Gedanken zur Selbstliebe

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„Wenn jeder für sich selber gut sorgen würde, dann wäre für alle gesorgt!“ Ich weiß leider nicht mehr, wo ich diesen Satz das erste Mal gehört habe, aber ich erinnere mich, dass er mich berührt und zum Nachdenken gebracht hat. Zuerst war ich etwas schockiert, schien er mir doch ein Aufruf zu purem Egoismus zu sein. Heute sehe ich das anders, heute unterschreibe ich diesen Satz mit ganzem Herzen, denn ich verstehe ihn als Aufruf zu bedingungsloser Selbstliebe und behaupte, dass unsere Gesellschaft, wenn nicht die Menschheit als Ganzes, an einem eklatanten Mangel an Selbstliebe leidet.

Meine Überlegungen dazu bringen mich einerseits zu einem großen, wenn nicht dem größten Paradox des Menschseins an sich, zu einer Gesellschaftskritik und einer Liebeserklärung an die Menschen.

Doch zunächst sollte ich kurz erklären, was ich unter Selbstliebe verstehe: Selbstliebe ist für mich die Gesamtheit von Selbstfürsorge, einer Wohlwollenden und liebevollen Haltung sich selbst gegenüber und das Erlauben oder Ausleben der eigenen, individuellen Begabungen und Talente. Jeder Mensch trägt sein eigenes Universum in sich und damit eine Vielzahl an Möglichkeiten und Potentialen, die gelebt werden wollen. Ich glaube, dass jeder Mensch eine ureigene Leidenschaft in sich trägt, etwas, wofür er oder sie brennt – dies zutage zu bringen und zu fördern, ist für mich auch ein Aspekt von Selbstliebe.

Nun ist es aber so, dass die meisten von uns eingebunden in Gesellschaften leben und nicht jeder allein vor sich hin wurschtelt. Als soziales und vergesellschaftetes Wesen sind wir Teil eines größeren Ganzen und Akteure in einem Netzwerk, das Spuren hinterlässt. Als Kind sind wir Teil einer Familie und später Klassengemeinschaft, wir sind vielleicht in einem Verein und wenn wir dann Arbeiten sind wir einer von mehreren oder vielen Kollegen (zumindest, wenn man nicht alleine als Selbständige arbeitet). Im Lauf eines Lebens gibt es viele Zugehörigkeiten, die uns alle prägen, wie zum Beispiel, Religionszugehörigkeit, Staatsangehörigkeit, Geschlechtszugehörigkeit Parteimitgliedschaft, Hauseigentümergemeinschaft, Schwimmverein, Gewerkschaft… um nur ein paar zu nennen. In all diesen Facetten spielen wir Rollen und sind bestimmten Verpflichtungen unterworfen. Wir sind Teil einer Gruppe, die sich Regeln und Normen auferlegt hat und in der es ziemlich wahrscheinlich Hierarchien und Machtstrukturen gibt, die unser Handeln leiten.

In aller Regel sind die meisten Zugehörigkeiten, zumindest auf den ersten Blick, freiwillig, und geben uns, neben Aufgaben und Tätigkeiten, Sicherheit, Halt und Sinn. Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir in Gemeinschaften als abhängiges Individuum untergehen können, dass wir uns bisweilen klein und ausgeliefert fühlen können und als kleines, im Zweifel austauschbares, Rad in einer Maschinerie. Dies kann meines Erachtens sowohl in Familien als auch in Großkonzernen, politischen Organisationen oder im Schrebergartenverein passieren.

Wir Menschen leben permanent im Spannungsfeld zwischen unserer Individualiät und der Gemeinschaft, deren Mitglied wir sind. Wir sind oftmals von einem Wust von Erwartungen, Verpflichtungen und Regeln umgeben, die uns teils gar nicht bewusst sind. Um unsere eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, benötigen wir sogar in aller Regel die Gemeinschaft, denn wer von uns lebt schon autark und kann sich komplett selbst ernähren und bekleiden? In der Geschichte der Menschheit hat sich eine Aufgabenteilung entwickelt, in der höchst spezialisierte Scheibchen entstanden sind und die Entwicklung des Individuums beinhaltet, dass wir uns unseren Platz in einer dieser Scheiben und im sozialen Netz von Abhängigkeiten suchen. Die bei weitem einflussreichste und weitreichendste Entscheidung ist dabei meiner Meinung nach, welche Arbeit wir bekleiden bzw. dass wir in unserer Gesellschaft überhaupt gezwungen sind, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, um uns versorgen zu können. (Dies ist zumindest der erwartete Regelfall, ich spreche hier nicht von denjenigen, die wegen Krankkeit oder Arbeitslosigkeit auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.)

