
oder: wieviel Selbstmitleid ist erlaubt?
Mit dem Thema Selbstmitleid habe ich mich schon öfter auseinander gesetzt, weil es so schön kontrovers ist. Die einen finden Selbstmitleid sei zum abgewöhnen, die anderen empfehlen, es zu erlauben und so richtig einzutauchen, um dann genährt wieder aufzutauchen. Ich persönlich finde, Jammern und Selbstmitleid gehören zum Leben dazu, es ist wie so oft eine Frage des richtigen Maßes.
Früher dachte ich auch, Jammern ist nicht erlaubt, Jammern nervt alle Anwesenden nur, Jammern ist eine Unart, die ich gefälligst zu unterlassen habe. So wurde es mir beigebracht und ich war in Folge dessen sehr streng mit mir, was Jammern und Selbstmitleid anbetrifft. Heute kann ich gelassener damit umgehen und vor allem sehe ich auch einen wichtigen Nutzen im Selbstmitleid: für mich ist es eine Phase eines Trauerprozesses, wenn ich mich von etwas verabschieden muss, wenn mir Grenzen gesetzt werden, wenn ich frustriert bin, weil etwas partout nicht klappen will. Dann bin ich wütend und traurig und dies darf in Jammern ausgedrückt werden.
Nun habe ich das große Glück, großartige Freunde zu haben, an deren Schulter bzw. Ohr ich mich auch mal ausjammern darf – und umgekehrt natürlich auch. Ich habe mich schon entschuldigt für mein Jammern, und bekam die Antwort, das macht doch nichts, das ist in Deiner Situation doch normal! Dafür bin ich sehr dankbar! Ein bescheidener Arbeitstag, die Unzufriedenheit in der Beziehung, Krankheit, oder einfach nur eine allgemeine Stimmung von „Ich will mehr vom Leben“, sind alles gute Gründe für Selbstmitleid. Es zu unterdrücken würde bedeuten, die Trauer und der Frust stauen sich auf und bilden mit der Zeit eine Blockade, die zu Bitterkeit und Versteinerung führt.
Es gibt Kulturen, in denen es ritualisierte Formen des Jammerns und laut Trauerns gibt, für zumindestens größere Verluste oder traurige Ereignisse. Die Gemeinschaft nimmt Teil am Unglück des Einzelnen und beklagt gemeinsam den Verlust oder sonstige Schicksalsschläge. Ich wüsste nicht, dass dies bei uns auch so vorkommt, ich habe den Eindruck, Trauer und Selbstmitleid sollen gemäß gesellschaftlicher Norm lieber alleine, im stillen Kämmerlein prozessiert werden. Ich finde das bedauerlich, weil ich glaube, dass vieles leichter erträglich wird, wenn jemand anderes mir zuhört oder sogar ein bisschen für mich mit jammert.
Ich rede nicht davon, sich gemeinsam in ein Drama hinein zu steigern, sondern davon, dass Leid durch einen mitfühlenden Zeugen etwas leichter für mich wird. Kommunikation ist im Trauerprozess ein wichtiges Element, sie hilft uns, mit dem Schmerz besser fertig zu werden, deshalb ist Jammern und Klagen auch wichtig. Selbstmitleid kann mir helfen, eine negativ empfundene Erfahrung besser zu verarbeiten danach konstruktiv damit umzugehen. Natürlich hilflt es auch, für sich selbst mal ein Bad im Selbstmitleid zu nehmen, nach meiner Erfahrung nervt mich dann mein eigenes Jammern nach geraumer Zeit und ich kann gestärkt und erleichtert wieder aussteigen.
Natürlich gibt es auch die Endlosschleifen, wenn jemand über einen längeren Zeitraum sich immer wieder über das gleiche beschwert und sich scheinbar so gar nichts tut und Wehleidigkeit und Selbstmitleid überhand nehmen. Das kann schon mal an die Nerven gehen und schwierig sein. Ich solchen Fällen empfehle ich eine mitfühlende Haltung und vielleicht einen liebevollen Hinweis auf die Wiederholung und die Frage, wie ich helfen kann.
Was bei allem Verständnis für Selbstmitleid beachtet werden sollte, ist, dass es nicht in allgemeiner Resignation endet und zu einer unkritischen, negativen Haltung gegenüber sich selbst und der Welt führt. Es ist wichtig, sich auch bei berechtigtem Jammern eine Situation genau anzuschauen und einen differenzierten Blick auf die Dinge nicht zu verlieren. Sonst kommt es zur Stagnation und andauernder Verstimmung, die mich nicht weiter bringt. Es ist wichtig, einen Endpunkt zu finden und nicht in eine Opferhaltung zu rutschen oder darin zu verharren. Im Zweifel belaste ich damit nicht nur mich sondern auch meine Beziehungen und isoliere mich von der Welt.
Schließlich kann ich, wie allen Gefühlen, auch meinem Selbstmitleid mit Mitgefühl begegnen und es zum Anlass nehmen, mich gut um mich zu kümmern, für mich zu sorgen und mich auch mal einen ganzen Tag und Abend lang so richtig zu verwöhnen, damit das innere Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Es ist wichtig, dass wir uns selbst ernst nehmen in der Verarbeitung schmerzhafter Erfahrungen und uns selbst genügend Aufmerksamkeit schenken, es hilft nicht, den Ballast bei anderen abladen zu wollen. Mein Gegenüber kann mitfühlender Zuhörer sein, kann mich aber nicht aus dem Selbstmitleid herausziehen, dafür bin ich selbst verantwortlich. Dies kann ich durch Mitgefühl und dadurch, dass ich nach einer Phase des Jammerns auch wieder ins Handeln komme. Im besten Fall habe ich dann eine Erfahrung bewusst durchlebt und bin daran gewachsen.
Wie immer freue ich mich über Kommentare und verbleibe
Eure Merle