
Meine Überlegungen zur Angst möchte ich mit einem Klassiker beginnen, den Vier Grundformen der Angst von Fritz Riemann. Riemann, ein Psychoanalytiker, ging von folgenden vier Grundtypen der Angst aus: Angst vor Hingabe, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Veränderung und Angst vor Unabänderlichkeit. Nach diesen Formen der Angst entwarf Riemann auch eine Typologie von Persönlichkeiten, auf die ich hier aber nicht näher eingehen werde. Ich schließe aber noch folgendes, mir sehr wichtiges Zitat an:
„Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. […] Die Geschichte der Menschheit läßt immer neue Versuche erkennen, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden […] sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen. Methoden, welcher Art auch immer, die uns Angstfreiheit versprechen, sollten wir mit Skepsis betrachten; sie werden der Wirklichkeit menschlichen Seins nicht gerecht und erwecken illusorische Erwartungen.“ – Fritz Riemann (1975, zitiert nach Wikipedia, 7.9.2018)
Ich glaube, dass Riemann Recht hat, wir können uns von Angst nicht befreien, wir können nur lernen, mit ihr zu leben. Als ich diese Erkenntnis vor gar nicht allzu langer Zeit hatte, wurde mir erstmal flau und ich war verzweifelt, denn ich lebe in der Tat mit vielen Ängsten. Wenn ich mir eine der vier Grundformen aussuchen müsste, ich wüsste gar nicht welche, ich scheine eine Perfekte Mischung von allen Vieren in mir zu tragen. In der Fachliteratur wird immer wieder gern auf den Nutzen der Angst zu den Zeiten verwiesen, als wir noch vor dem Säbelzahntiger Angst haben mussten. Mich macht dieses Beispiel immer wütend, denn was nutzt es mir heute. Die Zahl der Säbelzahntiger ist dünn gesäht und vergleichbare Situationen auch.
Ich komme mit Angst nicht gut klar. Ich habe Angst vor dem Verlassen-Sein, vor dem Tod, vor Armut und manchmal sogar davor, den Verstand zu verlieren. Meine Angst vor Veränderungen im Leben ist genauso groß wie die vor Stagnation. Reisen finde ich besonders Angst einflößend und Gewitter machen mir auch schonmal Angst. Außerdem habe ich oft Angst, dass mein zu Hause in Flammen aufgehen könnte, weshalb ich gerne den Herd öfter kontrolliere, bevor ich die Wohnung verlasse. Aber wer kontrolliert meine Nachbarn?! Das alles klingt nicht nur neurotisch, das ist es auch. Aber ich lerne damit zu leben und Humor zu entwickeln, Schritt für Schritt.
Ich weiß nicht, ob es normal ist, dass meine Ängste so präsent bei mir sind. Wenn ich an Gespräche in meinem persönlichen Umfeld denke, dann scheinen die einen wenig Angst im Alltag zu spüren, die anderen mehr, so wie ich. Allerdings hilft mir diese Überlegung überhaupt nicht, denn was da ist, ist da und will gesehen werden. Also lerne ich, mich nicht mehr für meine Ängste zu schämen sondern darüber zu sprechen bzw zu schreiben. Hallo Welt! Ja, ich habe viele, sagenhaft irrationale Ängste, und das ist gut so! Hm, fühlt sich noch nicht so doll an, wird aber vielleicht noch.
Hilfreicher als den Verweis auf den Säbelzahntiger finde ich folgenden Spruch: Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein. Und ich bin mutig. Seit Jahren stelle ich mich immer wieder meinen Ängsten, überwinde sie – oder knicke auch mal ein. Das zu akzeptieren und damit zu leben, dass mein Leben zum Teil eingeschränkt ist durch meine Ängste, fällt mir nicht leicht. Ich bedaure es zutiefst, nicht öfter zu verreisen und beruflich hätte ich auch gerne mehr Mut zur Veränderung. Aber wenn man einen bunten Strauß an Ängsten hat, muss man irgendwo anfangen, und bei den Themen Reisen und Arbeit bin ich noch nicht angekommen.
Vor ein paar Jahren bin ich ein paar Mal von einer Brücke in einen reißenden Fluß gesprungen. Es waren vor mir jede Menge junger Leute auch gehüpft, also dachte ich mir, das kann ich wagen. Und was für eine Angst ich da oben hatte, am Rand stehend, die Zehen schon am Abgrund, die Wassermassen sich vorbei wälzend. Ich bin am Ende mehrfach gesprungen und dachte hinterher, Mensch, jetzt wo ich so eine große Angst überwunden habe, wird es mit den anderen Ängsten auch besser gehen und sie werden kleiner. Denkste , Puppe. Nichts dergleichen ist passiert und als ich im nächsten Sommer wieder auf der Brücke stand, konnte ich nicht springen. Ich habe also gelernt, Ängste haben ein Eigenleben und lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Ich beschloss daraufhin, weniger Energie darauf zu verwenden, in einen Fluss zu springen, als mich vielmehr Ängsten vor alltäglichen Dingen zu widmen.