Wir leben also mit dem Paradox, dass einerseits jeder für sich, eine einzigartige Einheit ist, zu unglaublichen Leistungen fähig und großartig in seiner Individualität, und andererseits doch Teil von etwas größerem, undzwar in mannigfaltigen Aspekten. Unsere jedem inne wohnende Großartigkeit können wir spüren, wenn wir etwas tun, das wir lieben. Wenn wir unserer Leidenschaft frönen, im Fluss sind und unsere Selbstwirksamkeit spüren. Wenn wir aus uns heraus Leuchten, weil wir einem inneren Impuls gefolgt sind und tun, was uns gut tut oder was wir für richtig und sinnvoll halten, dann leben wir unsere Einzigartigkeit. Immer dann, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass alles, was wir brauchen, in uns angelegt ist, dass wir die Antworten auf Fragen und die Lösung von Problemen in uns finden können, dann können wir fühlen, wie bemerkenswert und wunderbar wir eigentlich sind. Und sich selbst als derartiges Wesen zu erkennen, betrachte ich als einen essentiellen Bestandteil von Selbstliebe.

Nicht jeder wird die Zugehörigkeit zu einer bzw. mehrerer Gruppen und die eigene Individualität als so gegensätzlich emfpinden wie ich, trotzdem glaube ich, dass in unserer Kultur die Herausbildung und Pflege der Individualität und damit auch der Selbstliebe, viel zu kurz kommt. Ich bin der Ansicht, dass wir uns durch unser Schulsystem und unsere Arbeitswelt einiger Freiheiten berauben und vom Einzelnen viel zu früh Entscheidungen über den Lebensweg erwarten. Ich bin weiterhin der Ansicht dass unsere Lehrpläne zu wenig Zeit für Kreativität und die geisteswissenschaftlichen Disziplinen beinhalten, die diese fördern. Ich glaube, dass wir, während wir erwachsen werden, viel zu oft hören, was „man“ tun sollte, anstatt zu fühlen, was ich gerne tun möchte. Und ich bin der Ansicht, dass es uns gut tun würde, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, mit dem wir alle die Möglichkeit und den Raum zu mehr Selbstentfaltung hätten. Der Umstand, arbeiten zu müssen, führt meines Erachtens viel zu oft in eine Sackgasse der persönlichen Entwicklung und Entfaltung und wer sich zu Beginn seines Berufslebens für die falsche Laufbahn entschieden hat und mit Mitte dreißig feststellt, dass er oder sie gern was ganz anderes würde, wird es schwer haben. Auch ist längst nicht jeder in der Lage, einen Beruf zu finden, der den persönlichen Neigungen und Leidenschaften entspricht, folglich arbeiten sehr viele Menschen völlig entfremdet von sich und sind Tag für Tag dabei, sich selbst zu verleugnen. Den Anspruch, in der Arbeit aufzugehen und den Beruf als Berufung zu empfinden können eher wenige erfüllen.

Ich glaube nicht, dass Massen an Menschen aufhören würden zu arbeiten, hätten wir ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber die, die nicht in ihrer Arbeit ihre Erfüllung sehen, könnten aufhören zu arbeiten und sich einer Tätigkeit widmen, die ihnen wirklich liegt und in der sie nicht ausgebeutet werden. Wir verbringen zu viel Zeit am Arbeitsplatz, als dass ernsthaft erwartet werden kann, die persönliche Entfaltung finde genügend Zeit und Raum in der Freizeit. Ich glaube, eine frühe Förderung der inviduellen Kreativität, Begabungen und freien Entscheidung, aber auch das bedingungslose Grundeinkommen würde uns eine viel gesündere, freiere und zufriedenere Gesellschaft bescheren, in der der Einzelne im Zweifel sogar einen größeren Beitrag zur Gemeinschaft leistet, wenn er oder sie die Möglichkeit hat, sich nach seinen eigenen Neigungen zu beteiligen.

Ich plädiere für eine neue Gesellschaftsform, in der es zwar weiterhin Abhängigkeiten gibt, in der das Individuum aber sehr viel mehr Freiheit hat, sich sein Leben nach den persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten zu gestalten und sich selbst zu entfalten. Dass wir trotzdem soziale Netzwerke und die Gemeinschaft benötigen, ist dabei selbstverständlich. Nicht nur, weil wir nicht alle Selbstversorger werden können, sondern auch weil wir die Gemeinschaft benötigen, um mit Erfahrungen wie Krankheit, Tod und Einsamkeit umzugehen. Es geht also nicht darum, jeden zum Einzelkämpfer zu machen sondern darum, die Voraussetzungen zu verbessern, die uns zur Selbstliebe führen und Bedingungen zu schaffen, unter denen Wohlwollen uns selbst gegenüber, Selbstfürsorge und freie Entfaltung gedeihen können.

