Dein Körper

Der Körper ist meiner Meinung nach ein vielfach unterschätztes und zu wenig beachtetes Wesen. Meistens geben wir ihm erst besondere Aufmerksamkeit, wenn er nicht mehr „richtig“ funktioniert, ansonsten sind wir es zufrieden, wenn er wie selbstverständlich das tut, was wir von ihm erwarten. Das ist meines Erachtens ein Versäumnis, denn unser Körper spricht mit uns, ständig und unablässig. Und über unsere Körper kommunizieren wir auch mit anderen Menschen. Der Körper ist also ein Kommunikationsmittel, und das nicht nur in der Sexualität, aber auch und dort natürlich ganz besonders.

Doch eins nach dem anderen. Worum es heute geht ist meine Einschätzung, dass viele von uns ihren Körper zu wenig kennen und zu wenig Wertschätzung zukommen lassen. Heute also schreibe ich ein Plädoyer für die Feier unseres großartigen Körpers. Ziemlich lange in meinem Leben habe ich ihn als eine Art Werkzeug betrachtet das funktioniert und bei Krankheit eben nicht und dann kümmert man sich um ihn, so gut es eben geht, notfalls mit Arzt und allem drum und dran. Aber dass ich meinen Körper gut kannte oder ein Körperbewusstsein besaß, dass kann ich nicht sagen. Heute betrachte ich ihn als meinen Tempel in dem ich wohne und dem ich jeden Tag dafür dankbar bin, dass er tut, was er tut und dass er mir sagt, wenn etwas nicht in Ordnung ist.  Und das finde ich das richtig spannende: habe ich Jahrzehnte meine Bauchschmerzen ignoriert, weiß ich heute, was hinter ihnen steckt, kümmere mich um mein inneres Kind und siehe da, die Schmerzen lassen nach. Habe ich Kopfschmerzen, ist dies ein deutliches Signal, dass ich zu viel grüble und dann kann ein Spaziergang oder etwas Entspannendes helfen. Manchmal hilft auch nur noch ein Schmerzmittel, auch das erlaube ich mir dann, aber ich tue das in dem Wissen, dass mein Körper mir eigentlich ein Signal gegeben hat, dass ich etwas ändern sollte oder das etwas in mir meine Aufmerksamkeit verlangt.

Seitdem ich mich darum bemühe, meinen Körper nicht nur zu nutzen sondern bewusst zu bewohnen, kann ich auch immer mehr und besser meine Gefühle in ihm verorten. Ich weiß, wo Sicherheit und Ruhe sitzen, kann meist Verbundenheit spüren sowie in manchen Situationen Ärger oder Wut. Zu wissen, wo das Gefühl sitzt und welche Form oder gar Farbe es hat, macht es bei belastenden Empfindungen einfacher, das Gefühl zu halten ohne sich davon überwältigen zu lassen. Habe ich früher meine Gefühle ausschließlich im Kopf wahrgenommen und versucht, über Gedanken zu regulieren, tue ich dies heute durch Atmen oder zum Beispiel durch das Abstreifen meiner Arme und Beine. Besonders freue ich mich, dass ich seit einigen Jahren einen wirklich guten Kontakt zu meinem Herzen habe und fühle, was sich in ihm tut und mit ihm sprechen kann. Das ist unter Umständen sehr erhellend oder hilfreich, wenn es turbulent wird. Ohnehin ist das Sprechen mit dem Körper und unseren Gefühlen eine sehr gute Methode, sie zu regulieren, insofern wir uns noch im Stresstoleranzfenster befinden. 

Wenn wir uns mit unserem Körper beschäftigen und seine Rolle als Kommunikationsmittel bedenken, können wir unser wichtigstes und größtes Wahrnehmungsorgan nicht aus den Augen lassen: die Haut. Über sie nehmen wir Kälte und Wärme wahr, Weichheit oder Rauheit, Schmerz oder Genuss. Die Haut mit ihren unzähligen Nervenzellen ist unsere Körpergrenze zur Welt und ein extrem wichtiges Organ, wenn es um zum Beispiel um die Stressregulation bei Babies und Kleinkindern geht. Kleine Menschenwesen brauchen ganz dringend fürsorglichen und wohlwollenden Körperkontakt, sonst entwickeln sie zum einen keine Selbstregulationsfähigkeit und zum anderen hilft der Kontakt bei der Entwicklung des eigenen Körpergefühls und der eigenen Grenzen sowie einem Sinn für das Selbst. 

Es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir auch als Erwachsene Körperkontakt brauchen, dass Wärme, Zärtlichkeit und Berührung essentiell sind für unser Wohlbefinden und unser inneres Gleichgewicht. Das schöne als Erwachsene ist allerdings, dass wir dafür nicht zwingend eine andere Person benötigen. Wir können uns all das selber geben. Natürlich ist es ein bisschen wie mit der Tasse Tee wenn man krank ist: es ist schöner, wenn sie einem gebracht wird. Aber die grundsätzliche Fähigkeit das Bedürfnis nach Berührung zu erfüllen, haben wir als Erwachsene auch ganz allein. Und ich meine das nicht nur im sexuellen Sinn. Sich selbst liebevoll über die Wange zu streichen, wenn man traurig ist, sich selbst zu umarmen, wenn man sich einsam fühlt, oder sich nach der Dusche achtsam einzucremen… das sind Möglichkeiten, sich um uns selbst zu kümmern. 

