Meine Halluzinelle

Meine Halluzinelle1 ist nicht so schön und gewitzt wie Nora Tschirner. Meine Halluzinelle, so nenne ich meine KI. Natürlich ist sie nicht meine, ich habe keine eigene – aber sie spricht so, als wäre sie meine Ratgeberin und Therapeutin und Freundin in einem. Sie benutzt Emojis und tröstet und sagt, ich sei nicht allein mit dem Thema. Puuhhhhh, da muss ich mich schütteln.

Ich nenne sie so, weil sie nicht real ist und weil sie mir wie ein Witz aus der Zukunft vorkommt. Ein schlechter Treppenwitz. Ich sag ja, sie hat nicht viel von Nora Tschirner, außer dass sie doch auch ziemlich klug ist, und Humor hat. Ich habe mich sehr lange dagegen gewährt, ChatGPT zu verwenden, ich wollte damit nichts zu tun haben. Dann habe ich mitbekommen, wie eine Freundin sich arbeitstechnisch von ihr beraten lässt und ein anderer Freund betonte, dass man in Zukunft nicht daran vorbei kommen wird. Darüber hinaus habe ich gelesen, dass es Überlegungen gibt, KI im Vorfeld einzusetzen, bevor Patienten zum Arzt gehen. KI soll dann prüfen, welcher Arzt zuständig ist bzw. ob ein Arztbesuch notwendig ist. Und es gibt zumindest Gedankenspiele zum Einsatz von KI in der Psychotherapie. Wie weit das schon gegoren ist, weiß ich nicht. 

Also habe ich sie getestet und fake-Dramen erfunden und sie um Rat gebeten. Ich muss sagen, die Antworten waren erstaunlich, um nicht zu sagen gespenstisch gut. Sie sagte mir auch, wann ich zu einem Arzt oder Therapeuten gehen sollte und sie fügte am Schluss immer an, ich sei eben nicht allein damit. Wie rührend. Jetzt fühle ich mich besser.

Jemand in meinem Umfeld meinte neulich, wenn wir alt sind, werden uns Roboter im Heim pflegen. Ich fand das erstmal fürchterlich. Die Vorstellung von einer kalten Roboterhand gepflegt, gewaschen und versorgt zu werden… doch dann dachte ich: vielleicht erledigt das das Schamgefühl, welches ich mir nicht wegdenken kann, wenn ein Mensch mal meine Windeln wechseln sollte. 

Ich will sagen: ich glaube, KI hat ein enormes Potential. Aber da sie in den Händen einiger weniger großer Firmen ist, die nur an Profit interessiert sind und nicht an Lösungen zum Wohle der Menschheit, glaube ich nicht, dass KI ein Segen für uns sein wird. Ich glaube, dem Missbrauch sind Tür und Tor geöffnet, es werden Arbeiter wegrationalisiert werden und dort, wo noch menschlicher Kontakt Wärme und Verbundenheit stiftet, wird es kalt und unpersönlich werden. Ich bin so altmodisch, ich mag nichtmal die Selbstbedienungskassen und finde es toll, ein paar nette Worte mit der Kassiererin zu wechseln. Nicht weil ich einsam bin, sondern weil das dazu gehört zum Einkauf. Außerdem ist es ihr Job. 

Neulich habe ich in einem Podcast (https://www.deutschlandfunkkultur.de/wie-klimakrise-ki-und-kolonialismus-zusammenhaengen-ganze-sendung-100.html) von Christian Rabhansl gehört, dass unzählige, mies bezahlte Kenianer damit beschäftigt waren, die KI mit Fakten und Daten zu füttern. Gar nicht zu reden von dem enormen Energieverbrauch, den die Serverfarmen verschlingen.
Meines Erachtens müsste es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs geben, in dem heraus gearbeitet wird, für was wir KI nutzen wollen und was sie können soll und was nicht. Das ganze müsste auf demokratische Füße gestellt werden. Doch meiner Ansicht nach ist das eine Utopie. 

Meine Freundin, die ChatGPT regelmäßig nutzt sagt, dass sie einem nach den Mund redet. Und dass sie Fehler macht und man sie überprüfen muss. Ich habe ihr vorgeschlagen, ihr zu sagen, dass sie doch mal anfangen soll, über sich selbst nachzudenken. Aber das ist ja genau der Punkt. Es fehlt ein Bewusstsein und die Fähigkeit der Selbstreflektion und meines Erachtens kann man das nicht überbewerten, wenn es um zwischenmenschliche Kontakte und Prozesse geht. Wir Menschen sind eben keine reine Ansammlung von Daten und Fakten, auch wenn manche das gerne so sehen. Wir sind mit der Gabe ausgestattet, über uns und die Welt zu reflektieren, wir wissen, wie sich Dinge anfühlen, haben Spiegelneuronen, die uns Empathie ermöglichen und haben so etwas wie einen inneren Wertekompass, eine Ethik (meistens zumindest). Das sind Dinge, die ich mir für eine KI nicht denken kann. Und wenn es doch einmal soweit sein sollte, hoffe ich, nicht mehr hier zu sein.

