Gott ist ein Seepferdchen

Achtung, dies ist ein Artikel voller Spoiler. Ich war heute im Kino und habe mir den zauberhaften Kinderfilm „Der letzte Walsänger“ angesehen und ich werde so darüber schreiben, dass jemand, der den Film noch ansehen möchte, den Artikel lieber nicht lesen sollte. 

Es ist ein erfrischend langsamer Film mit wunderbaren Botschaften. In der Geschichte muss Vincent, der Buckelwal, der seine Eltern verloren hat, seine Rolle als letzter Walsänger finden und das bedeutet, er muss sein eigenes Lied in sich finden – was ihm erst gelingt, als er in einer sehr misslichen Lage gefangen ist. Und was er auch in seinem Gefängnis findet, ist die Erkenntnis, dass er seine verstorbenen Eltern nur in sich selbst wieder finden kann. Eine Wahrheit, die ihm vorher schon das Seepferdchen anvertraut hatte, die er aber nicht hatte glauben wollen. Das Seepferdchen ist übrigens auch der Guru, den ein depressiver Delphin, eine an Verdauungsstörungen leidende Seegurke und eine Gedanken lesende Qualle anbeten, um zu innerem Frieden und zur Erleuchtung zu finden.

Natürlich findet also Vincent sein Lied rechtzeitig und es gelingt ihm, das Monster, den Leviathan (!) zu heilen. Es ist ein Krake, der durch einen Atomversuch entartet ist und der durch den Walgesang zu seiner wahren Natur zurück findet… 

Drei Dinge beschäftigen mich nachhaltig an dem Film, die ich in einem Kinderfilm nicht vermutet hätte: Vincent sucht das Reich der Toten, das Sternenbecken, um seine Eltern zurück zu holen. Als er sie schließlich in sich findet, werden die beiden großen Buckelwale als solche dargestellt, mit Licht umwoben. Hier wird nach meiner Interpretation offenbar davon ausgegangen, dass wir Seelen haben, die nach dem Tod weiter existieren. Und dass wir die Verbindung zu ihnen in uns finden können. Was ich außerdem ganz wunderschön finde, ist das zentrale Motiv im Film: das Walgesang heilen kann, und zwar nicht nur den Kraken sondern auch durch Umweltverschmutzung zerstörte Riffe und kranke Seelöwen.. Schon der Vater von Vincent war Walsänger, wie viele vor ihm… und er sowie Vincent sind jeweils von leuchtendem, funkelndem Licht umgeben, wenn sie singen… die Botschaft, die ich hier entnehme, ist, dass Musik heilsam ist, dass Gesang uns zum leuchten bringen kann, dass Musik eine positive Energie verströmt, die allen gut tut… wie wunderbar ist das denn? 

Das dritte Element des Films, das mich verwundert, ist, dass das Monster Leviathan genannt wird – nach Thomas Hobbes wäre das die Bezeichnung für einen übermächtigen Staat. Ist das Zufall? Oder denke nur ich daran, weil ich mal politische Theorie studiert habe? Leviathan bezeichnet allerdings auch ein mächtiges Seeungeheuer… insofern passt der Name natürlich, dennoch frage ich mich, ob sich die Macher hier eine Anspielung auf den Staat als menschengemachtes Ungeheuer erlaubt haben… ein Ungeheuer, dass es erlaubt, dass die Meere verdrecken und zugemüllt werden und dass Meeresbewohner von Menschen und Schiffen getötet werden…

Der letzte Walsänger ist in jedem Fall ein Film, der dem Zuschauer ganz viel Rührung und Berührtheit bescheren kann – egal, wie man die Botschaften des Films verstehen mag, transportiert sich auf jeden Fall das Wunderschöne und Wunderbare an der Welt der Ozeane und man wird wehmütig, wenn man daran denkt, was wir mit den Weltmeeren machen. Umso erstaunlicher finde ich es, dass der Film gerade mal in zwei Kinos in meiner Stadt läuft… ich bin gespannt, wie lange er auf dem Spielplan bleiben wird. Das Kino war übrigens auch sehr schlecht besucht, es war fast leer, was am Fasching liegen mag, aber schade fand ich es trotzdem.

Man kann den Film kitschig finden, oder zu esoterisch oder zu gefühlsduselig. Man kann sich aber auch in eine magische Welt entführen lassen und ein bisschen was von der Magie der Gesänge mitnehmen bzw. sich fragen, ob es eben nicht doch auch Magie gibt – und wir sie nur nicht mehr sehen oder spüren, weil wir den Glauben daran verloren haben? Natürlich kann kein Walgesang der Welt ein Korallenriff retten – aber – vielleicht, nur vielleicht, lohnt es sich, den Gedanken weiter zu spinnen, dass wir den Leviathanen dieser Welt mit Leuchten und positiver Energie begegnen können. Uns nicht einschüchtern lassen, unsere Ängste bezwingen und gemeinsam dem Dunklen etwas Helles entgegen setzen können. 

Und nein, ich höre keine Walgesänge zur Entspannung oder zum Einschlafen, aber mich verzaubern die Wunder der Natur und ich finde, allein dass dieser Film es schafft, diese Wunder so herrlich zu zeigen, macht ihn wertvoll.

In diesem Sinne lade ich meine Leser*innen ein, doch mal nachzuspüren, ob es nicht doch mehr gibt, als unsere Augen sehen und unsere Hände anfassen können und unser Gehirn berechnen kann… wie schon der Fuchs im kleinen Prinzen (von Antoine de Saint-Exupéry 1943/45) sagte: man sieht nur mit dem Herzen gut.

Herzlichst, 

Merle

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