Einzigartig

Neulich fragte mich ein Freund, was mit all meinen Bildern geschehen würde, wenn ich mal gestorben bin. Ich fand das eine lustige Frage, weil ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe. Was ist, wenn ich mal nicht mehr bin, war für mich bisher nicht relevant, eher schon die Frage, wie die Zeit vor dem Sterben sein wird und was ich tun kann, um sie gegebenenfalls möglichst erträglich zu gestalten. Aber was ist, wenn ich tot bin, was dann mit all meinen Dingen passiert, darüber habe ich nie nachgedacht. Und ich stellte fest, dass ich das gar nicht wichtig finde. Ich dachte mir, ich sollte vielleicht irgendwann genug organisiert haben, dass nicht jemand anderes den ganzen Stress hat, mein Hab und Gut zu durchforsten und zu entsorgen… das schon… aber ich denke nicht, dass ich etwas von so großem Wert besitze, dass ich es jemandem vermachen würde. Und meine Bilder, die sind mir zwar lieb und teuer, jedoch wenn ich tot bin, ist das glaube ich nicht mehr wichtig. Das dürfen oder müssen dann doch andere entscheiden, was damit passiert.

So dachte ich also vor mich hin und kam irgendwann zu dem Punkt an dem ich versuchte, mir vorzustellen, wie die Welt ist, wenn ich nicht mehr bin und da geschah etwas sehr skurilles und witziges: ich bekam fast einen Knoten im Kopf weil ich es nicht schaffte, die Welt ohne mich zu denken. Also, ich kann mir natürlich eine Welt ohne mich vorstellen, das schon. Es ist leicht sich auszumalen, wie die Dinge alle weiterlaufen ohne einen selbst. Aber ein Konzept im Gehirn zu haben, wie sich die welt dann anfühlt, wie sie aussieht, riecht, schmeckt – das geht nicht. Und das ist auch logisch. Denn meine Art die Welt wahrzunehmen wird es dann nicht mehr geben und das ist etwas, das für das menschliche Bewusstsein schwer zu denken ist. Sich selbst wegdenken sozusagen, sich aus der Gleichung rauszunehmen, die ohne mich gar nicht existieren würde, das ist harter Tobak. Und lustig. Finde ich. Wie gesagt, ich hatte das Gefühl, meine Synapsen verknoten sich und strengen sich schrecklich an, aber es hat nicht funktioniert. Vielleicht müsste ich dafür mehr meditieren oder erleuchtet sein – es geht nicht.

Das Schöne an dieser Spielerei ist, dass mir dadurch massiv klar wurde, wie einzigartig wir alle sind. Jeder einzelne von uns ein Universum. Wie großartig ist das denn. Ohne Dich wäre die Welt nicht vollständig, liebe Leserin, lieber Leser. Ich persönlich glaube ja, dass wir, also jeder von uns, nicht aus purem Zufall da ist. Ich denke, es hat einen Grund, warum wir geboren wurden und es ist gut, dass wir alle da sind, wie wir da sind. (Jetzt fallen mir zwar zwei weltbekannte Männer ein, die ich mir gerne wegdenken würde, aber das steht auf einem anderen Blatt…) Wir sind also nicht aus einer Laune des Schicksals da sondern weil es Sinn macht, dass wir da sind. (Auch wenn ich den Sinn bei manchen weltbekannten Figuren noch nicht verstanden habe, vieles bleibt ein Mysterium.) Weil jeder von uns Teil des Ganzen ist und weil nur Du die Welt so siehst wie Du sie sehen kannst und eine Welt in der Welt erschaffst, mit dem, wie Du bist. Das gilt für alle von uns. 

Ich finde das zutiefst tröstlich. Es gibt mir ein Gefühl des gehalten Seins und des „Ich habe einen Platz in der Welt.“ Ein Gefühl, dass ich ganz lange in meinem Leben nicht hatte. Da spielt es keine Rolle, dass ich keine großen Hinterlassenschaften habe und dass die Welt sich nicht an mich erinnern wird – außer den mir nahe stehenden Personen. Dadurch, dass ich war und mein Leben gelebt habe wie nur ich es kann bzw. konnte, habe ich schon eine Spur im großen Ganzen hinterlassen und meinen Teil beigetragen. 

