
Herzschlag (September 2018, Acryl und Lackstift auf Papier)
Ich bin nicht gut in Vertrauen, das ist etwas, worin ich mich schwer tue und worüber ich wenig weiß. Wenn ich etwas nicht gut kann, dann lese ich mich gerne erstmal ein, schlage nach, gucke, was andere so zu einem Thema gesagt und geschrieben haben. Im Fall von Vertrauen habe ich mir zwei psychologische Wörterbücher und Wikipedia zur Hand genommen. Nun, in Fröhlichs Wörterbuch Psychologie steht schon mal nichts über Vertrauen. Interessant. Im Dorsch finde ich immerhin folgenden kurzen Eintrag:
„Vertrauen, in sozialps. Anwendungen der Theorie der Spiele die relative Sicherheit von Spielpartnern hinsichtlich des konsequenten, interessengerichteten Verhaltens eines Spielers. V. ist eine wesentliche Voraussetzung für die Koalitionsbildung (Liebermann 1964). “ (…) Es folgen ein paar Literaturverweise.
Ich bin etwas enttäuscht, denn diese Begriffserklärung verweist mehr auf die in der Politik bekannt gewordene Spieltheorie (kalter Krieg) und sagt mir wenig über das Wesen von Vertrauen. Also weiter zu Wikipedia, und hier werde ich eher fündig:
„Vertrauen bezeichnet die subjektive Überzeugung (oder auch das Gefühl für oder Glaube an die) von der Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. Vertrauen kann sich auf einen anderen oder das eigene Ich beziehen (Selbstvertrauen). Zum Vertrauen gehört auch die Überzeugung der Möglichkeit von Handlungen und der Fähigkeit zu Handlungen. Man spricht dann eher von Zutrauen. Als das Gegenteil des Vertrauens gilt das Misstrauen.“ (…)
„Eine vertrauensrelevante Situation findet in einem interaktionellen Kontext statt. Hierbei hat der Interaktionspartner die Möglichkeit, eine Verhaltensalternative auszuwählen, die für das vertrauende Individuum mit negativen Konsequenzen verbunden sein kann; das ist das Risiko des Vertrauenden in dieser kommunikativen Struktur. Denn das vertrauende Individuum ist in gewissem Sinne der Kontrolle des Interaktionspartners ausgesetzt.“ (Wikipedia, 3.9.2018)
Es geht also um eine subjektive Überzeugung, ein Gefühl oder den Glauben und ich bin der Kontrolle meines Interaktionspartners ausgeliefert. Mit diesen Hinweisen fällt es mir schon leichter zu verstehen, warum ich mich mit Vertrauen so schwer tue: die Faktoren „subjektiv“ und „Kontrolle“ machen das ganze für mich zu einer fragwürdigen Angelegenheit. Trotzdem möchte ich mich damit auseinandersetzen und mehr von Vertrauen verstehen, weil ein Leben ohne zu vertrauen nicht nur unglaublich anstrengend ist sondern auch einschränkend und deprimierend.
Wenn ich länger darüber nachdenke, wird mir auch bewusst, dass ich an vielen Stellen im Alltag durchaus vertraue, man könnte auch sagen, vieles als selbstverständlich hinnehme, ohne dass es mir direkt auffällt: wenn ich die U-Bahn nehme, vetrtraue ich darauf, dass ich sicher am Ziel ankomme, wenn ich einkaufen gehe, vertraue ich der Kassiererin, dass sie mir das richtige Wechselgeld gibt. Wenn ich einen Brief zur Post bringe, vertraue ich darauf, dass er ankommt und wenn ich das Haus verlasse, vertraut zumindest ein Teil von mir darauf, dass mir draußen nichts Schlimmes passieren wird.
Aber da wird es schon diffizil. Ich sage bewusst, ein Teil von mir, denn ein anderer Anteil von mir ist sich da nicht so sicher. Ein Teil von mir ist sich ständig des Umstandes bewusst, dass eigentlich immer was passieren kann. Ich verlasse trotzdem das Haus, aber oft begleitet mich ein nebulös-mulmiges Gefühl.