Dazu gehören zum Beispiel Menschenmassen auf großen Plätzen oder in Geschäften, die Angst, dass meine kranke Katze stirbt, oder die Angst zu versagen, nicht zu genügen. Dies sind Beispiele, bei denen ich schon große Fortschritte in der Akzeptanz der Ängste gemacht habe und bei denen mich die Angst folglich nicht mehr komplett überwältigt. Ein weiteres Beispiel für die Überwindung einer Angst: meine Katze ist chronisch Nierenkrank und braucht regelmäßig Infusionen unter die Haut. Als die Diagnose vor mehr als einem Jahr gestellt wurde, bin ich regelmäßig mit dem Kater zum Tierarzt, was für mich und ihn schrecklicher Stress war und bald erfuhr ich auch, dass es durchaus üblich wäre, dem Tier die Infusion selber zu Hause zu geben. Davor hatte ich schreckliche Angst, denn ich könnte ja meine Katze verletzen, etwas falsch machen! Nachdem ich mir das Prozedere aber mehrfach vom Tierarzt hatte zeigen lassen, konnte ich es zu Hause wiederholen und heute ist das ganze schon für uns beide zur Routine geworden.
Aber auch beim Thema Reisen habe ich mich schon getraut, das ist allerdings länger her. Ich war 2003 und 2004 in Syrien und dachte danach, wenn ich mich nach Syrien traue, dann sind andere, europäische Reiseziele sicher kein Problem mehr. Leider hat auch das nicht funktioniert, denn es gibt so etwas wie eine Angsthierarchie und wer mit der größten Angst anfängt (weit entferntes Land, dessen Sprache ich nicht spreche und wo die Kultur völlig anders ist), der besiegt damit nicht die kleineren Ängste (nah gelegenes Land wo ich mich gut verständigen kann und die Mentalität ähnlich ist). Ich müsste theoretisch die Angst zu Verreisen mit kleinen Städtetrips in Deutschland beginnen und mich dann vorarbeiten, und das regelmäßig. Denn nur wer regelmäßig, so häufig wie möglich, eine Angst konfrontiert, kann damit rechnen, sie zu integrieren.
Womit ich allerdings immer noch Probleme habe, ist der Ratschlag, die Angst zum Freund zu machen. Soweit bin ich noch nicht. Ich würde sagen, bei mir sitzen die Ängste mit am Tisch und es herrscht überwiegend ein höfliches Verhandlungsklima, von Freundschaft kann aber noch keine Rede sein, dafür ist das Gefühl zum Teil immer noch zu quälend. Aber ich bin auf dem Weg und dabei, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich gut um mich kümmern kann, so dass ich genügend Kraft und Motivation habe, meine Ängste immer wieder anzusehen und immer öfter auch zu überwinden. Und wer weiß, in zwanzig Jahren mache ich vielleicht als Rentnerin doch noch die Weltreise, von der ich schon so lange träume.
Wovor habt Ihr Angst und wie geht Ihr damit um?
Fragt sich Eure interessierte Merle
Liebe Merle,
ich kenne die Erfahrung, dass man denkt man hätte jetzt diese eine Angst überwunden und deshalb müssten die anderen Angst auch verschwinden, leider ist da nicht so. Gerade kämpfe ich wie schon des Öfteren in meinem Leben gegen die Angst vor Veränderung. Fundamentale Veränderungen wie ein Umzug und eine neue Arbeitsstelle lösen anscheinend wie ein Trigger eine alte Angst hervor. Selbst wenn ich in diesem Fall die Veränderung wollte, hilft es nicht mir dem ganzen mutiger, freudiger, oder gelassener entgegen zu blicken. Ich glaube das Problem sind sehr tiefsitzende Grundüberzeugungen die mich glauben lassen Veränderungen bringen nichts Gutes. Ich bin noch am forschen welche Überzeugungen das sind, sie machen mich jedenfalls klein und ängstlich, sagen Dinge wie „ Du bist dem Ganzen nicht gewachsen.“ Und auch wenn ich rational weiß, dass das Unfug ist, dass ich schon ganz anderes geschafft und gemeistert habe, ist die Angst immer wieder da.
Deine Maid
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Liebe Maid, lieben Dank für Deinen Kommentar! Da haben wir ähnliche Erfahrungen mit der Angst gemacht…es ist natürlich bitter, wenn Du Angst vor der Veränderung hast, die Du Dir eigentlich gewünscht hast. Ich denke, es stimmt was Du über Grundüberzeugungen sagst. Alte Glaubensätze können eine unglaubliche Macht entwickeln, wenn wir ihnen in die Falle tappen. Vielleicht ist es ja in Deinem Fall hilfreich, wenn Du Dir sagst, dass Veränderungen auch neue Türen öffnen mit dem Potential für neue, schöne Erfahrungen? – Ich kenne die Hartnäckigkeit mancher Ängste sehr gut und stehe auch manchmal ratlos vor diesem Gefühl. Manchmal hilft auch nichts anderes als das Wissen, dass die Angst auch wieder vorbei geht und dass ich mehr bin als meine Angst. Den inneren Beobachter zu stärken ist auf jeden Fall eine wichtige Übung, auch das Konzentrieren auf das verlängerte Ausatmen kann in akuten Zuständen helfen. Ich wünsche Dir viel Kraft und Selbstvertrauen für die bevorstehende Herausforderung! Glaube an Dich! Liebe Grüße, Merle
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