
Nachdem ich langsam wieder beginne, am Leben und am Lauf der Welt teilzunehmen, kommt nicht nur meine Kreativität zurück sondern auch mein – bisweilen sehr missmutiges – Staunen über eben diese Welt. Ich gebe zu, ich bin nicht die best informierte Bloggerin, es gibt immer wieder längere Phasen, in denen ich mir eine Nachrichtensperre verordne, weil es einfach zu deprimierend ist, was mir in den Medien zugetragen wird. Aber die folgenden zehn Phänomene haben in den letzen Tagen und Wochen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ich kann nur sagen, ich bin erstaunt, irritiert – im besten Fall nachdenklich gestimmt.
1. Sehr verärgert hat mich der Spott über Greta Thunbergs Rede vor den Vereinten Nationen. Ist Emotionalität wirklich ein Grund, ihren Auftritt zu verhöhnen, sie als wehleidiges Kind darzustellen? Wäre das auch der Fall gewesen, wenn ein männlicher Redner so aufgetreten wäre und vor allem: ist der Klimawandel kein Grund für Wut, Zorn und Trauer? Mich macht wütend, dass das Zeigen von starken Gefühlen scheinbar automatisch dazu führt, nicht mehr ernst genommen zu werden, dabei ist das, was uns auf der Erde durch den Klimawandel droht, meines Erachtens ein verdammt guter Grund, emotional zu werden!
2. Zur selben Zeit in Bayern das Massenbesäufnis Oktoberfest. Es erschließt sich mir einfach nicht, woraus die Faszination der Wiesn besteht und wieviel Menschen große Summen Geld dafür ausgeben, bei schlechter Musik sturzbetrunken in völlig überfüllten Zelten sich selbst zu vergessen. Die lokale mediale Aufmerksamkeit für das Ereignis ist hoch, ebenso die Kriminalitätsstatistiken – und angeblich auch die Zahl der sich findenden Paare. Na, dann Prost!
3. Es gibt sie tatsächlich: eine Online-Petition für ein Kippenpfand! Ein gewisser Christoph Dünhuber entblödet sich nicht, einen Taschenaschenbecher für alle Raucher vorzuschlagen, in dem der Zigarettenkonsument seine Kippen sammelt und dann zu einem Pfandautomaten bringen soll. 20 Cent Pfand pro Zigarette findet er angemessen. – Geht’s noch? Natürlich sind auf dem Boden landende Zigarettenstummel ein Problem, aber vielleicht sollte man dann einfach mal die geltenden Regeln anwenden und „Kippensünder“ zur Kasse bitten. Dafür bin ich selbst als Raucherin.
4. Der Sozialhilfesatz in Deutschland beträgt pro Monat 424 Euro. Ich frage mich ernsthaft, wie man davon einigermaßen würdevoll leben soll. Das ist ein Betrag, der gerade zum knappen Überleben reicht, wenn überhaupt. Es ist nicht zu vergessen, dass von diesem Betrag noch die Telefon- und Stromrechnungen zu zahlen sind, ebenso wie öffentliche Verkehrsmittel, Kleidung etc. . Wie damit noch eine Teilhabe an Bildung oder am sozialen und kulturellen Leben möglich sein soll, ist mir ein Rätsel.
5. Das Schwinden von bezahlbarem Wohnraum in Städten kann einem Angst machen. Die seit Jahren anhaltende Entwicklung der rasant steigenden Mieten und der Luxussanierungen führt dazu, dass ganze Gesellschaftsgruppen in das entfernte Umland vertrieben werden und sich einige wenige Reiche den Lebensraum Stadt teilen. Dadurch entstehen zweierlei Ghettos: die der Geld-Eliten und die der Menschen mit schlecht bezahlten oder gar keinen Jobs. Die Politik muss hier einschreiten und sozialen Wohnungsbau in den Städten fördern bzw. Bestandsviertel ausweisen, in denen Luxussanierungen und Wohnraum als reine Investitionsanlagen nicht mehr möglich sind.
6. „Was machst Du?“ = was ist Deine Arbeit? = die am schnellsten und häufigsten gestellte Frage in Kennenlernsituationen. Echt, jetzt? Fällt uns wirklich nichts Besseres ein? Kann es sein, dass wir unsere Mitmenschen (immer noch) vor allem nach ihrem Beruf bzw. ihrer Erwerbstätigkeit beurteilen? Wie wäre es stattdessen mit: welche Musik hörst Du gern, was sind Deine Träume, wohin würdest Du gern verreisen, was würdest Du mit einem Lottogewinn anstellen…?
7. Laut Verfassungsschutzbericht vom Juni 2019 gibt es in Deutschland rund 24.000 Rechtsextremisten – Tendenz steigend und etwa die Hälfte gewaltbereit. Können wir das so einfach hinnehmen? Ich denke nicht und ich frage mich beunruhigt, ob wir genug unternehmen, um unsere Demokratie und unser Grundgesetz zu schützen. Das Bewusstsein, dass unsere Freiheiten nicht selbstverständlich sind und dringend im gesellschaftlichen Diskurs und politischen System vertreten werden müssen, darf nicht verloren gehen.
8. A propos Demokratie: Herr Trump. Ohne Worte. Doch, eines: unerträglich.
9. Brexit – was soll man dazu noch sagen. In der ältesten Demokratie der westlichen Welt wird ein Schmierentheater aufgeführt, das Seinesgleichen sucht. Ich glaube, das hätte sich nichtmal Shakespeare träumen lassen, dessen Stücke ja immer gern für ihre Aktualität gepriesen werden. Hofnarren gibt es in diesem Drama jedenfalls genug!
10. … und schließlich beschäftigt mich die Frage, wie lange es noch dauert, bis wir merken, dass wir so nicht weiter machen können? Die Wachstumslüge ist eine Lüge, wir haben tatsächlich keine zweite Erde in der Hinterhand und die ungleiche Verteilung von Wohlstand, Nahrung, Wasser und Arbeit kann nicht ewig aufrecht erhalten bleiben (sollte sie ja auch nicht) – wann werden wir wach?
Zugegeben, mein heutiger Beitrag ist kein Sonntags-Amüsement und gerade deswegen möchte ich zu guter letzt festhalten, dass wir bei all dem nicht den Humor verlieren dürfen. Humor, Mitgefühl, die ein oder andere Umarmung und vor allem Liebe brauchen wir dringend, damit das individuelle Leben weiterhin lebenswert ist.
Vielleicht habt Ihr ja Lust, mir zu schreiben, was Euch dieser Tage beschäftigt und nachdenklich macht! Ich freue mich auf eure Kommentare und verbleibe, wie immer,
Eure Merle
Hast ja mal richtig ausgeteilt am Sonntag. Danke dafür.
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*Grins* ja gerne! Es hat auch gut getan, das mal nierder zu schreiben! LG Merle
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