
Heute soll es hier einmal wieder leicht und humorig zugehen in dem ich anekdotenhaft wiedergebe, was mir im Laufe des sogenannten Online-Datings alles so über den Weg läuft. Da ich Ethnologie studiert habe, bin ich am Überlegen, ob ich nicht doch eine Studie über die Sub-Sub-Kultur des Datings im Internet verfasse. Der Titel wäre etwa ungefähr: Das seltsame Verhalten der Single-Männer im Online-Dschungel. Im Gegensatz zu den sogenannten schriftlosen Gesellschaften, die die Ethnologie früher traditionell erforschte, haben diese Single-Männer allerdings heute die Schrift (oder das, was sie dafür halten) und damit treiben sie allerlei Unsinn, worüber ich heute ein wenig berichten möchte.
Die Versuchsanordnung lautet so: ich habe mich vor einer Weile aus purer Neugier auf einer Online-Dating-Plattform angemeldet und bekomme von Anfang an sehr viele Zuschriften. Da ich ein höflicher Mensch bin, logge ich mich von Zeit zu Zeit ein und schreibe freundliche Absagen, denn ich bin nicht auf der Suche. Ein erstes Ergebnis meiner Studie lautet auf jeden Fall: wer kein Profilbild eingestellt hat, ist oft sehr viel frecher und unverschämter als die, die ein Foto von sich auf dem Profil haben. Besonders hervor stach ein User, wir wollen ihn Marc nennen, dem ich eine von der Plattform vorgefertigte Absage sendete. Marc hatte geschrieben, dass ihm mein Profil gefalle und er würde mich gerne kennenlernen. Ich schrieb daraufhin zurück, dass ich mich für die Nachricht bedanke, aber meinerseits kein Interesse bestünde und dass ich ihm alles Gute auf der weiteren Suche wünsche. Daraufhin erhielt ich eine Tirade, was ich denn für eine eingebildete Kuh sei, er habe nie davon gesprochen, dass er Interesse an mir habe und ich solle mal schön auf dem Teppich bleiben. Hm. Dachte ich mir, diese (vorgefertigte) Absage kam also nicht so gut an. Marc hatte wie gesagt kein Profilbild und fühlte sich offenbar in der Anonymität sehr wohl damit, unflätig zu werden. Anderen wiederum fällt es schwer, eine Absage ernst zu nehmen, sie schreiben einfach munter weiter, als habe man ihnen nicht mitgeteilt, dass kein Interesse besteht. Hier diagnostiziere ich eine gewisse Hybris und Realitätsferne, die aber auch mit Profilbild besteht.
Eine weitere Kategorie ist die der Schönlinge, die einen Flirt suchen. Schönlinge schreiben mich völlig unvermittelt mit sexuellen Anspielungen an und gehen sogleich in medias res: Ich hätte schöne Kurven und ob ich nicht mit unter die Dusche wolle. Andere prahlen mit ihren Zentimetern und wann ich Zeit hätte, für ein Versteckspiel eben dieser. (…) ich erspare der geneigten Leserin weitere Details. Auffallend ist, dass solche Angebote eben vor allem von Männern kommen, die man gemeinhin als attraktiv bezeichnen würde. Da geht Schönheit mit männlicher Selbstüberschätzung und Unhöflichkeit einher. Dann gibt es noch die schlicht distanzlosen Dater, die mich in der ersten Nachricht gleich als „meine Schöne“ oder gar „meine Süße“ ansprechen. Auch hier ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realität festzustellen, gepaart mit Geschmacklosigkeit.
Und dann, ja dann gibt es noch die, die einem ohne Aufforderung auf den visuellen Tisch, pardon, kacken. Ich weiß nicht, wie man das bezeichnen soll und was da genau dahinter steckt, aber es gibt Männer, die ihre verbale Notdurft im Postfach hinterlassen: ohne, dass man sie kontaktiert hätte oder auf ihrem Profil gewesen wäre, schreiben sie einen an und meckern oder kritisieren oder verunglimpfen das Profil der Angeschriebenen. Das reicht von Kritik an der Auswahl der Fotos über Belächeln des Textes bis hin zu so sinnreichen Fragen, wie: „Der Nasenring ist aber wichtig, oder?“ Der Zweck dieser abwertenden Nachrichten ist mir schleierhaft. Haben diese Männer als Kind gelernt, dass Kontakt nur über Abwertung funktioniert? Haben sie Angst vor echter Nähe? Die könnte man ihnen ja nehmen, weil die entsteht beim online-Dating ohnehin nicht. Finden sie sich gar witzig? Es bleibt ein Rätsel. Da ich nie auf solche Nachrichten reagiere und auch nicht mit vernünftigen Aussagen rechne, täte ich es, werde ich hier keine Erkenntnis gewinnen. Mein psychologischer Verstand sagt mir aber, dass hier eine eigene Aufwertung durch die Abwertung einer Frau passiert, von der man glaubt, dass man sie ohnehin nicht bekäme. Richtig! Meine Herren, Sie haben 100 Punkte!
