
Immer wieder höre ich grausige, obgleich auch lustige Geschichten von KatzenbesitzerInnen, die versuchen, ihre Fellnasen in einen Transportkorb zu bugsieren, um ihre Lieblinge zum Tierarzt zu befördern. Das reicht von der Katze, die rechtzeitig unters Bett flitzt über zerkratze Hände und Arme bis hin zum Tier, dass sich mit allen Vieren in die Öffnung des Behältnisses spreizt und festkrallt, um nur ja nicht eingesperrt zu werden.
Ich bin hingegen gesegnet. Von Anfang an als Katzenbesitzerin gesegnet mit den mir anvertrauten Vierbeinern, die sich ohne Probleme in den Transportrucksack setzen ließen bzw. setzen lässt. Meine Katze Fee, eine Seniorin, die genau weiß, was es bedeutet, in den Rucksack gepackt zu werden, hat sich auch gestern wieder völlig anstandslos hinein pflanzen lassen. Und gemeiner Weise musste ich sie auch noch aus dem Schlaf reißen… bevor ich sie in den Korb setzte, kuschelte ich noch kurz mit ihr und schwupps, war sie drin. Keine Frage, spätestens wenn die Tür zu ist und sie realisiert, dass sie jetzt eingesperrt ist, fängt das Gejaule an – undzwar so markerschütternd, dass man meinen könnte, irgendwo wird ein kleines Kind massakriert. Aber obwohl sie dieses Gezeter jedes Mal veranstaltet, bleibt sie auf meinem Arm, auch wenn sie den Rucksack schon sieht und weiß, wo es hin geht.
Ich schreibe das nicht, weil ich Katzengeschichten so süß finde. Sondern weil ich zutiefst bewegt bin von dem Vertrauen, dass mir meine beiden Katzen von Anfang an entgegen gebracht haben. So zumindest interpretiere ich das. Es hilft wahrscheinlich, dass ich selber ruhig bleibe in den Minuten vor dem Tierarztbesuch… aber insgesamt glaube ich, dass die Ruhe meiner Katzen vor allem das Vertrauen spiegelt, das sie in mich haben. Mich berührt das so, weil uns ja unsere Haustiere komplett ausgeliefert sind, am Ende des Tages. Sie sind abhängig von uns und auch wenn ich der festen Überzeugung bin, dass selbst eine Hauskatze Mittel und Wege finden würde auszubüchsen, wenn sie keine Lust mehr auf ihre Besitzer hat, bleibt es doch so, dass wir Menschen die Verantwortung für sie tragen und wir über ihr Wohlergehen entscheiden. (In den Augen einer Katze sind wir natürlich ihre Angestellten und ich lasse sie gerne in dem Glauben :-))
Vertrauen also ist es, worum es mir geht. Ich habe nachgedacht, ob ich in meinen Beziehungen zu Menschen so ein gegenseitiges Vertrauen schon erlebt habe und ich kann mir natürlich nicht sicher sein, aber bis auf eine Handvoll Menschen fallen mir da nicht wirklich viel mehr ein. Vielleicht ist das sogar viel für ein Menschenleben, aber ich hätte gerne mehr davon. Wir Menschen tendieren ja dazu, gerade in Bindungen, in denen (emotionale) Abhängigkeit besteht, mit unserem Vertrauen zu haushalten. Gar gegenseitige Hingabe und Vertrauen sind ein großes, seltenes Geschenk. Ich gehe davon aus, dass es daran liegt, dass wir uns oft nicht trauen, weil wir Angst haben, enttäuscht zu werden. Im übertragenen Sinne: es gibt nicht so viele Menschen, die sich so wie meine Katzen auf den Rücken legen, alle Viere von sich gestreckt, und am Bauch kraulen lassen – eine absolute Vertrauensgeste bei diesen Tieren.
Ich habe keine Kinder, aber ich stelle mir vor, dass es für Eltern ebenso beglückend und berührend sein muss wenn man feststellt und spürt, wie einem die eigenen Kinder einfach so ihr Vertrauen schenken. Kinder haben diese Gabe (noch), und vertrauen ihren Bezugspersonen, sogar wenn diese das Vertrauen gar nicht verdient haben sollten. Es liegt in der Natur des Kindlichen, Bindung zu suchen weil es von dieser abhängig ist und dann wird der Person vertraut, die zuständig ist. So traurig das manchmal auch sein kann. Wenn ich also darüber raisoniere und es schade finde, dass wir Menschen oft so wenig einander vertrauen, dann muss ich in die Kindheit gehen und da stelle ich fest, dass wir alle ein ganz schönes Päckchen mit uns herum tragen, das es im späteren Leben schwer macht, zu vertrauen. Sowohl dem Fluß des Lebens als auch unseren Mitmenschen.
Vertrauen ist die Kunst, nicht zu wissen, aber dennoch davon auszugehen, dass mein Gegenüber mir wohlgesonnen ist und mir nichts Böses will. Es ist die Kunst, davon auszugehen, dass selbst wenn das Gegenüber etwas tun oder sagen sollte, das mir schadet oder Schmerz zufügt, dass das einen guten Grund haben wird. Es ist letztlich eine Form der Hingabe ans Leben, die uns oft so schwer fällt. Nicht zu wissen, aber auf das Beste zu hoffen – während man den worst case nie ausschließen kann – ist eine Haltung, die viel inneres Gleichgewicht und einen guten Kontakt zu einem selbst erfordert. Es gibt Traumaforscher, die davon ausgehen, dass der Großteil der Menschheit frühe Traumatisierungen mit sich trägt. Wenn ich das berücksichtige, verstehe ich noch besser, warum es für viele von uns so schwierig ist zu vertrauen, gerade in engen Bindungen.
