
Vor rund einer Woche ist es passiert. Ich stehe ohne Handy da und denke: „Ach Du Scheiße!“ Während ich mein aktuelles Telefon als Garantiefall zurück geschickt hatte, habe ich den Vorgänger reaktiviert, der eigentlich aussortiert worden war, weil er sich immer wieder ohne Grund in den Sicherheitsmodus schaltete oder ganz aus. Ich mache das alte Handy also an und bete. Bitte, bitte, lass es ein paar Tage durchhalten, bis das neue da ist! Es geht an, es lässt sich mühelos neu einrichten und ich bin heilfroh. Ich erzähle ihm, wie lieb ich es habe und dass es bitte noch eine Weile für mich arbeiten soll. Tut es auch, bis die Email kommt, dass mein neues Telefon an mich versendet wurde. Ungelogen – in dem Moment, in dem ich die Email öffne, kackt es ab und lässt sich nicht mehr reaktivieren. Als ich das realisiere, überkommt mich plötzlich eine große Ruhe und ich denke ganz entspannt: ach was soll’s, dann halt ein paar Tage ohne Handy, das kann ja nicht so schlimm sein! Ja, denkste Puppe.
Da wäre zunächst mal der ungünstige Umstand, dass alle meine Kontakte auf dem Handy gespeichert sind und ich keine Sicherung auf dem Rechner habe. Wie soll ich mich da am Samstag mit meiner Freundin J. verabreden? Und während ich erstaunt feststelle, dass Telegram über den Rechner weiter funktioniert und ich mich also doch mit ihr verabreden kann, merke ich, dass Signal aber nicht zu aktivieren ist und da dort die meisten meiner Kontakte stattfinden, ärgere ich mich sehr. Gut, kann man nichts machen, beruhige ich mich, dann halt nicht. Steht ja nichts Wichtiges an. Und genauso ist es auch – und doch, ich muss es vor mir selber eingestehen und schäme mich fast ein bisschen: in den paar Tagen ohne funktionierendes Handy ist dieses Ding ständig in meinem Kopf präsent. Wie eine Substanz, von der ich abhängig bin und an die ich andauernd denken muss.
Das nicht funktionierende Device liegt auf meinem Küchentisch und während ich Kaffee trinke, bemerke ich entsetzt, dass ich es automatisch regelmäßig anschaue, ob es neue Nachrichten gibt.
Am dritten Tag werde ich nervös, weil es ja sein könnte, dass mich jemand erreichen möchte aber nicht kann. Am vierten Tag bin ich völlig genervt von der Feststellung, wie oft ich im Internet was nachschaue, was mir jetzt, da ich es am Rechner mache, viel stärker auffällt. Am fünften Tag checke ich dort regelmäßig den Status der Sendung bei UPS…
Nein, ich bin nicht stolz darauf, wie sehr ich mich auf das neue Handy freue – auch wenn es eine sensationelle Farbe hat (Heidelbeersahne) – ich finde es massiv bedenklich, wie sehr mein Gefühl von Verbundenheit mit der Welt von diesem Ding abhängt. Dabei bin ich nicht auf einer Bergtour und muss vielleicht im Notfall einen Notruf absetzen… nein, ich bin in Sicherheit und bestens versorgt in der Mitte der Welt sozusagen und weiß natürlich, dass das Gefühl von Verbundenheit mit dem Außen null komma null mit einem Handy zu tun hat. Es entsteht bei reguliertem Nervensystem in unserem Körper – nicht mehr und nicht weniger…
Und obwohl mir das bewusst ist, wandert meine Hand oder mein Auge immer wieder zum nicht mehr funktionierenden Handy… man könnte es ja noch auf die Werkseinstellungen zurück setzen und schauen, was dann passiert! Wie eine Süchtige, die noch ein bisschen Staub von Stoff gefunden hat und hofft, dass es noch für einen Schuss reicht, schalte ich das Mobiltelefon nochmal an und setze es auf die Werkseinstellungen zurück. Das geht noch – und dann geht es ganz aus und ward nie mehr gesehen. Shit. So, nun ist aber mal gut und Schluss mit lustig! Ich beschließe, mich von der digitalen Abhängigkeit zu befreien und nehme mir vor, auch in meinem Computer nicht ständig nach irgendwas zu fahnden. Nachdem mir das Ausmaß meiner Bindung – und ich benutze das Wort nicht zufällig – an das Teil klar geworden ist, bin ich so erschrocken, dass ich es gut sein lasse.