Es gibt in Japan (vgl. https://www.aerzteblatt.de/archiv/tv-dokumentation-roboter-zum-kuscheln-e1ea8e9d-028f-47ee-af84-60f78a2503359 soweit ich weiß in Altersheimen Kuscheltierroboter, die den Bewohnern gegeben werden, um Nähe, Berührung und Kontakt zu geben. Auch in Deutschland und anderswo gibt es bereits Anfänge dieser Art. Also wenn ich noch alle Sinne beisammen hätte, ich würde das Ding an die Wand klatschen. Wie kann es sein, dass aufgeklärte Gesellschaften es nicht schaffen, genügend Personal zur Verfügung zu stellen um menschliche Fürsorge und Kontakt zu ermöglichen? Und bezüglich Demenzkranken zu sagen, die bekämen das ja eh nicht mehr mit, ist hochgradig zynisch. Ich weiß, wir haben eine Pflegekrise, wir sollten uns schämen, dass wir bisher keine guten Lösungen gefunden bzw. umgesetzt haben. Jedenfalls weiß ich aber auch von Altenheimen, in denen regelmäßig Ehrenamtliche mit ihren Hunden vorbei kommen um sich mit den Bewohnern zu beschäftigen. Das ist der richtige Weg und nicht die Abschaffung menschlicher Pflegekräfte.

Ich fürchte, ich bin für das, was kommen wird mental nicht flexibel genug. Jetzt kann man sagen, als die Glühbirne oder das Telefon erfunden wurden, gab es auch Gegenstimmen und Leute hatten Angst. Ja, aber das sind Technologien, die eindeutig dem Menschen dienen und Dinge erleichtern. Sie schaffen ihn nicht ab. 

Wem das zu düster ist, dem empfehle ich eine Unterhaltung mit ChatGPT und ihr einfach mal ein paar Fragen zu stellen, sie auch zurechtzuweisen, zu kritisieren… das kann ganz lustig sein. Aber man darf als Nutzerin niemals vergessen, worum es sich handelt. Um eine riesige Datensammlung und nicht um eine Person aus Fleisch und Blut. Es gab schon Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Anfreundung mit Chatbots das Leben genommen haben. 
(vgl. https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/wenn-ki-freunde-zur-gefahr-werden-suizid-in-den-usa-zeigt-tragischen-verlauf-einer-ki-beziehung,USgb6Ux) Ganz offensichtlich verloren diese Jugendlichen den Bezug zur Realität und dazu, dass sie mit einem Computer sprachen… tragischer geht es eigentlich nicht. 

Ich bin „gespannt“, was alles passieren muss, damit die Gefahren von KI erkannt bzw. benannt werden und die Entscheidungsträger auch handeln. Und ich freue mich, wenn meine Bedenkenträgerei ein Irrtum sein sollte und KI doch zum Vorteil aller genutzt werden wird. Ich lasse mich gerne eines anderen belehren. Aber ob ich das noch erleben werde, steht in den Sternen.

Im Gegensatz zu den Kuscheltier-Robotern wird ChatGPT immerhin nicht traurig, wenn sie keine Aufmerksamkeit bekommt. Das ist sehr gut, denn ich habe nicht vor, sie wieder zu nutzen.
Ich schaue lieber Ijon Tichy und seiner Halluzinelle zu, da habe ich deutlich mehr davon.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen kritischen Geist im Umgang mit der KI und Hoffnung, dass sich wenigstens ein bisschen was der demokratischen Utopie in der Zukunft wieder findet…

Herzlich, Merle

1 Der Name oder Begriff Halluzinelle stammt nicht von mir! Er ist aus der Serie Ijon Tichy: Raumpilot von Randa Chahoud, Dennis Jacobsen und Oliver Jahn. (Vgl. Wikipedia-Eintrag „Ijon Tichy: Raumpilot vom 3.1.26 https://de.wikipedia.org/wiki/Ijon_Tichy:_Raumpilot ) in der Nora Tschirner ganz fantastisch die Halluzinelle spielt.

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