Was aber passiert, wenn wir nicht oder nur begrenzt vertrauen, ist, dass wir uns zum einen der unfassbar schönen Erfahrung berauben, sich einem signifikanten Anderen zu öffnen, sich zu zeigen und auch die Öffnung des Gegenübers zu erleben. Uns entgeht dann sozusagen das seelische am Bauch gekrault werden und den anderen am Bauch kraulen zu dürfen. Zum anderen werden unsere Bindungen dadurch oberflächlicher und begrenzter. Weil wir nicht gelernt haben, mit belastenden Situationen adäquat umzugehen und zu vertrauen, dass sich vieles durch Gespräche und gemeinsames Hinschauen verarbeiten und zum Teil sogar heilen lässt durch sogenannte korrigierende Erfahrungen – die wiederum unser Vertrauen stärken können.
Ich bin unfassbar dankbar, dass ich relativ früh in meinem Leben an (professionelle) Helfer geraten bin bzw. an Menschen, mit denen ich immer wieder Vertrauen üben durfte und darf. Ich weiß, wie schwierig es ist, so manche Kröte zu schlucken, die einem das Leben anbietet – und trotzdem wieder zu vertrauen. Ich habe auch großes Glück, dass ich als Erwachsene in meinen signifikanten Beziehungen immer offen sprechen konnte/kann und dass es immer eine Kommunikation gab/gibt, die mir Vertrauen ermöglicht hat, auch wenn es nicht immer einfach war oder ist.
Miteinander sprechen ist also aus meiner Sicht das A und O in jedweder Form der Beziehung, wenn wir vertrauen wollen; ebenso wie Ehrlichkeit und gegenseitige Wertschätzung. Oft kann auch schon helfen auszusprechen, dass man sich mit Vertrauen schwer tut und damit fällt es dann manchmal leichter… am Wichtigsten aber ist, dass wir ein gutes Selbstvertrauen haben. Vertrauen in die eigene Resilienz und das eigene Vermögen, mit dem was kommt, umgehen zu können. Wer um die eigene Fähigkeit weiß, mit schwierigen Situationen klar zu kommen und gut kommunizieren zu können, der wird sich leichter tun, anderen zu vertrauen. So wie meine Katze weiß, dass sie wehrhaft ist, wenn es ihr reicht mit den Streicheleinheiten, so hilft es auch uns Menschen zu wissen, dass wir für uns einstehen können und uns im Zweifel behaupten können.
Ohne unsere Haustiere vermenschlichen zu wollen und zu viel hinein zu interpretieren, glaube ich doch, dass wir von unseren haarigen Begleitern einiges lernen können, wenn es um die Hingabe ans Leben und an unsere Nächsten geht. Ich zumindest beneide meine Mitbewohnerin um ihre Unbedarftheit in vielen Situationen, obwohl sie mit ihren über 18 Jahren auch schon Dinge erlebt hat, die es ihr hätten austreiben können. Ich finde das ziemlich phänomenal und wunderschön. Vielleicht auch gerade deshalb, weil ich das gleiche Vertrauen zwischen meinen Katzen beobachten konnte, als mein Kater noch lebte. Die hatten durchaus schlechte Phasen, dann wurde es eben ausgehandelt und dann lagen sie wieder sich gegenseitig putzend und eng aneinander geschmiegt da… zumindest bei meiner Katze weiß ich, dass sie eine sehr glückliche Kindheit hatte, von meinem Kater weiß ich es nicht…
Ich kann gut nachvollziehen, wenn jemand jetzt sagt, das hat doch alles mit Menschen nichts zu tun und bloß weil eine Katze in den Transportkorb geht, heißt das noch lange nicht, dass Vertrauen unter Menschen angebracht ist. Stimmt, wir sollten gut prüfen, wem wir vertrauen und uns öffnen und unsere verwundbaren Seiten zeigen. Dafür haben wir in der Regel unsere Intuition und den gesunden Menschenverstand bzw. unsere hoffentlich vorhandene Menschenkenntnis. Was wir aber von unseren Tieren lernen können, zu denen wir ein enges Verhältnis haben, ist die bedingungslose Annahme des Hier und Jetzt. Ein gewisses sich Ergeben in den Moment, das man bei Tieren gerade dann oft beobachten kann, wenn es ihnen nicht so gut geht. Und die Hingabe an und Akzeptanz ihrer oft wunderlichen und schwer nachvollziehbaren BesitzerInnen. Wo Menschen längst gegangen wären, sind unsere Haustiere immer noch für uns da und trösten uns vielleicht sogar. Und das, obwohl wir nicht einmal die gleiche Sprache sprechen!
In diesem Sinne wünsche ich uns allen vertrauensvolle Beziehungen zu Mensch und Tier und eine gute Selbstkenntnis, um zu verstehen, falls wir uns mit dem Vertrauen mal nicht so leicht tun.
Herzlich, Merle