Begegnungen – Nr 1

sdr

Neulich in der U-Bahn. Es ist ein Tag wie jeder andere, nur dass ich heute zum Arzt muss und das macht mir schlechte Laune. Ich habe keine Lust und bin schon auf dem Weg zur U-Bahn mehr getrottet als gegangen. Als ich endlich am Bahnhof ankomme, erwartet mich die ärgerliche Nachricht, dass auf der Linie U 5 mal wieder eine Störung ist und sich alle Züge auf unbestimmte Zeit verspäten. Na, wunderbar. Meine Laune sinkt noch ein paar Grad tiefer und ich warte missmutig im Untergrund auf den Zug. Natürlich ist dieser, als er ankommt, total überfüllt, denn durch die Verspätung drängt sich jetzt die doppelte Fahrgastmenge in den Gängen. Ich fahre ohnehin nicht gerne U-Bahn, aber wenn sich Menschenmassen darin quetschen, tue ich mich richtig schwer und muss den Impuls unterdrücken, sofort wieder auszusteigen. Da ich aber einen Termin habe und pünktlich sein will, steige ich ein und geselle mich zu den dicht gedrängten Fahrgästen. Da alle wie die Sardinen in der Dose in der U-Bahn stehen, schaue ich auf den Boden, ich mag es nicht, von so vielen fremden Gesichtern umgeben zu sein und ich weiß nicht, wo ich sonst hinschauen soll. Also fixiere ich meine Schuhe und versuche, in den Kurven nicht umzufallen, denn ich kann mich nirgends festhalten.

Während ich innerlich vor mich hin grummele und beschließe, beim nächsten Mal unbedingt daran zu denken, den Arzttermin auf den frühen Nachmittag zu legen und nicht in die Zeit des morgendlichen Berufsverkehrs, dringt plötzlich ein Geräusch in mein Bewusstsein. Es ist ein Funk and Soul-Beat, ein richtig fetter Bass und ein Rhythmus, der unweigerlich zum Tanzen einlädt. Zwischen Irritation und Faszination schwankend hebe ich den Kopf um zu sehen, wo die Quelle der Musik ist. Ich identifiziere einen jungen Mann gleich neben mir, der ebenfalls eher übellaunig aus der Wäsche guckt. Er hat ziemlich große Kopfhörer auf, trägt Skater-Klamotten und ziemlich viel Metall im Gesicht. Ich wundere mich gerade, wie er so laut Musik hören kann und bin schon kurz davor, mich darüber aufzuregen – denn diese ist wirklich für alle im Abteil gut hörbar – da merke ich, wie mein rechter Fuß anfängt, im Takt mitzuwippen. Ich kenne des Lied nicht, aber es ist wirklich verdammt gut, ich liebe Soul-Musik. Daaa, da dada da daaa, daaa da dada da daaa… ! Und schon fängt mein linker Fuß auch an, den Takt mitzutippen. Ich kann mich, wie gesagt, nirgends festhalten und gebe  wahrscheinlich eine ziemlich komische Figur ab, denn während meine Füße ein Eigenleben entwickeln, muss mein Körper gleichzeitig das Gleichgewicht halten. Just als ich mich frage, von wem dieser Song wohl ist, fängt auch mein Kopf an, im Rhythmus auf und ab zu nicken. Ich kann nicht anders als vor mich hin zu lächeln und mit der Musik mitzugehen, soweit der Platzmangel das zulässt. Es ist gut, dass ich nicht direkt vor der Tür stehe, die ein- und aussteigenden Leute würden mich jetzt in meinem Mikrotanz sehr stören.

Und in dem Moment, indem ich mich über mich selbst und die verflogene schlechte Laune wundere, treffen sich unsere Blicke und der junge Mann mit den Kopfhörern fängt breit an zu grinsen. Er schnippt jetzt mit den Fingern den Takt mit und seine Augen strahlen, vielleicht vor Freude, dass da jemand seinen Geschmack teilt. Es ist ein fast unwirklicher Augenblick, in dem wir beide mit der Musik mitgehen und die anderen Fahrgäste um uns herum nicht existieren. Doch da habe ich schon eine Bewegung mit dem Arm gemacht, mit der ich jemand anderes anstoße und ich murmle ein „Entschuldigung“, muss aber doch lachen. Ich schaue wieder zu dem jungen Mann, dem jetz der Schalk im Nacken sitzt und wir bewegen uns beide weiter zu den Takten des Lieds. Ich schmunzle noch immer und sehe mich um, ob noch irgendjemandem die Musik in die Knochen gefahren ist, aber ich sehe nur starre und unbewegte Gesichter. Und tatsächlich staune ich über mich selbst, denn normaler Weise nervt es mich gewaltig, wenn ich gezwungener Maßen die Musik anderer mithören muss. Aber in diesem Fall ist die Musik zu gut und die Ablenkung sehr willkommen.

Da ich bei der nächsten Station aussteigen muss, drehe ich mich um und versuche, einen Schritt Richtung Tür zu machen, doch nicht ohne vorher ein lautloses „Danke“ an den jungen Mann zu richten. Der nickt mir zu und schnippt weiter mit den Fingern. Ich schiebe mich langsam durch die umstehenden Menschen und schon sind wir angekommen und ich steige aus. Ich drehe mich nochmal um, kann den jungen Mann aber nicht mehr sehen, es stehen zu viele andere Leute vor ihm. Beschwingt und grinsend gehe ich zur Rolltreppe, auf der ich mich, den Song immer noch im Ohr und weiterhin mit den Füßen wippend, nach oben tragen lasse. Was für eine schöne, kleine Begebenheit. Nicht nur, dass meine schlechte Laune wie weggepustet ist, sondern ich durfte auch mit einem völlig Fremden einen geteilten Moment genießen. Ich habe über die kleinen Tanzbewegungen mit jemandem kommuniziert, mit dem ich sonst wohl nie ins Gespräch gekommen wäre, und das finde ich fantastisch. Der Arztbesuch hat inzwischen an Schwere verloren und ich gehe leichten Fußes Richtung Praxis.

Es sind solche Begegnungen, die das Leben reicher machen. Nicht planbare, unvorhergesehene Oasen im stressigen Großstadt-Alltag, die mich aus meinem Trott reißen und mir zeigen, dass wir gar nicht nebeneinander her hetzen müssen. Es war Zufall, dass ich gerade heute und in dem Moment ein offenes Ohr für die Musik hatte, an einem anderen Tag wäre sie mir vielleicht doch einfach nur auf die Nerven gegangen aber dann hätte ich etwas verpasst. Deshalb nehme ich mir vor, in Zukunft achtsamer durch die Welt zu gehen und empfänglicher zu sein für all das, was mir im Außen begegnen kann, wenn ich es zulasse.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Tag und verbleibe

Eure Merle

2 Gedanken zu „Begegnungen – Nr 1“

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