Blinde Flecken

Wir alle haben sie. Die Ecken in uns, die wir nicht sehen wollen, wo es dunkel und staubig ist und vielleicht auch schmerzhaft. Blinde Flecken gehören zum menschlichen Dasein dazu. Die menschliche Psyche hat hier einen sehr schlauen und wirksamen Schutzmechanismus erfunden, vor dem wir alle nicht gefeit sind. Dennoch sind blinde Flecken etwas, womit man arbeiten kann bzw. die man entdecken oder aufdecken kann. Meistens mit der Unterstützung eines wohlwollenden Gegenübers. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass wir unser Bewusstsein ohne unsere Mitmenschen als Spiegel nicht wirklich erweitern können. Wir brauchen ein Gegenüber für unser eigenes Wachstum und eben auch zur Entdeckung unserer blinden Flecken. Denn auch, wenn sie dazu gehören, sind sie ja nicht wirklich wünschenswert oder hilfreich. Sie können einem das Leben schwer machen, man täuscht sich ohne es zu merken, schätzt Situationen falsch ein oder geht sich selbst auf den Leim. 

Das ganze funktioniert nach dem Prinzip, das nicht sein kann was nicht sein darf. So auch heute in einem Supermarkt geschehen. Ich wollte unter anderem eine Schachtel Zigaretten mit einer Gutscheinkarte bezahlen – so, wie ich es vor ein paar Wochen im selben Laden schonmal gemacht hatte. Als ich die Karte zückte, schnauzte mich die Kassiererin an, dass gehe nicht mit dem Gutschein, Alkohol und Zigaretten seien ausgenommen. Ich war völlig verdattert und sagte, dass ich das nicht wusste, ich hätte hier vor kurzem schonmal mit der Karte Zigaretten gekauft. „Nein! Das stimmt nicht! Bestimmt nicht bei uns!“ Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug die Frau darauf aufmerksam zu machen, dass sie mich gerade der Lüge bezichtigt hatte. Sie war auch damit beschäftigt, wegen des Stornos eine Kollegin zu rufen, die mir ebenfalls versicherte, dass das nicht stimmen könne, was ich da sage. Ich verzichtete auf eine weitere Diskussion, da ich bemerkte, dass die beiden Frauen im Hochstress waren und dass sie nicht in der Lage waren, eine Wahrheit anzuerkennen, die nicht in ihr Bild und ihre Realität passte. Ich packte also meinen restlichen Einkauf ein nachdem ich gezahlt hatte und ging kopfschüttelnd aus dem Laden. 

Und dachte dann nach. Mir wurde klar, dass ich solche oder ähnliche Situationen sehr gut aus meiner Herkunftsfamilie und anderen Beziehungen und Freundschaften kenne. Da bemerkt man etwas ganz Offensichtliches und teilt es dem Gegenüber mit und steht plötzlich vor einer Nein-Wand. Oder es werden Dinge auf einen projiziert, die ganz klar den Anderen betreffen. Oder Beziehungen werden mit haarsträubenden Begründungen beendet, weil die Person nicht ehrlich zu sich selbst sein kann. Oder Dinge werden behauptet, die nie passiert sind. Ich bin sicher, Ihr kennt das und vielleicht steht Ihr genauso perplex und stumm vor diesem Phänomen wie ich. Es liegt ja in der Natur der Sache, dass die Betroffenen ihre blinden Flecken nicht sehen können oder wollen oder beides – und wenn nicht genug Vertrauen da ist oder die Angst vor dem Schmerz der Aufdeckung zu groß, dann kann man sich im Zweifelsfall den Mund fusselig reden, da kommt man dann nicht durch. So wie die Angst der beiden Supermarktmitarbeiterinnen offensichtlich zu groß war um zugeben zu können, dass ein Kollege einen Fehler gemacht hatte, indem er mir die Zigaretten verkauft hatte. Warum sollten sie mir auch glauben, sie kennen mich ja nicht. Da behauptet man lieber, der Kunde erzählt Stuss.

