
Heute habe ich etwas getan, von dem ich NIE gedacht hätte, dass ich es tun würde. Ich bin noch immer sehr erstaunt über mich und habe zeitweise den Impuls, das Ganze rückgängig zu machen. Doch dann fällt mir das herrliche Gefühl wieder ein, dass ich beim Testen hatte und ich denke: neeee, das geb ich nicht mehr her! Der für meinen Geschmackssinn erschütternde Akt des Anstoßes ist – ein Fahrradkauf. Ich habe mir heute, jawohl, ein rosa Fahrrad gekauft. Ich sage Babyrosa, der Verkäufer meinte Altrosa…nunja, das macht es nicht besser, finde ich.
Warum überhaupt ein neues Rad? Weil ich seit 30 Jahren Mountainbike fahre und ich habe es satt. Man sitzt vornüber gebeugt, so dass die Eingeweide eingequetscht werden, das Gewicht auf den Handgelenken führt zu Schmerzen, das Ding hat keinen Radständer dafür aber Traktorreifen, die für den Stadtgebrauch völlig überdimensioniert sind. Die über 20 Gänge habe ich nie ausgereizt und nach 2-3 km Fahren tat mir durch die schreckliche Sitzposition alles im Schritt weh – nein danke, was ergonomisch gefälligeres sollte es bitte sein. Also dachte ich an ein Hollandrad. Da gibt es ein, zwei bekannte Marken, die ich auch getestet habe und ich dachte nur: oh, mein Gott, das ist ja der Himmel auf Erden. Der Preis jedoch astronomisch, ebenso wie das Gewicht der Räder. Also war ich nicht wirklich überzeugt davon. Trekkingräder finde ich fast ausschließlich hässlich, also machte ich mich auf die Suche nach einem hübschen Cityrad und ging zu dem Laden, bei dem ich schon meine letzten beiden Räder gekauft hatte. Vertrauen in die Beratung ist mir wichtig und dort hatte ich bisher gute Erfahrungen gemacht.
Der gute Mann zeigte mir zwei Räder, wovon das eine rosa war, ich schloss es sofort aus. Rosa. Geht gar nicht. Das andere Rad war sehr schön aber von der Geometrie her überhaupt nicht für mich gemacht. Nachdem sonst nichts im Laden war, das mich ansprach, ging ich zu dem rosa Teil zurück und fragte ihn, was denn dieses Rad so ausmache. Er meinte, man sitze darin wie in einem Sessel. Ich zögerte noch ein wenig und machte dann kurz entschlossen doch eine Probefahrt. Und was soll ich sagen. Man sitzt da wirklich wie auf einem Wohnzimmersessel, das Verhältnis von Lenker zu Sattel ist für mich perfekt und was der Hammer ist: das Rad ist leicht! Es hat fast den Schnitt eines Hollandrades aber einen sehr leichten Rahmen und das ist einfach wunderbar. Ich glitt also beseelt durch die Straßen und dachte mir: hat er nicht vorhin was von custom made gesagt? Das gibt’s bestimmt auch in anderen Farben. Zurück im Laden also fragte ich sofort: das gibt es doch bestimmt auch in anderen Farben, oder? Er lächelte zerknirscht und meinte, ja, ab 300 Euro aufwärts Aufpreis. Mein Mut sank mir in die Kniekehlen, ich war frustriert. Ich hatte ja kein schwarzes Rad gewollt, schon Farbe, aber so eine Mädchenfarbe? Ich rechnete hin und her. Das Rad war ohnehin schon etwas über meinem Budget – eine andere Ausfertigung kam nicht in Frage für mich. Also schwang ich mich nochmal auf das Rad und fuhr nochmal los. Und es war immer noch herrlich.
Ich muss dazu sagen, dass ich lange nicht regelmäßig Rad gefahren bin, weil mein alter Traktor es mir verleidet hatte und weil ich inzwischen in einem Teil meiner Stadt wohne, von wo aus fast alle Wege zu meinen regelmäßigen Terminen hässlich sind und an sehr großen sehr stark befahrenen Straßen entlang führen. Der Stadtverkehr verunsichert mich; wenn ich in Stress komme, kann es sein, dass ich dissoziiere…. ich hatte mir das Radfahren abgewöhnt. Jedoch, in letzter Zeit dachte ich mir immer öfter, wie schön es wäre, wieder Rad zu fahren und in mir wuchs das Bedürfnis, aus meiner Komfortzone langsam auszubrechen. Mich wieder an den Verkehr und den damit einhergehenden Stress zu gewöhnen. Wieder regelmäßig in Bewegung zu sein und was für meine Gesundheit zu tun und wieder die Lebendigkeit zu spüren, die man spürt, wenn einem der Fahrtwind um die Nase weht….
