Von den eigenen Abgründen…

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Die eigenen Abgründe zu erkennen und zu akzeptieren – dieses Thema beschäftigt mich gerade sehr. Lange Zeit habe ich geglaubt, Meditation und Achtsamkeit dienen vor allem dazu, mich zu einem besseren Menschen zu machen, nicht nur zufriedener sondern auch freundlicher und offener zu werden. Eben ein besserer Mensch zu sein. Und auch wenn das vielleicht bei vielen eine angenehme Nebenwirkung ist, so bin ich inzwischen davon überzeugt, dass Meditation und Achtsamkeit bzw. das innere Wachstum in erster Linie bedeutet, die eigenen Abgründe zu erkennen, sie anzusehen und anzunehmen. Wachstum ist dann der Weg des sich selber Kennen Lernens und der Selbstannahme, was mir weitaus wichtiger erscheint als bzw. vielleicht sogar die Grundlage ist, um ein besserer Mensch zu werden, wobei ich schon mit dem Ausdruck „besserer Mensch“ eigentlich ein Problem habe. Was ist das? Ein Altruist, jemand der sich nur oder viel um das Wohl anderer Menschen kümmert? Jemand, der mit sich selbst im Reinen ist und mit sich und der Welt gut klar kommt? Jemand, der umgänglich und unkompliziert und beliebt ist? Nein, ich habe aufgeführt, danach zu streben, ein besserer Mensch zu sein, ich strebe nach eigenem Wohlergehen und Zufriedenheit und dann lande ich wieder bei den Abgründen.

Den meisten von uns ist wahrscheinlich das Konzept des inneren Kindes vertraut. Es besagt, dass wir alle noch unsere kindlichen Anteile in uns tragen und dass besonders die Anteile, die in der Kindheit nicht genügend Aufmerksamkeit bekamen, im Erwachsenenalter noch immer danach rufen, gehört und gesehen zu werden. Ich habe zum Beispiel kindliche Anteile, die unglaublich schlecht Kompromisse schließen können und unbedingt immer den eigenen Willen durchsetzen müssen. Wenn ich mich mit jemandem verabrede und es passiert etwas Unvorhergesehenes, ein Café, dass man gemeinsam besuchen wollte ist zum Beispiel geschlossen oder die Verabredung hat plötzlich keine Lust mehr in die Ausstellung zu gehen, dann tue ich mich unglaublich schwer, mich den neuen Gegebenheiten anzupassen und spontan umzuentscheiden. Mein inneres Kind ist dann zornig und wütend und möchte auf jeden Fall doch noch den eigenen Kopf durchsetzen. In solchen Situationen fällt es mir als Erwachsene oft sehr schwer, souverän zu bleiben und mich nicht in ein nörgelndes Kleinkind zu verwandeln.

Abgründe tun sich auch oft am Wochenende oder an Tagen auf, an denen ich nichts zu tun und keine Verpflichtungen habe. Dann grölt mein innerer Kritiker mich an, was für ein schwacher und schlechter Mensch ich doch bin, weil ich kein aufregendes Freizeitprogramm habe oder schlichtweg nichts mit mir anzufangen weiß. Ich weiß, dass Langeweile nicht schlimm ist und sogar zur Kreativität dazu gehört, ich weiß, dass neben Produktivität auch mal Passivität angesagt ist – mein Kritiker und diverse andere Anteile in mir sind da jedoch völlig anderer Ansicht und tun dies auch lautstark kund sobald sich nur die kleinste Gelegenheit bietet.

Es gibt viele innere Phänomene, die es einem oft schwer machen, sich auf das Hier und Jetzt einzulassen und die einem den Blick vernebeln. Wut gehört dazu, aber auch Selbstablehnung, Neid und Gier, das endlose Haben-Wollen, das wie ein Faß ohne Boden ist, egal, wieviel man hinein kippt… und sie alle haben gemeinsam, dass es überhaupt nichts bringt, sich dafür zu schämen und sie abzulehnen, sondern all diese Anteile und Emotionen wollen gesehen und ernst genommen werden, und wenn es nur für einen kurzen Moment ist. Ich gestehe, dass ich das ziemlich lange nicht wahrhaben wollte. Es kam mir absurd vor, mich mit oft unlogischen, überreizten und unangemessenen Gefühlen und Ich-Zuständen auseinander zu setzen aber inzwischen habe ich kapiert, dass es anders gar nicht geht, weil zum Beispiel verdrängte oder unterdrückte Wut sich garantiert ein Ventil sucht, darauf kann man sich verlassen!

