesellschaft nicht so existieren, wie sie es sich derzeit „leisten“ kann. Aus ökologischer Sicht können wir uns den Konsum zwar schon lange nicht mehr leisten, aber aus ökonomischer Sicht ist er ein Muss, das es ständig zu steigern gilt. Und es ist ein probates Mittel, um die Bevölkerung vom Nachdenken und kritischen Hinterfragen abzulenken.
Stimmt, ich war heute auch nicht auf der Demo gegen Sozialabbau und gegen Aufrüstung. Aber eigentlich müsste ein Aufschrei durch dieses Land gehen, angesichts der Dinge, die sich in puncto Wettrüsten gerade tun. Aber das ist ein anderes, großes Thema. Ich will sagen, es wundert mich nicht, dass es den Aufschrei nicht gibt. Denn die Menschen sind damit beschäftigt, ihr anstrengendes Leben zu bewältigen – und damit, zu konsumieren. Amazon lässt grüßen. Und weil wir regelmäßig in der Welt herum reisen glauben wir, aufgeklärt und gebildet zu sein oder ach, wollen einfach unseren Spaß haben, scheiß auf den Ausstoß eines Flugzeugs, mir doch egal. Mein Leben ist so fordernd, da werde ich doch 2x im Jahr in bisschen Halligalli im fernen Süden machen dürfen! 

Aber was ist mit Dir? Frage ich Dich. Was treibt Dich um. Was fühlst Du? Was tust Du wirklich gegen den Stress und den Hexenschuss und was ist Dir wirklich wichtig im Leben?
Wann hast Du das letzte Mal mit Deinem Herzen gesprochen oder Dein kleines inneres Kind an die Hand genommen? Wie gut bist Du mit Deinem Körper befreundet und kennst ihn und pflegst ihn? 
Was spürst Du, wenn Du morgens aufstehst und abends ins Bett gehst? Warum schläfst Du so schlecht und wieso hast Du so wenige echte Freunde? Wann warst Du das letzte Mal albern oder hast gesungen oder getanzt? Wie gut kennst Du Dich und Deine Persönlichkeitsanteile und Deine Gefühle? Kümmerst Du Dich um sie?

Und es ist wirklich leider so, dass die allermeisten Menschen, die den Großteil mit Ja bzw. überhaupt beantworten können, die sind, die schon ihre große Krise hinter sich haben. Die wach gerüttelt wurden und sozusagen gezwungen wurden, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Es gibt wenige gesegnete, die brauchen diesen Wachruf nicht. Aber die meisten benötigen ihn – inklusive mir selbst – und ich höre nicht auf zu betonen, wie schade und traurig ich das finde und dass ich das für unnötig halte. Wenn wir unsere Leben anders gestalten würden und von Anfang an liebevoller, zugewandter, bewusster mit uns selbst sein würden. Wenn wir das den Kindern von klein auf zeigen könnten, vorleben und näher bringen. Wenn wir den Raum hätten für das spielerische, liebevolle Wachstum einer jeden Seele, die hier angekommen ist…

Wir sind eine ziemlich kranke Gesellschaft, in der die Stresskrankheiten um sich greifen, in der Einsamkeit und Isolation wachsen und in der, meines Erachtens, das liebevolle im Miteinander und Zueinander immer mehr zu kurz kommt. Weil der Kampf ums Existieren so viel Energie bündelt. Weil es anstrengend ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen, wenn man es nicht gelernt hat und weil das Schulfach „Bewusstheit“ und „Achtsamkeit“ leider noch nicht auf dem Lehrplan stehen. 

Eine sehr kluge Frau sagte mir mal, dass die meisten Menschen durch den Schmerz lernen. Also durch Leidensdruck. Damit ist unter anderem eben genau das Phänomen gemeint, dass so viele Menschen sich erst durch Krisen sich selbst zuwenden. Wie schön und befreiend wäre es, wenn wir das nicht mehr nötig hätten. Aber das gute ist andererseits: unsere Seele passt gut auf uns auf undzwar auch darin, dass sie uns dieser Herausforderung stellt. Sie lässt uns nicht aus, lässt uns zwar unseren Willen – bis der Schmerz aber dann zu groß wird, weil wir uns zu weit von uns selbst entfernt haben. Weglaufen gilt nicht, sagt sie uns. Hör auf Dich abzulenken, Spielchen zu spielen, zu kompensieren und zu verdrängen… schau Dir Dich selbst an und nehme Dich selbst an. Einen anderen Weg zur Ganzheit gibt es nicht. Die gleiche Frau sagte mir auch, dass wir nie größere Herausforderungen im Leben gestellt bekommen, als wir bewältigen können. Ich glaube das tatsächlich – wenn auch das Ergebnis oftmals nicht das ist, was wir uns im ersten und zweiten Moment gewünscht haben. Oftmals braucht es einen dritten und vierten Blick um zu erkennen: ah ja, doch das ist jetzt genau richtig so, ich bin gerade genau da, wo ich sein soll. Das erfordert Mut, Selbstannahme – und viel Humor.

Im Übrigen möchte ich durch meine obige Gesellschaftskritik nicht sagen, dass wir niciht auch alle selbst die Verantwortung dafür tragen, wie wach oder unwach wir durchs Leben gehen. Aber ich konstatiere, dass wir unter denkbar ungünstigen Bedingungen leben, wenn es darum geht, zu Erwachen und sich um sich und die Selbstliebe zu kümmern. Und auch wenn das Niveau hoch ist – es könnte eben doch besser sein.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir ohne Schmerzen wachsen und zu uns finden ohne zu viel Leid …

Herzlich, Merle

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