Da saß ich also nun aufrecht und bequemst auf meinem Fast-Hollandrad in rosa. Und dann hielt ich an einer Ampel. Und da war eine junge Frau auf der gegenüber liegenden Straßenseite und sie grinste mich an. Da es aus meiner Sicht keinen anderen Grund als die Farbe meines Rades geben konnte, grinste ich hoch erfreut zurück und dachte mir: yes, das ist es, das ist mein Rad! Wenn es die Leute zum Lächeln bringt, dann her damit!
Beschwingt und entschlossen fuhr ich zum Laden zurück und erbat mir noch eine Zigarettenlänge Bedenkzeit. So ein Rad ist ja nicht ganz billig, das zahlt sich nicht aus der Portokasse und vielleicht sollte ich doch weiter suchen und auf ein Rad in meiner Lieblingsfarbe (Türkis) hoffen? Aber dann dachte ich wieder an die junge Frau an der Ampel (wenn sie wüsste, was sie ausgelöst hat!) und befand, es sei Zeit, mutig zu sein und wenn ich jetzt aus dem Fenster sehe und mein tolles rosa Rad sehe, bin ich stolz wie Oskar!
Denn was mir auch während der ganzen Überlegerei bewusst wurde, ist, dass ich die Farbe eigentlich ganz hübsch finde, dass ich nur Bedenken hatte, was das für einen Eindruck auf andere macht. Dass ich damit aussehe wie ein mädchenhaftes Mädchen, sozusagen ein Klischee-Mädchen. Und ich bin doch eine erwachsene Frau. Und dann dachte ich: so ein Scheiß! Mir ist egal, was andere denken, ich will dieses Fahrrad! Noch nie habe ich so bequem gesessen und kann es mir leisten!
Also habe ich jetzt ein neues, leichtes, rosa Fast-Hollandrad, das durch die Straßen schnurt und mich glücklich macht. Jetzt muss ich nur noch damit fahren. Der Rückweg vom Laden war verkehrstechnisch schon eine kleine Herausforderung – aber das wird noch ärger werden, wenn ich die weiter weg liegenden Ziele ansteuere. Ich bin sehr gespannt. Ich habe aber beschlossen, dass ich jetzt eigentlich keine Wahl habe als regelmäßig damit zu fahren, nachdem der Entscheidungsprozess so aufwendig war.
Und was lernen wir daraus? Erstens: pfeif auf das, was andere denken und zweitens: werde Dir Deiner Motivationen bewusst, wenn Du Dich mit einer Entscheidung schwer tust. Es war so befreiend zu merken, warum ich rosa abgelehnt habe und außerdem habe ich gerade „Farbpsychologie rosa“ gegoogelt und da lerne ich, dass Rosa alle positiven Gefühle verstärkt und Aggression und Gewalt besänftigt. Na, wenn das für den Straßenverkehr nicht praktisch ist, weiß ich auch nicht.
Was ich auf dem Weg nach Hause auf jeden Fall schon feststellen konnte, ist, dass die aufrechte Sitzposition unglaublich viel mehr Spaß bringt, als das geduckt-gehetzte Kauern auf einem Mountainbike. Leute, ich weiß, ich werde alt, aber was soll man machen, so ist es nunmal.
Und da muss ich 50 Jahre und älter werden um den Mut aufzubringen, eine Farbe zu wählen, die für Weiblichkeit und Sanftheit steht. Cool geht anders, aber wer will schon cool sein, wenn er dafür gemütlich sitzt?
In diesem Sinne wünsche ich uns allen immer wieder Situationen, in denen unsere althergebrachten Glaubenssätze und Bewertungen infrage gestellt werden und in denen wir ruhig mal was anders als geplant machen dürfen.
Herzlich,
Merle