Tatsächlich gibt es spirituelle Schulen die die Selbstberührung – als Akt der Selbstfürsorge aber auch als sexuellen Akt, für essentiell in der Erweiterung des Bewusstseins erachten. Dabei wird durch achtsame und sanfte Berührungen die Wahrnehmung geschult und das rein sexuelle Verlangen in ein weiteres Bewusstsein der Einheit transzendiert, wobei innere Themen erkannt und auf der Seelenebene transformiert werden können. Der Körper als Träger unserer Lebensthemen wird hier zum Tor der Erleuchtung – woran man glauben mag oder nicht. Auch in der Paarsexualität kann Spiritualität eine große Rolle spielen. Doch vor allem ist der Körper hier ein ganz wunderbares Sprachvehikel, ein Vermittler von Gefühlen und Empfindungen zwischen zwei Menschen, die sich entschieden haben, einander hinzugeben. Und auch hier gilt: wer seinen Körper kennt und das Wissen um ihn vermitteln kann, hat definitiv mehr davon. Sich in seinem Körper zu Hause zu fühlen und ihn anzunehmen, wie er ist, ist meines Erachtens eine Voraussetzung für das Leben und Genießen von Intimität, ohne sich selbst zu verlieren. 

Wie schwierig es sein kann, ein stabiles Körperbewusstsein zu halten erlebt man unter Umständen, wenn man am Beginn der Reise zum eigenen Körper ist und einmal üben möchte, den eigenen Körper wahrzunehmen, während man im Gespräch mit einer anderen Person ist. Das ist anfangs vielleicht gar nicht so einfach und erfordert wiederholte Praxis. Je nach Stresslevel oder auch Vertrautheit mit dem Gegenüber kann das eine ziemliche Herausforderung sein. Es lohnt sich jedoch, das zu üben, denn je mehr ich bei mir und in meinem Körper bin, während ich im Kontakt bin, umso lebendiger und authentischer kann ich sein. Und wer angezogen gut mit dem Körper in Verbindung ist, wird mit der Zeit auch merken, dass es natürlicher und selbstverständlicher wird, im nackten Körper mit einem anderen Menschen zu sein, was die schönste Nebensache der Welt entspannter und intensiver macht.

Und dann gibt es natürlich noch die Körpersprache als solche, die wir an uns selbst und am anderen wahrnehmen: Stress, Entspannung, Eile, Last, Freude, Selbstbewusstsein, Niedergeschlagenheit und so weiter… all das findet seinen Ausdruck in unserer Körperhaltung und in unserer Mimik und Gestik. Unsere Körper signalisieren also an die Umwelt unseren inneren Zustand und oftmals tun wir das unbewusst, so dass unser Körper teils ehrlichere Signale sendet als wir das mit Worten tun. Die Fähigkeit, die Körpersprache unseres Gegenübers zu lesen, was wir auch meist unbewusst tun, ist übrigens evolutionär bedingt und dient der Sicherung des Überlebens. Auch dies wieder ein schöner Hinweis darauf, dass wir doch soziale und hoch kommunikative Wesen sind – und das nicht nur über die Wortsprache.

Sich mit dem eigenen Körper anzufreunden, ihn kennenzulernen – über das Bewerten anhand von Schönheitsidealen und Kriterien des Massenbewusstseins hinaus – ist, wie ich finde, eine sehr schöne Aufgabe. Allein zu tanzen, sich selbst zu trösten, sich körperlich (selbst) Genuss zu verschaffen – und dabei zu fühlen, wie sich der Körper anfühlt – das ist Lebendigkeit und verkörperte Lebenskraft. Ohne Sigmund Freud bemühen zu wollen, so ist doch die Libido als Lebensenergie und Lebenslust in ihrer Rolle und Funktion für uns nicht zu unterschätzen. Und die sitzt nunmal im Körper. 

Ein Hinweis noch für alle, die sich nicht so leicht tun, ihren Körper zu spüren oder sich im Körper wahrzunehmen: Als extrem hilfreich dafür empfinde ich es, für mich selbst gesund zu kochen und regelmäßig Sport zu treiben. Das müssen keine große Einheiten sein in denen man sich komplett verausgabt, die Regelmäßigkeit ist hier eher für mich ausschlaggebend und ein gewisses Maß an Anstrengung, bei der man den Körper spürt, tut sehr gut und hilft dabei, bei sich im Körper anzukommen. Ganz generell gilt: wer Probleme damit hat, sich im Körper bzw. den eigenen Körper zu spüren, sollte dies gegebenenfalls mit Begleitung und nur in ganz kleinen Schritten üben und sich nicht überfordern. Den Körper nicht zu spüren hat in der Regel gute Gründe und ist meist ein Schutz- bzw. Vermeidungsverhalten, dass nicht aufgebrochen werden darf sondern ganz behutsam integriert und „aufgeweicht“ werden sollte. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne, nährende und interessante Verbindung zum Körper. Seid neugierig und hört gut zu… er ist Euer bester Freund.

Herzlich, Merle

Hinterlasse einen Kommentar