Das alles klingt unheimlich anstrengend und ist es auch. Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte: Du wirst Dich selber besser kennen lernen und den Weg des inneren Wachstums einschlagen, hätte ich in die Hände geklatscht und laut „Bravo“ gerufen! Wie naiv und idealitstisch ich war, sehe ich heute, um einige Selbsterfahrungen reicher und mit einer besseren Kenntnis meiner inneren Landkarte. Man braucht unheimlich viel Humor und Gelassenheit in dem Prozess und es schadet auch nicht, wenn man zumindest eine Person im Umfeld hat, mit der man über wirklich alles sprechen kann, und kommt es einem noch so peinlich oder albern vor. Die Seiten des eigenen Selbst anzunehmen, die man eigentlich gar nicht mag oder mit denen man nicht umgehen kann, ist kein Zuckerschlecken. Da darf man sich ruhig auch Unterstützung holen.

Und es hilft, wenn ich eben nicht immer den Anspruch an mich habe, ein guter und angenehmer Mensch zu sein sondern mir auch erlauben kann, mal total daneben zu liegen und mich unbeliebt zu machen. Die echten Freunde werden es aushalten, bei allen anderen, behaupte ich jetzt einfach mal, ist es nicht so wichtig. In die eigenen Abgründe zu sehen ist wie eine Reise auf der man öfter nicht weiß, was hinter der nächsten Abbiegung kommt, das erfordert Kraft, Mut und Selbstfürsorge, da kann ich nicht immer darum bemüht sein, ein gutes Bild abzugeben, da geht es oft um viel existentiellere Dinge, denen das eigene Image ziemlich wurscht ist.

Das Selbstbild, ja, das verändert sich naturgemäß auf dieser Reise auch und ich bin nicht immer glücklich mit dem, was da neu ins Bild will. Aber auch das gehört dazu, so wie der Mut sich zu zeigen, wie man gerade ist.

Es sind spannende Zeiten und mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen Ihr gemacht habt auf dem Weg zur Selbstakzeptanz – vielleicht mag ja der/die eine oder andere berichten…?

Für heute verbleibe ich an diesem Wintersonntag mit eingemummeltem Grüßen,

Eure Merle

 

 

5 Gedanken zu „Von den eigenen Abgründen…“

  1. Zum Beispiel einer Verabredung in eine Ausstellung, da würde ich meiner Verabredung vorschlagen, Du ich habe mich so darauf gefreut, machen wir’s doch so, ich gehe alleine und wenn Du Lust dazu hast treffen wir uns später im Kaffee XY!
    Was ich meine, wenn Du nicht soviel darüber Nachdenken würdest was falsch gelaufen ist und Lösungsvorschläge oder Kompromisse offen artikulierst, dann könnte doch alles viel harmonischer für Dich sein.
    Nur ein Gedanke, aus eigener Erfahrung!🤗😁🤔😉💖

    Liebe Grüße Babsi

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    1. Liebe Babsi, grundsätzlich gebe ich Dir Recht, um aber Lösungen anzugehen und Kompromisse einzugehen, muss ich erstmal den Ärger in mir besänftigen und die inneren Kinder beruhigen, das kann bei mir bisweilen ganz schön dauern – da hab ich mich vielleicht nicht deutlich genug beschrieben… 😉 der Abgrund besteht ja gerade eben aus dem bockigen, nicht-mehr-in-die-Ausstellung-gehen-wollenden Anteil, den zu handeln ist manchmal gar nicht so einfach. Aber wenn ich dann genug für mich selbst getan habe in solchen oder ähnlichen Situationen, kann ich auch wieder auf andere zugehen und dann wird’s auch wieder harmonisch 🙂

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