Ein Lächeln reicht

Vor einer Weile saß ich sehr schlechter Stimmung in der U-Bahn. Und zwar so schlecht, dass man mir das auch ansah und ich wusste das auch aber ich war so niedergeschlagen, dass es mir egal war. So brütete ich also vor mich hin und versuchte, niemandem ins Gesicht zu schauen, was, da die U-Bahn nicht ganz so voll war, auch einigermaßen gut gelang. Dann kam der Moment, in dem ich mir unsicher war, an welcher Station wir gerade hielten, ich sah deshalb hoch – und geradewegs in das Gesicht einer Frau, die mir gegenüber saß. Sie war mir vorher nicht aufgefallen, ich hatte meine Umgebung ausgeblendet. Und diese Frau lächelte mich einfach an. Ohne Grund, ohne Aufdringlichkeit, ohne gekünstelt zu wirken. Es war magisch. Denn ich konnte nicht anders als zurück zu lächeln und das tat ich auch. Und das vertiefte wiederum ihr Lächeln, was mich dann fast grinsen ließ… you get the picture. Wir nickten uns dann beide gleichzeitig in Anerkennung der Geste zu und dann musste ich auch schon aussteigen.

Es war mir für keine Sekunde der Gedanke gekommen, die Frau anzusprechen – das war auch nicht nötig. Dieses Lächeln war so ehrlich und auch in den Augen zu sehen, dass ich keine andere Deutung habe, als dass sie sah, dass es mir schlecht ging und sie hatte einfach Mitgefühl oder Sympathie. Und das hat mir so viel Wärme und Frohsein gegeben, dass ich beschloss, ich möchte das weitergeben, sollte ich einmal in einer ähnlichen Situation sein, nur umgekehrt sozusagen. 

Als ich gestern wieder mal in die U-Bahn einstieg gab es nur wenige freie Sitzplätze. Kurz entschlossen steuerte ich den nächstgelegenen Platz an und spürte beim Hinsetzen, dass mein gegenüber, ein junger Mann, unglaublich schlechte Laune ausstrahlte. Er hatte einen Kapuzenpulli an, dessen Kapuze er auch aufgezogen hatte und starrte deprimiert vor sich hin. Die schlchte Stimmung um ihn herum war quasi greifbar. Und ohne nachzudenken, wie als Reflex, musste ich lächeln, weil ich an die obige Begebenheit erinnert wurde und ich große Sympathie für den Mann empfand. Aber ich drängte mich nicht auf, versuchte also nicht, seinen Blick zu erhaschen oder sonst wie seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich saß einfach da und lächelte vor mich hin. Und es dauerte nicht lange, da bemerkte ich eine Veränderung in seiner Körperhaltung und ich erlaubte mir einen Blick in seine Richtung. Und siehe da, unsere Blicke trafen sich, er lächelte mich breit an und nickte mir zu. Ich nickte zurück, lächelte weiter und so fuhren wir weiter… 

Ich weiß nicht, ob ich mit Worten transportieren kann, wie sich das anfühlt. Es ist ein tolles Gefühl. Ein erwidertes Lächeln ja sowieso, aber wenn man angesteckt wird oder jemanden damit anstecken kann, das ist einfach erhebend, stimmt mich froh und verursacht ein Gefühl der Verbundenheit. Natürlich weiß ich, dass das mit unseren Spiegelneuronen zu tun hat etc., aber ich will das gar nicht auf der Ebene weiter analysieren. Ich finde es so charmant und beglückend, dass ich es so stehen lassen möchte. 

Es gibt ja diesen schönen Spruch, dass es besser ist, ein Licht anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern. Ich empfinde das als Licht anzünden, wenn man jemanden derart zum Lächeln bringt und ein bisschen vielleicht zu einer, wenn auch nur momentanen, Stimmungsaufhellung beitragen kann. Man könnte natürlich auch herum gehen und Bleistifte verteilen, aber das ist irgendwie nicht so elegant wie selber Lächeln… ach so, Bleistifte, weil es diesen schön Trick gibt, sich einen Stift zwischen die Lippen zu klemmen wenn man schlecht gelaunt ist. Denn unser System funktioniert in beide Richtungen: Wir können guter Stimmung sein und deshalb lächeln. Wir können aber auch die körperliche Bewegung durchführen, so wie man eben den Mund verzieht, wenn man einen Stift hinein klemmt – und das beeinflusst dann unsere Laune. Klingt komisch, ist aber so.

Ich finde es netter, Menschen ein Lächeln zu schenken, wenn es mir selber gut geht und mir danach ist. Natürlich renne ich jetzt nicht ständig wie ein Honigkuchenpferd grinsend durch die öffentlichen Verkehrsmittel – aber wenn es sich spontan und automatisch ergibt, so wie gestern, dann ist eine wunderbare Begegnung. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch, liebe Leser*innen, dass Euch auch mal jemand den Tag mit einem Lächeln verschönt und ihr dann vielleicht auch beschwingt(er) weiter geht.

Herzlich, Merle

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