Die Welt, wie ich sie sehe und wahrnehme, wird es also irgendwann nicht mehr geben. Mein Universum wird, ja was, wie eine Seifenplatze zerplatzen? Wenn ich gerade nicht so viel Lust auf Leben hätte, würde ich ja fast sagen, ich bin gespannt was passiert, wenn ich sterbe. Was geschieht dann mit meinem Bewusstsein und meiner Seele? Ich werde es mit Staunen beobachten. 😉

Als Kind wurde ich mal gefragt, wie ich mir das Jenseits vorstelle. Ich antwortete, ohne zu wissen, wo das herkam, dass ich denke, dass jeder nach dem Tod dort hinkommt, woran er zu Lebzeiten geglaubt hat. Das finde ich nach wie vor sehr schlüssig. Und bin sehr froh, dass die streng katholische Erziehung meiner Kindheit in mir nicht Fuß fassen konnte. 

Diese ganze Nachdenkerei über den Tod und das danach und das weg sein hat mich schließlich dazu gebracht darüber nachzudenken, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Was ich von meinem Leben sagen können möchte, wenn es ans Sterben geht. Und ich bin rasant erleichtert, dass sich auch das seit meiner Jugend nicht geändert hat: ich fand immer, das Wichtigste ist es, geliebt zu haben. Und das habe ich. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Und auch hier komme ich wieder an den Punkt, die Einzigartigkeit des Individuums zu erkennen: keine Liebe ist gleich. Jede Liebe zwischen zwei Menschen ist einzigartig und anders. Keine ist gleich. Zwei Universen, die zusammen ein Stück des Weges gehen, erschaffen so eine neue einzigartige Welt. Wo diese Energie hingeht, wenn sich zwei trennen, da bin ich mir nicht sicher. Das ist wie die Frage, wo geht die Liebe hin, wenn sie geht. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich jemand vorstellt, daraus würden irgendwo wunderschöne Blumen wachsen. Das ist ein wunderbarer Gedanke, wie ich finde.

Ich finde solche gedanklichen Erkundungen sehr hilfreich und ich hoffe, meine lieben LeserInnen, Ihr findet das Thema nicht düster oder schwer. Mir macht die Beschäftigung damit bewusst, wie endlich alles ist, wie endlich ich bin und dann mache ich eine kleine Inventur und überprüfe, ob ich noch auf einem Weg bin, der mir gefällt oder ob ich unbewusst irgendwo dahin dümple und mein Leben verplempere. Außerdem ist der Tod Teil des Lebens und ihn weg ignorieren zu wollen, macht irgendwie für mich auch keinen Sinn.

Was meine Bilder angeht, denke ich, dass irgendwann jemand sehr froh sein wird, dass die meisten nicht auf Leinwand sondern auf Papier entstanden sind. Das macht die Entsorgung einfacher. Außer natürlich es kommt in den nächsten 50 Jahren der große Durchbruch, dann muss ich mir vielleicht in der Zukunft doch noch Gedanken über ein Testament machen 🙂

Was unser aller Einzigartigkeit angeht möchte ich uns dazu ermutigen, dass wir uns alle viel mehr dessen bewusst sind. Dass wir uns unserer Individualität bewusst sind und sie feiern und ausdrücken und gestalten und uns mit ihr zeigen und nicht verstecken. Jeder von uns ist jemand Besonderes und diese mit der Geburt gegebene Eigenschaft sollten wir kultivieren, nähren und schätzen. In uns selbst und im Gegenüber. Und das Tolle ist: dafür muss man nichtmal etwas Spezielles leisten oder erringen oder erwerben. Es geht einfach nur darum man selbst zu sein und das zu tun, was man in jedem Moment des Seins gerade am Besten kann oder am liebsten tut. Es geht nicht um Leistung oder Status. Es geht um das Feiern Deiner und meiner Einzigartigkeit. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne Entdeckungsreise zur oder mit der eigenen Individualität und wünsche uns Mut, sie zu kultivieren und zu zeigen, damit wir andere anstecken, dasselbe zu tun…

Herzlich, Merle

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