Wer sich anpassen und klein machen muss, wer täglich Aufgaben erfüllt, die nicht sinngebend sind, wer sich oft anderen unterlegen oder von ihnen abhängig fühlt, wird es schwer haben mit der Selbstliebe. Wer aber von klein auf lernt, dass er einen unverwundbaren, einzigartigen Kern in sich trägt und wertvolle Dinge tun kann, wer in einer Gesellschaft lebt, in der nicht das Angepasst-Sein an ein Schulsystem oder den Arbeitsmarkt Priorität hat sondern die eigenen Fähigkeiten, Begabungen und die eigene Selbstwirksamkeit, der wird sich leichter tun, sich selbst anzunehmen und in Selbstliebe zu üben.

Ich habe diesen Beitrag mit der Behauptung begonnen, dass unsere Gesellschaft an einem Mangel an Selbstliebe leidet und ich glaube, dass man das daran bemerkt, dass immer mehr Menschen an Depressionen, Burnout oder Angststörungen leiden. Der Anteil psychischer Erkrankungen als Grund für Fehltage hat in den letzten Jahren ständig zugenommen und ist inzwischen auf Platz drei. Es ist kein Zufall, dass die Praxen von Psychotherapeuten überfüllt sind. Wer seine eigene Kraft bzw. sich selbst ständig unterdrücken muss, kann auf die Dauer nur krank werden. – Auf einer völlig anderen, nämlich der politischen Ebene, frage ich mich, ob nicht der Zulauf zu rechten und fremdenfeindlichen Gruppierungen ebenfalls das Produkt mangelnder Selbstliebe ist, denn wer selbstbewusst durchs Leben geht, muss keine Angst vor Fremden haben und braucht seine Aggressionen nicht derart ausleben, wie wir es seit einer Weile in Deutschland wieder erleben.

Selbstliebe kann eigentlich gar nicht überschätzt werden, denn nur wer sich selber liebt, ist in der Lage, andere zu lieben. Wer sich selbst in seiner Großartigkeit erkennt, muss sich nicht klein machen und seine Unzufriedenheit an anderen auslassen. Und wir Menschen sind schon fantastische Wesen – und das gute ist, es ist genug Großartigkeit für alle da! Niemand muss sich vergleichen, weil jeder einzigartig und in sich angelegt schon großartig ist. Wenn ich darüber nachdenke, was die Menschheit schon alles erschaffen hat und wozu der einzelne Mensch fähig ist, dann kann ich nicht anders, als in Begeisterung auszubrechen. Seien es die Künste, Musik, Bauwerke, literarische Werke oder große Erfindungen wie das Telefon, Flugzeuge oder Computer. Wir lieben, lachen, weinen, forschen, grübeln, handeln und machen immer weiter, trotz so vieler Hindernisse und Unwägsamkeiten, die das Leben bietet, dass ich Hochachtung vor dem Menschen empfinde. Wenn wir es jetzt noch schaffen, eine friedliche Welt zu gestalten, eine Welt ohne Kriege und Gewalt, dann wäre ich restlos überzeugt von unserer Gattung.

Ich glaube allerdings, dass es dafür noch den Weg in ein Zeitalter der Selbstliebe bedarf, indem es heißt: liebe Dich selbst wie Deinen Nächsten. Ich glaube nicht, dass es darum geht, mehr für andere da zu sein oder uns mehr in Selbstlosigkeit zu üben. Ich glaube, dass die Ursache von Hass und Gewalt am Ende des Tages darin liegen, dass jemand sich selbst nicht genug liebt. Und ich glaube, dass unsere Gesellschaft, wie viele andere auch, zu wenig gute Voraussetzungen bereit hält, um sich in Selbstliebe zu üben, insbesondere durch die Bedingungen einer Arbeitswelt, die oftmals meschenfeindlich ist. Es wird zu viel Wert darauf gelegt, in das Netz von Abhängigkeiten zu passen und zu funktionieren, wo doch gerade auch die Biographien großer Künstler oder Wissenschaftler zeigen, dass es Eigensinn und Unangepasstheit braucht, um die eigene Genialität leben zu können. Es ist gut, dass solche Nischen in der Vergangenheit möglich waren, ich habe die Befürchtung, dass sie in Zukunft nicht mehr möglich sein werden, weil einige wenige Akteure das Spielfeld beherrschen.

Doch im großen und ganzen bin ich optimistisch, dass die Menschen die Kurve noch kriegen und glaube an dieses wunderliche, komplexe und liebenswerte Wesen: Mensch.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wunderbaren Sonntag,

Eure Merle

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