Noch schwieriger wird es mit dem Vertrauen in persönlichen Beziehungen. Laut Spieltheorie lohnt es sich zu vertrauen. Nun bin ich kein Spielpartner in einer Versuchsanordnung und ich bin oft misstrauisch, zum Beispiel über die Motive von mir entgegen gebrachter Liebenswürdigkeiten oder die Beständigkeit von tragfähigen Kontakten. Warum das so ist, sei mal hintangestellt; interessanter finde ich die Frage, wie wir Menschen entscheiden, ob wir jemandem vertrauen. Wenn ich davon ausgehe, dass Vertrauen ein Gefühl ist, dann müssen bei dem Prozess einige unbewusste innerpsychische Akteure mit am Werk sein. Wenn ich Vertrauen als Überzeugung verstehe, würde ich schon eher davon ausgehen, dass rationale Anteile meines Verstandes in der Hauptsache die Entscheidung treffen. Wenn es ums Glauben geht, werden die Faktoren noch weniger fassbar als beim Gefühl, ähnlich wie bei der Intuition, die ich habe: ich gehe von etwas aus, kann aber im Zweifel nicht rational erklären, warum. Es fühlt sich einfach richtig an.
Was in uns gibt den Ausschlag, zu vertrauen? Der Verstand, das Herz, der Bauch? Wie erfassen wir Situationen und Menschen, wenn die Vertrauensfrage sich stellt? Nicht immer haben wir viel Zeit, um eine Sachlage ausgiebig zu beleuchten. Im Jahr 2003 bin ich alleine, ohne nennenswerte Arabisch-Kenntnisse nach Syrien gereist – dieser Reise ging ein langer Entscheidungsprozess voraus, an dessen Ende meine Neugier und meine Lust am Reisen größer waren als die Angst vor dem, was alles hätte passieren können. An anderer Stelle musste ich mich schon schnell für oder gegen Mitfahr- oder Übernachtungsmöglichkeiten entscheiden, was mal mehr, mal weniger glimpflich ausging. Was mich jeweils bewogen hat, zu vertrauen, kann ich heute nicht mehr sagen.
Ich habe jedenfalls schon einige Dinge in meinem Leben getan, bei denen ich mich im Nachhinein gefragt habe, ob ich noch zu retten bin. Offensichtlich ist mir nie etwas wirklich Tragisches zugestoßen. In allen Fällen habe ich auf einen guten Ausgang vertraut und wenn ich mir die Situationen so ansehe, kann ich nicht sagen, dass es rationale Gründe für mein Handeln gegeben hätte, ich habe einfach gemacht und vertraut – weil es sich richtig angefühlt hat.
In einigen Fällen hat mich mein Gefühl aber auch getäuscht – oder, und das ist, finde ich, eine spannende Frage: habe ich das eigentliche Gefühl ignoriert, gegen meine Intuition gehandelt? Ich halte das für gut möglich, ich würde für mich selbst die These aufstellen, dass ich in Situationen, in denen mein Vertrauen enttäuscht wurde, wider besseren Wissens gehandelt habe. Abgelenkt durch den Versuch, mit rationalen Überlegungen einen Moment oder einen Menschen zu erfassen und dem unbedingten Willen, analytisch im Vorhinein zu bestimmen, wie eine Situation sich entwickeln wird.
Vielleicht bin ich also gar nicht so schlecht im Vertrauen, wahrscheinlich habe ich schon meist den richtigen Riecher, ich höre nur nicht immer auf ihn. Und vielleicht ist das Analysieren des Verstandes das eigentliche Problem, denn der Verstand kann nunmal nicht alles erfassen, und Vertrauen, wie es mir scheint, schon gar nicht. Und das ist nunmal das Leben: es passiert, während mein Verstand noch grübelt und nicht bemerkt, dass das Leben nicht in sicheren Koordinaten festzulegen ist. Bestenfalls arbeiten Verstand, Herz und Bauch zusammen, aber im Zweifel würde ich in puncto Vertrauen in Zukunft wohl doch besser auf mein Herz und meinen Bauch hören.
Auf was hört ihr?
Fragt sich eine neugierige Merle…
Ich vertraue darauf, dass die schlechten Erfahrungen enden und die guten meiner Einladung folgen und wiederkehren.
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Das sind sehr weise Worte und ich wünsche Dir von Herzen, dass es so sein wird bzw schon ist. Herzlichst, Merle
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