
…Deine rechte Hand wird durch die Kraft Deiner Imagination größer. Glaubst Du nicht? Probier es aus!
Setze Dich in einem ruhigen Moment ganz bequem hin und mach es Dir gemütlich, so dass Du richtig entspannen hast. Nimm ein paar bewusst Atemzüge (das heißt, beobachte sie, verändere sie nicht) und spüre bewusst die Unterlage auf der Du sitzt oder liegst. Nun halte Deine rechte und Deine linke Hand an den Handflächen aneinander. Sie sind sehr wahrscheinlich sehr symmetrisch. Jetzt lege Deine Hände ganz entspannt ab, auf Deinen Oberschenkeln oder dem Bauch, ganz egal, Hauptsache, sie sind entspannt. Und dann stelle Dir vor – gerne mit geschlossenen Augen – wie Deine rechte Hand beginnt zu wachsen. Sie wird größer, vielleicht so groß wie ein Teller. Stell Dir richtig das Bild Deiner großen Hand vor und sieh, vor Deinem inneren Auge, wie sie wächst. Vielleicht ist sie jetzt schon so groß wie ein Klodeckel oder der Sitz von einem Sessel. Ja, sie kann sogar so groß werden wie ein Elefantenohr. Und während Du Dir das vorstellst, atme die ganze Zeit ruhig und entspannt weiter. Und nach einer Weile kannst Du die Augen wieder öffnen und Deine beiden Hände wieder an den Handflächen aneinander legen. Zu 90% Wahrscheinlichkeit ist die rechte Hand jetzt ein bisschen größer, der Zeigefinger und der Mittelfinger sind etwas länger als die der linken Hand. Richtig?
Ich habe dieses kleine Experiment neulich kennengelernt und wahr baff erstaunt – ich hätte nicht damit gerechnet. Und es handelt sich hier übrigens nicht um eine Frage der Wahrnehmung sondern die Sehnen und Muskeln in der Hand sind durch die Entspannung tatsächlich gedehnter und damit die Hand etwas größer.
Diese kleine Übung war eine Illustration für die Kraft der Imagination. Vor allem Sportler kennen die Kraft des Mentaltrainings. Es geht in die Richtung des „fake it till you make it“ . Die Kraft der Vorstellung und der inneren Bilder ist immens und wir können mit ihrer Hilfe scheinbar unglaubliches erreichen: die innere Ausrichtung wird durch die Arbeit mit der Imagination gestärkt, wir können Glaubenssätze transformieren und haben Zugang zu unserer inneren Weisheit und Intuition, die uns den Weg weisen, wo die Kognition sagt: so ein Schmarrn, das klappt nie. Doch. Stell es Dir vor. Sieh und nimm wahr, was Du alles an Ressourcen und Quellen der Kreativität in Dir hast.
Ich schreibe das allerdings nicht, weil mir daran liegt, jemanden von sportlichen Höchstleistungen zu begeistern sondern weil ich von der heilsamen Wirkung der Imagination in der traumasensiblen Arbeit begeistert bin und weil ich glaube, dass wir alle Imagination nutzen können, um uns das Leben leichter zu machen.
So ist es zum Beispiel möglich, in der inneren Landschaft innere Helfer zu finden oder weise Begleiter, die uns in schwierigen Situationen unterstützen können. Das können Menschen, Tiere oder Fabelwesen sein oder einfach spürbare Energien. Wir können einen sicheren Ort in uns kreieren und wir können Ballast in inneren Reisen abwerfen. Wir können durch die Vorstellung von Lichtströmen heilsame Energie an schmerzhafte Punkte in uns bringen und wir können imaginativ mit unserem unversehrten Kern in Kontakt kommen.
Unsere Psyche denkt in Bildern und unsere unbewussten Ebenen erreichen wir durch Bilder, weniger durch den Verstand. Auch das implizite Gedächtnis, das Körpergedächtnis wird durch Bilder berührt, nicht durch Denken oder Analysieren. Wenn es um Gefühle geht und Verhaltensmuster bzw. Überlebensstrategien, die dem Verstand nicht zugänglich sind, dann kann die Imagination sehr viel bewirken. So ist es zum Beispiel inzwischen im Kontext von Traumatherapie verbreitet, den Klienten einzuladen, sich eine ideale Mutter oder einen idealen Vater in der Innenwelt zu kreieren. Diese werden bildlich und olfaktorisch vorgestellt, beschrieben und verankert und sind mit etwas Übung und regelmäßiger „Kontaktaufnahme“ für die Klienten als wichtige Regulationsressource verfügbar. Das ist kein esoterischer Schnickschnack und keine Einbildung – es ist das erschließen innerer Kraft- und Wissensquellen, die wir alle in uns haben, durch die Vorstellung und Phantasie. Wer sich intensiver damit befassen möchte, dem empfehle ich die Arbeit von Gunther Schmidt oder auch Luise Reddemann zu erkunden.
Gerade wer Traumata mit sich trägt, kann von der Imaginationsarbeit sehr profitieren. Denn sie weckt die Selbstheilungskräfte und hilft, zu stabilisieren. Der Klient erlebt sich nicht mehr ohnmächtig seinen Symptomen oder Mustern ausgeliefert sondern bekommt Werkzeuge an die Hand, die helfen, sich selbst zu regulieren. Zu Beginn ist es sicherlich ratsam, Imaginationen mit einer professionellen Begleitung durchzuführen. Denn wichtig ist ein sanfter aber klarer Übergang in die Imagination hinein und auch am Ende wieder hinaus. Das Ankommen im Hier und Jetzt sollte angeleitet werden, ebenso wie die innere Reise selbst, zumindest, solange ein bestimmtes Stabilitätsniveau noch nicht erreicht ist.
Was aber für alle, mit oder ohne seelische Belastungen, interessant sein dürfte, ist die Erkenntnis oder das Wissen, wieviel oft ungenutzte uns inne wohnende Weisheit und Klarheit wir in uns tragen – wir müssen sie nur anzapfen. Und da hilft eben mehr als alles Denken das Wachrufen und Vorstellen innerer, heilsamer Bilder.
Ob es die Angst vor einer Prüfung oder einer schwierigen familiären Begegnung ist, die Unsicherheit in sozialen Kontexten, oder auch hartnäckige, gegen uns gerichtete Glaubenssysteme und Vermeidungsstrategien – wir können damit arbeiten, indem wir uns selbst auf einer Imaginationsreise begegnen und uns achtsam und liebevoll der Transformation dysfunktionaler Lösungsstrategien widmen. Und sei es nur, indem wir uns einen inneren Helfer zur Seite stellen, der uns immer wieder an unsere Fähigkeiten und Stärken erinnert.
In diesem Sinne wünsche ich allen Interessierten frohes Erkunden der inneren Welt und der uns mitgegebenen Ressourcen… und im Zweifelsfall eine gute professionelle Begleitung.
Herzlich, Merle