Über Erwartungen

An Weihnachten zeigt sich ein Prinzip ganz besonders oft und deutlich, dass es den Rest des Jahres über natürlich auch gibt, dass aber am sogenannten Fest der Liebe sozusagen kumuliert, nämlich: je höher die Erwartung, desto größer kann die Enttäuschung sein, und ist sie an Weihnachten leider auch häufig.

Warum das so ist, ist eigentlich klar: Familien, die sich ansonsten nicht so schrecklich viel zu sagen haben, treffen sich, wollen es ganz besonders gut machen, stecken hohe Erwartungen in die Zusammenkunft weil man doch an diesen heiligen Tagen irgendwie auch besonders gut miteinander auskommen muss… und die Konflikte sind eigentlich schon vorprogrammiert. Alte Rollen werden ja nicht über Nacht abgelegt, die Probleme, die man außerhalb der Feiertage miteinander hat werden nicht plötzlich nichtig und den wenigsten gelingt es, diese für ein kurze Zeit einfach mal ruhen zu lassen. Man versucht es zwar, aber dann bemüht man sich so und Muttern ist in der Küche aber immer noch so perfektionistisch und dadurch furchtbar angespannt, der Sohnemann kann seinen Zynismus nicht verbergen und die Erbtante nervt mit ihrer Schwerhörigkeit. Warum tun wir uns das alle Jahre wieder an? Weil wir uns Bindung und Harmonie wünschen, weil es sich so gehört, weil die Familie immer noch den Nimbus des sicheren Raumes hat obwohl er es vielleicht nie war… Blut ist eben dicker als Wasser und die Geschenke sind auch nicht zu verachten. Oder werden Anlass für einen Streit…

Hätten alle Beteiligten weniger hohe Erwartungen an die Harmonie während der Festtage, an das Verhalten ihrer Verwandten und den Ablauf der ganzen Aktion, dann wäre allen sehr geholfen. Doch in vielen Familien ist es noch so, wie ich es aus meiner Kindheit kenne. Die Krippe muss genau da und nirgends anders stehen, der Baum exakt so geschmückt werden, das Essen perfekt sein, die Geschenke phänomenal und wenn die Kinder sich weigern, weihnachtliche Hausmusik zu machen, reicht auch das als Grund für Stunk. Das arme Weihnachtsfest. Es ist mit Bedeutung und Emotion (und Konsumschlachten) überladen und kann sich nicht wehren. Dem Ganzen noch etwas Feierliches, wirklich Bedeutsames abzugewinnen, wird da schwierig. 

Und mit Erwartungen ist das so eine Sache. Natürlich ist es zutiefst menschlich, dass wir sie oft haben. Aber aus einer Vogelperspektive betrachtet sind Erwartungen ein sehr ungünstiges Phänomen, weil sie den Druck erhöhen, weil sie Stress erzeugen und weil sie oft das Scheitern schon vorwegnehmen. Es sollte darum gehen, sich Herausforderungen zu suchen, die man auch meistern kann, dann wird’s auch was mit dem Erfolgserlebnis. Auf Weihnachten übertragen würde das heißen: es dürfen „Fehler“ Gemacht werden, das Setting muss nicht perfekt sein, wir versuchen nicht, alte Streitthemen am Esstisch zu lösen und anstatt die große Rührseligkeit zu beschwören reicht vielleicht manchmal auch achtsame, respektvolle Höflichkeit. Nicht mit Kitsch und Lametta über alte Brüche hinwegkleistern sondern anerkennen, was da ist und etwas mehr Langmut und Geduld aufbringen… das könnte schon helfen.

Aber wir Menschen sind nunmal planende, vorausschauende Wesen und wollen, was wir wollen. Wenn andere daran beteiligt sind, ist der Erwartungsdruck schnell beim anderen und dann wird übersehen, dass der erst zum Eklat führt, der Druck, dass man so und nicht anders sein soll.