Die Anekdote aus dem Supermarkt ist harmlos genug. In persönlichen Beziehungen finde ich solche Momente sehr schmerzhaft, selbst wenn ich weiß, dass es nicht um mich geht, dass ich nicht verantwortlich bin. Ich kann trotzdem dann nicht umhin, das Ganze zu einem gewissen Grad persönlich zu nehmen, weil ich mir denke: warum glaubt mir die Person jetzt nicht? Wieso ist da so wenig Vertrauen da, dass mir eher eine Lüge oder eine falsche Wahrnehmung unterstellt wird? 
Nun, scheinbar ist es wichtiger, sich selbst zu glauben. Sich selbst nicht in Frage zu stellen. Die Erkenntnis kann in manchen Belangen ja auch wirklich verheerend sein. Trotzdem finde ich es schade, dass in meiner Wahrnehmung sehr wenige Menschen sich selbst hinterfragen und zumindest sich mal den Gedanken erlauben, es könnte was dran sein an dem was der Andere sagt – vielleicht habe ich da einen blinden Fleck… 

Ich hoffe, meine Einschätzung ist korrekt, dass ich eigentlich immer ganz froh bin, wenn mich jemand auf einen blinden Fleck bei mir aufmerksam macht. Vielleicht liegt das an Jahre langer teils schmerzhafter Persönlichkeitsentwicklung – vielleicht habe ich aber hier selber auch einen blinden Fleck? Das müssten dann meine Gegenübers mir sagen.

Ich verstehe die Entrüstung, die oft entsteht, wenn man jemanden auf einen blinden Fleck hinweist. Schade finde ich, dass in meiner Erfahrung oft davon ausgegangen wird, man wolle der Person was Böses. Sie irgendwie manipulieren oder ähnliches. Unvergessen der Moment meiner Kindheit, als ich meinen Vater darauf aufmerksam machte, dass er in einem Text für sein Büro ein englisches Wort falsch geschrieben hatte. Er glaubte mir nicht, woraufhin ich das Wörterbuch zu Rate zog. Und ihm zeigte, dass meine Version des Wortes korrekt war. Kurzer Hand war das dann ein Druckfehler im Wörterbuch. Kein Scherz. Das nenne ich einen veritablen blinden Fleck.

Oder später der Streit, den ich als Erwachsene mit meinem damaligen Freund hatte. Er wurde furchtbar laut in der Diskussion, woraufhin ich ihn bat, mich nicht anzuschreien. Prompt wurde ich angeschrien: „Ich schreie überhaupt nicht!!!“ Nunja. Das hat natürlich alles auch eine gewisse Komik und das sind extreme Beispiele. Aber am Ende bleiben oft Verständigungsprobleme, Beziehungen leiden oder gehen zu Ende, weil jemand sich nicht mit seinem blinden Fleck auseinander setzen will und lieber weiter nicht sehend durchs Leben läuft. Das ist jammerschade.

Fragt man Wikipedia nach dem blinden Fleck (vgl.https://de.wikipedia.org/wiki/Blinder_Fleck_(Psychologie), kommt der schöne Ausdruck „systemisch bedingte Leerstelle“ darin vor. Das finde ich eine sehr treffende Bezeichnung für ein Phänomen, bei dem man als Gesprächspartner noch dazu am Ende gerne mal ins Leere läuft. Ganz besonders bei den Menschen die von sich behaupten, sie hätten keine blinden Flecken. 

Ich meine, blinde Flecken, also das Ausblenden von Aspekten des Ichs oder des Selbsts, sind zwar nichts, worauf man stolz sein muss, aber eben auch nichts, wofür man sich schämen muss. Wären wir uns unserer Selbst vollkommen bewusst, wären wir alle erleuchtet. Aber sich hin und wieder mal selbst in Frage stellen oder reflektieren, vor allem, wenn einem wohlgesonnene Menschen auf etwas aufmerksam machen, steht uns allen glaube ich ganz gut. 

Oft sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht im eigenen Sumpf und mit etwas Abstand können einem vertraute Personen oftmals hilfreiche Hinweise geben, die uns weiter bringen auf der Reise zu uns selbst. 

In diesem Sinne hoffe ich und wünsche ich uns, dass wir alle Menschen in unserem Leben haben, denen wir genug vertrauen, dass sie hin und wieder etwas Licht ins Dunkel und auf unsere blinden Flecken werden dürfen.

Herzlich,

Merle

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