
Vor ein paar Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit meinem Homöopathen. Er ist ein sehr kluger Mann, dem ich gerne zuhöre und der fast immer interessante Anregungen hat, die Dinge neu zu betrachten. Er nimmt alles sehr genau und manchmal verliert er sich im Detail, was wohl vor allem seinem Perfektionismus geschuldet ist. Jedenfalls waren wir gerade dabei, meine momentane Sehlenlandschaft zu eruieren und im Zuge dessen traf er die Aussage, dass sich Sorgen machen nie um andere geht sondern immer um einen selbst. Ich fand diese Feststellung überraschend, habe sie mir im Gedächtnis notiert und innerlich eine Notiz gemacht, dass ich mich damit noch weiter auseinandersetzen möchte.
Zugespitzt heißt das ja, dass sich Sorgen machen immer von egoistischer Qualität ist. Ich lasse das auf mich wirken und kann dem, egal wie ich es drehe und wende, nicht ganz zustimmen. Ja, Sorgen machen hat egozentrische Aspekte. Wenn ich mir Sorgen um meinen kranken Kater mache, dann heißt das auch, dass ich mir Sorgen mache, wie es mir geht, wenn er nicht mehr da ist. Wenn ich mir Sorgen mache, dass eine Freundin, weil sie krank ist, eine Verabredung nicht einhalten kann, dann denke ich dabei auch an mich, weil ich mich ja auf das Treffen gefreut habe – ich denke das entscheidende Moment liegt aber im AUCH. Ich kann gleichzeitig besorgt sein, weil meine Freundin krank ist und ihr anbieten, Dinge für sie zu besorgen, falls sie etwas benötigt, und gleichzeitig traurig oder enttäuscht sein, weil der gemeinsame Kinobesuch ins Wasser fällt. Ich kann gleichzeitig Angst davor haben, dass mein Kater irgendwann geht und gleichzeitig in Sorge sein, dass es im nicht gut geht, dass er vielleicht leidet.
Sich Sorgen um jemanden machen heißt für mich vor allem, die Perspektive des anderen einnehmen können, mitfühlen und das Bedürfnis haben, zu helfen. Nicht, weil ich mir selber damit helfe sondern weil ich als liebendes Wesen möchte, dass es dem anderen gut geht. Zu sagen, dass Sorgen um jemanden anderen immer egoistisch sind, ist eigentlich zynisch, es zieht nicht in Betracht, dass es aufrichtiges Interesse am Wohlergehen anderer gibt. Ich merke, dass mich die Absolutheit der Aussage stört und mache mir eine weitere innere Notiz, dies bei meinem nächsten Arztbesuch anzumerken. Der mitschwingende Zynismus gefällt mir nämlich gar nicht.
Wie ist das denn nun mit dem Sorgen machen? Man kann jemanden damit tatsächlich in den Wahnsinn treiben bzw. ganz schön einengen, das ist wahr. Wenn Eltern ihren Kindern aus lauter Sorge keinen Freiraum geben, kann das fatale Folgen haben. Wenn ich einem Freund, der Motorrad fährt, ständig unter die Nase reibe, wieviel Sorgen ich mir deshalb mache, wird das über kurz oder lang ganz schön nerven. Wenn ich überfürsorglich bin und anderen Menschen in Entscheidungen rein rede oder ihnen Selbstfürsorge abspreche, dann kommt ein manipulativer Aspekt hinzu. Sorgen machen ist also auch nicht immer ein altruistischer Akt der Nächstenliebe, besonders, wenn man das Gegenüber ständig mit den Sorgen behelligt.
Sich jedoch gar keine Gedanken um die Lieben zu machen und nie in Sorge zu geraten, kommt mir auch seltsam vor. Es sei denn natürlich, ich hätte so viel Vertrauen in den Lauf des Lebens, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Das scheint mir ein fantastischer Zustand zu sein. Mache ich mein Gegenüber klein, wenn ich mir Sorgen mache, weil ich ihm im Zweifel nicht zutraue, selbst für sich sorgen zu können? Dieser Aspekt ist nicht ganz von der Hand zu weisen, meine ich. Wobei auch hier wieder keine Absolutheit besteht, denn immerhin kann es ja sein, dass mir zum Beispiel ein Kind oder auch ein Haustier anvertraut ist, für das ich verantwortlich bin und Sorge trage, will heißen, dass ich da einschreite, wo die Handlungs- oder Entscheidungsfähigkeit des anderen nicht gegeben sind.
Neulich musste ich entscheiden, ob ich einen Krankenwagen für eine Dame rufe, die zusammengebrochen war und die selbst vehement gegen das Rufen des Notdienstes war. Ich habe aus Sorge um ihre Gesundheit dann doch die Sanitäter gerufen und das stellte sich im Nachhinein als richtig heraus.
Das mit den Sorgen ist also so eine Sache. Es kann egoistische Motive genauso wie altruistische geben. Es ist möglich, dass ich durch zu viele Sorgen meine Beziehungen störe und vielleicht bin ich sogar übergriffig oder paternalistisch, wenn ich meine Sorgen oder die daraus für mich folgenden Konsequenzen anderen überstülpen will.
Sorgen sind in jedem Fall Energiefresser und sind vor allem auch meist auf die Zukunft gerichtet, das heißt, sie sind sehr gut dazu geeignet, mich aus dem Hier und Jetzt zu katapultieren. Offensichtlich ist es ratsam, sich seine Sorgen genau anzusehen und zu gucken, ob man diese nicht vielleicht doch über Bord werfen kann, denn dienlich scheinen sie mir eher selten. Oft sind es Gedankenspiele à la: was wäre wenn…? Und damit kann man sich zwar herrlich die Zeit vertreiben, nützen tut es aber oft wenig.
Werde ich aufhören mir Sorgen um die zu machen, die ich liebe? Wohl kaum, ich bin noch nicht auf dem Level, wo ich ein derartiges Vertrauen in den Fluss der Dinge habe, dass Sorgen für mich passé wären. Aber ich werde in Zukunft hoffentlich genauer aussortieren und auf der Hut sein, mir zu viele Sorgen zu machen – vor allem um die Dinge, die ich ohnehin nicht in der Hand habe. Das wäre schon mal ein wichtiger Schritt.
Und mit diesem Gedanken schließe ich für heute und wünsche Euch alle noch ein schönes, sorgenfreies Wochende!
Eure Merle
Ich sehe es so wie der Homöopath. Sorgen haben etwas mit uns zu tun. Sich Gedanken um eine andere Person zu machen hat was mit der andere Person zu tun. Dies ist meine Erfahrung mit mir selbst und mit meiner Umwelt.
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Zunächst danke für Deinen Kommentar und sorry für die verspätete Antwort (wordpress zeigt mir oft nicht an, wenn ein Kommentar eingestellt wurde, keine Ahnung, woran das liegt…). Zwischen Sorgen und Gedanken machen zu unterscheiden ist ziemlich treffend, trotzdem glaube ich weiterhin, dass ich mir auch genuine Sorgen um jemanden machen kann, und das ohne oder zumindest nicht nur mit selbstbezogenen Motiven. Darf ich fragen, machst Du Dir manchmal Sorgen um andere? LG, Merle
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