Bis zu dem Tag, an dem mein neues Handy ankommt… aber das verzeihe ich mir…
Jedenfalls bin ich in mich gegangen und mir ist die Dynamik sehr klar. Es gibt innere Anteile in mir, die Erinnerungen tragen aus Zeiten, in denen ich (als Kind) Bindung dringend gebraucht hätte, aber es gab kein Angebot. Ich war allein. Viel zu früh viel zu allein. Aus dieser Zeit stammt mein Mechanismus, im Außen nach etwas zu suchen, das mein Bedürfnis nach Kontakt und nach Bindung erfüllt. Mit großem Staunen und noch größerem Mitgefühl ist mir klar geworden, dass ich das auf mein Handy übertragen habe, dass ein kindlicher Anteil in mir dieses „soziale Medium“ sozusagen als Ersatzbefriedigung nutzt. Doch wie bei einer „echten“ Sucht, die nicht nährt und nicht erfüllt sondern immer nach mehr verlangt, gibt es auch über das Handy keine Erfüllung dieses Bedürfnisses. Die Suche geht unentwegt weiter, bis ins Absurde, wenn das kaputte Telefon schon lange nicht mehr zu gebrauchen ist.
Die Lösung liegt natürlich auf der Hand. Von einem gemäßigten Gebrauch des Teils abgesehen kann nur echte Verbundenheit mit echten Menschen das Bedürfnis stillen und selbstverständlich am Ende des Tages meine eigene innere Verbundenheit zu mir und meinen inneren Anteilen. Sowohl die korrigierende Erfahrung realer menschlicher Bindung als auch mein unermüdliches Annehmen meiner Ego States (vgl. zum Beispiel https://www.verenakoenig.de/blog/85-schwierige-innere-anteile-verstehen/) sind wichtig, um den suchenden Anteil in mir heilsam transformieren zu können.
Einstweilen beobachte ich mich, wie ich mit dem neuen Handy umgehe und versuche, mich nicht für meine alte, noch präsente Verhaltensweise zu verurteilen. Ich finde es extrem wichtig zu verstehen, dass Sucht eine Suche nach etwas im Außen ist, dass es sich sozusagen um ein Missverständnis im innerpsychischen System handelt, eine dysfunktionale Strategie, um Gefühle zu betäuben und/oder um Bedürfnisse zu erfüllen. In meinem Fall heißt das schlicht, immer und immer wieder die Einsamkeit und den Schmerz anzunehmen und in langsamen Schritten von dort hinaus zu gehen in die echte Verbundenheit mit der Welt. Sei es beispielsweise durch den Aufenthalt in der Natur oder mit Menschen, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin.
Insofern bin ich den beiden Mobiltelefonen die den Dienst aufgegeben haben sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und mir so wieder einmal eines meiner Muster ins Bewusstsein gerufen wurde. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann hatte ich das schon länger vermutet, so ganz unreflektiert bin ich ja nicht… aber dass es solche Ausmaße hat, hätte ich nicht erwartet.
Eine der Übungen lautet also jetzt: Handy in den lautlos-Modus stellen und weglegen und dann auch dort liegen lassen! Ich kenne ein, zwei Leute, die ein sehr entspanntes Verhältnis zu ihrem Handy haben und wirklich nur ab und zu drauf gucken… da möchte ich wieder hin… Zu meiner Ehrenrettung sei aber gesagt, dass ich immerhin in den öffentlichen Verkehrsmitteln so gut wie nie am Handy bin. Da sehe ich sie nämlich immer alle sitzen und auf ihr Telefon starren und dieser Massenanblick ist so absurd, dass ich meins unterwegs wegpacke. Aber das nur am Rande…
In diesem Sinne mag vielleicht der/die eine oder andere Leser/in bei Gelegenheit mal nachspüren, mit was er oder sie versucht, ein Bedürfnis zu erfüllen, das sich so gar nicht erfüllen lässt ;-). Die eigenen dysfunktionalen Strategien zu entlarven kann sehr erleichternd sein… nur Mut also und vor allem ganz viel Selbstmitgefühl dafür wünscht
herzlich, Merle