Eine ganz andere Gruppe von Männern sind die, die ständig mein Profil anklicken, aber keine Nachricht oder ein „Smiley“ hinterlassen. Sie sind komplett stumm, betrachten aber offenbar gerne wiederholt die von mir eingestellten Bilder. Oder sie haben Schwierigkeiten den Text zu verstehen und müssen ihn öfter nachlesen? Sehr komisches Phänomen, ich finde es etwas spooky und blockiere auch solche User nach dem ca. 10. Mal auf meinem Profil, das ist mir zu nerdig.
Einen Ausnahmefall möchte ich nicht unerwähnt lassen. Es war ein Mann, der keine Beziehung und keinen Flirt suchte sondern eine Brieffreundschaft. Ja, auch sowas gibt es noch. Dem schrieb ich tatsächlich zurück und als er hörte, dass ich gelernte Ethnologin bin, da fragte er mich gleich: ach, machst Du eine Studie über Online-Dating? Sehr intelligenter User…! Leider war er nur auf der Suche nach Ablenkung nach der Trennung von seiner Freundin und als die beiden wieder zusammen kamen, stellte er den Kontakt ein.
Online-Dating ist so eine Sache. Einerseits habe ich selbst schon einmal Erfolg damit gehabt und es entstand eine wunderbare Beziehung daraus. Andererseits ist die Masse der Anbahnungen und Profile einfach nur unterirdisch. Wer die Nadel im Heuhaufen sucht, braucht schon sehr viel Geduld und ein dickes Fell. Wer zart besaitet ist, sollte sich das mit dem Online-Dschungel lieber sparen, es kommt einfach sehr viel Mist bei einem an – und ich habe in meiner teilnehmenden Beobachtung dieses Mal ja tatsächlich nur die ersten Schritte der Anbahnung beobachtet. Ich möchte gar nicht wissen, was mir alles geblüht hätte, wäre ich auf Angebote und Nachrichten eingegangen. So muss ich mich zum Beispiel fragen, wie wahrheitsgetreu und ehrlich die Profile sind. Immerhin ist es meines auch nicht ganz. Sonst müsste da stehen: ich suche nicht. … Und das macht mir schon ein schlechtes Gewissen – andererseits schreibe ich ja bei Kontaktaufnahme gleich, dass ich kein Interesse habe und lasse so gleich gar keine Hoffnung aufkeimen.
Warum es so vielen Männern allerdings so schwer fällt, höfliche, respektvolle und interessierte Nachrichten zu schreiben, das wundert mich schon. Sind es gerade die dazu Unfähigen, die online daten? Ich habe sogar schon überlegt, ob es an meinem Profil liegen kann, aber eine Freundin, die ich darüber schauen ließ meinte, da bräuchte ich mir keine Gedanken machen. Ich stelle halt gewisse Ansprüche, aber nichts lädt zum Beispiel zu sexuellen Anspielungen ein. Andererseits kann ich wahrscheinlich froh, sein, dass es nur verbale Anzüglichkeiten sind und keine dick pics, wie vor Jahren auf Tinder… der 24-Stunden-Versuch von damals müsste eigentlich auch noch in einer Studie verarbeitet werden…
Ich bin jedenfalls heilfroh, dass ich nicht wirklich suche. Wäre ich ernsthaft an einer Beziehung interessiert, käme ich da keinen Schritt weiter. Und ich erinnere mich, dass das Date, das damals schließlich zu einer Beziehung führte, das letzte einer langen Reihe war, die über ein Jahr lief. Ich weiß noch, dass ich mir dachte: diesen einen Mann treffe ich noch, und dann ist Schluss mit lustig. Dass dann tatsächlich etwas sehr Schönes daraus entstand, halte ich wie gesagt für einen unverschämten Glücksfall.
Aber man hört sie immer wieder, die Geschichten über erfolgreiches Online-Dating, sogar auf Tinder. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht hauptsächlich sogenannte Stadt-Mythen sind. Eine Geschichte, die immer wieder weitergegeben wird, bis alle sie glauben und jeder meint, es handle sich um ein verbreitetes Phänomen, dabei ist es maximal 1 Person passiert. Und auch nur so in etwa wie erzählt…
Ein Bekannter in meinem Alter berichtete mir neulich, dass er seine letzte Freundin analog kennengelernt hat. Das finde ich unglaublich tröstlich, dass es das auch noch gibt. Heutzutage bekommt man ja den Eindruck, als wäre Paarungs-Kommunikation nur noch online möglich, so dass man sich schon fragt, wie sich Mann und Frau früher gefunden haben.
In diesem Sinne, liebe Leser*innen, falls ihr auf der Suche seid, seid doch mal wachsam beim Einkauf, im Museum, auf dem Konzert oder im Stammcafé…, es gibt so viele Orte, an denen man schöne Begegnungen haben kann… und die Wahrscheinlichkeit, dass einem da gleich der Beischlaf angeboten wird oder man heruntergemacht wird dafür, wie man gekleidet ist, ist relativ gesehen um einiges geringer 😉
Herzlich, Merle