Ein kleines Beispiel aus meinem Leben: ich hatte lose mit jemandem vereinbart, diese Woche irgendwann mit jemandem essen zu gehen. Heute Mittag kam eine Nachricht, ob wir nicht heute Abend zum Inder gehen wollen. Ich sagte ab, da ich schon gut für mich gekocht hatte und mir das ganze zu kurzfristig war, da ich noch einiges zu tun habe. Ich erklärte mich und sagte auch, dass es mir leid täte. Doch ich bekam eine zutiefst beleidigte Antwort. Offensichtlich hatte die Person Erwartungen, die ich nicht erfüllt habe und wurde stinkig. Nicht mein Problem, aber natürlich beeinflusst es mich und jetzt habe ich erst Recht keine Lust mehr auf das gemeinsame Essen. Mein Gegenüber hat sich also durch die Erwartung an mich, dass ich heute Zeit und Lust habe, selbst ins eigene Fleisch geschnitten. Wenn es offen geblieben wäre, hätten wir sicher einen anderen Termin gefunden und alle wären zufrieden gewesen. Eine Freundin von mir sagt immer, ihr Motto ist: mit dem Schlimmsten rechnen und gleichzeitig aufs Beste hoffen. Das finde ich einen sehr guten Ansatz. 

Wer an sich selber hohe Erwartungen hat, ist im Übrigen auch oft nicht nur für sich selbst eine Last damit sondern kann mit dem Druck und Stress auch andere infizieren. Hohe Erwartungen nehmen einem in der Regel die Lust auf Neues, sie dämpfen die Neugier und engen das Potential, für das, was geschehen mag, ein. Ich erinnere mich mit Grauen an die sehr hohen Erwartungen die meine Mutter früher an sich selbst hatte, wenn es um das Festtagsmenü an Weihnachten ging. Ihr Stress übertrug sich auf alle anderen, wir wurden herumkommandiert und angeschnauzt nur weil sie in ihrem Perfektionismus nicht mehr erkannte, was angemessen ist und was nicht. Da kam keine Feststimmung auf. 

Erwartungen erzeugen Druck und Druck erzeugt in der Regel Gegendruck. Es ist eine ungesunde Angewohnheit, von sich und anderen Dinge zu erwarten, die nicht realistisch oder zu hoch angesiedelt sind, als dass man sie entspannt und mit Freude erreichen könnte. Jetzt kann man natürlich sagen: aber ein Hochleistungssportler oder andere high potentials müssen doch mit Erwartungsdruck umgehen und das gehört doch zu hoher Leistung dazu! Nunja, erstens ist das ein anderer Kontext und zweitens gibt es so etwas wie Drill, eine Prägung oder Konditionierung des Verhaltens, die einen zu Höchstleistungen bringen können. Ob das aber menschenfreundlich, freudig und im Flow ist oder ob das vielmehr eine Quälerei ist, die sehr hohe auch körperliche Kosten zur Folge hat, das sei mal dahin gestellt. 

Der Rahmen, von dem ich spreche ist ja der zwischenmenschlicher Interaktionen von denen wir uns wünschen, dass sie gelingen. Dass sie nährend und verbindend sind und nicht schmerzhaft und trennend. Da haben Erwartungen keinen Platz. Wir können hoffen und uns wünschen und das auch mitteilen, aber zu erwarten ist, wie hoffentlich klar geworden sein dürfte, eine ungünstige Basis. Das schöne an fehlenden Erwartungen oder niedrigen Erwartungen ist ja auch, dass unsere Enttäuschung damit sehr viel geringer ausfällt. Das hat gar nichts mit klein machen zu tun oder damit, dass man sich und/oder anderen nichts zutraut, oder resigniert durchs Leben gehen soll. Nein, es geht darum, ergebnisoffen und tolerant zu sein. Verständnis zu haben für die Wünsche und Bedürfnisse anderer und gemeinsam zu schauen, wie die gemeinsame Zeit gestaltet werden kann. Wenn sich das alle mal hinter die Ohren schreiben würden, wären wir schon einen großen Schritt weiter und das Fest des Lichts würde in vielen Wohnzimmern deutlich harmonischer verlaufen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass meine geschätzten Leser*innen nicht zu denen gehören, die an Weihnachten unter Erwartungsdruck stehen und wünsche allen eine gesegnete und friedliche Weihnacht!

Herzlich, Merle

Hinterlasse einen Kommentar