
Ich gehe nicht gerne einkaufen. Besonders, seitdem ich mir meine ausgedehnten Biomarkt-Streifzüge nicht mehr leisten kann und stattdessen in hastigen und hässlichen Discountern den Großteil meiner Einkäufe erledige, empfinde ich diese allwöchentliche Aufgabe als sehr anstrengend und lästig. Schon der Weg dort hin ist eine kleine Herausforderung, denn er geht quer durch ein Viertel mit einer sehr hohen Dichte an türkischen und arabischen Supermärkten und Cafés, wo das Leben draußen und also auf dem Bürgersteig stattfindet. Nachdem ich mir den Weg durch das Gewusel und an gefühlt 20 Bettlern (die mir ein schlechtes Gewissen verursachen) vorbei gebahnt habe, komme ich in „meinem“ Supermarkt an und versuche, die allgemeine Hektik zu ignorieren und mich auf meinen Einkauf zu konzentrieren. Mit gezielten Schritten gehe ich durch den Laden, belade meinen Wagen vor allem mit Kaffee und Milchprodukten, ein wenig Obst sowie Tabak und bin schon wieder an der Kasse. Spätestens jetzt kann ich mich dem Stress nicht mehr entziehen, denn jeder versucht so schnell wie möglich, seinen Einkauf auf das Band zu legen um mit dem atemberaubenden Tempo der Kassierer mithalten zu können. Mit der satten Gemütlichkeit in Alnatura-Läden hat das alles wenig zu tun.
Heute allerdings wird meine Routine bemerkenswerter Weise von zwei Menschen durchbrochen. Als ich in der Schlange vor der Kasse anstehe, gucke ich hinter mich und sehe den älteren Herren, der mir vor ein paar Wochen an gleicher Stelle ein Kompliment für meinen Nasenring gemacht hat. Wir lächeln uns erkennend an und er studiert interessiert den Inhalt meines Einkaufswagens und meint beeindruckt: „Sie leben aber gesund!“ Ich schiele auf den Tabak und das heute fehlende Gemüse und frage „Finden Sie wirklich?“ Er nickt und grinst breit. Inzwischen bin ich an der Reihe mit Waren auflegen und ich spute mich, da höre ich den Kassierer freundlich sagen: „Nur die Ruhe, wir haben Zeit.“ Ich hätte ihn küssen können! Hab ich natürlich nicht, aber jetzt war es an mir, breit zu grinsen. Entspannt lege ich meinen Einkauf auf das Band, zahle und gehe beschwingt zum Tresen, wo ich meinen Rucksack voll packe. Hier begegnet mir dann nochmal der ältere Herr, der mir alles Gute und viel Glück wünscht.
Die Moral von der Geschicht? Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mich erfreuen solche kleinen aber feinen Kontakte zu anderen Menschen, besonders wenn sie in Situationen geschehen, in denen ich überhaupt nicht damit rechne. Und auf einer ganz anderen Ebene frage ich mich, ob es erwähnenswert und relevant ist, dass der ältere Herr Afrikaner ist und der Kassierer türkischer Herkunft. Während ich noch überlege, ob das wichtig ist, wird mir bewusst, dass ich außer an meinen Samstags-Einkäufen gar keine Berührungspunkte zu Menschen „mit Migrationshintergrund“ habe. Vielleicht erscheint es mir deshalb bemerkenswert. Ich denke darüber nach und erinnere mich nun, dass ich schon öfter mal mit anderen Kunden ins Gespräch gekommen bin, was mir im Alnatura nie passiert ist. Zufall oder nicht? Ist die eine Klientel kommunikativer als die andere? Sitze ich naiv einem Klischee auf? Und warum ist das wichtig?
Für mich ist es bedenkenswert, dass ich erst durch die Veränderung meiner finanziellen Mittel in die Situation gekommen bin, Kontakt zu ausländischen MitbürgerInnen bzw. solchen mit Migrationshintergrund zu haben. Und dies ist ja nur ein sehr eingeschränkter Kontakt. Was ich schade finde, denn ich wüsste eigentlich gern mehr über diesen Teil der Bevölkerung. Gerade in diesen Zeiten, in denen rechte Propaganda wieder salonfähig wird und Ausländer raus gewünscht werden, wäre es so wichtig, dass wir mehr voneinander wissen. Ich weiß nicht, ob das an der Stadt liegt, in der ich lebe oder ob das überall so ist, aber es findet eine Trennung zwischen „Einheimischen“ und „Ausländern“ statt, die mir seltsam und ungut vorkommt. Ich weiß eigentlich, dass es Ghetto-artige Entwicklungen in Großstädten gibt und dass es sogenannte ethnische Viertel gibt, aber noch nie ist mir das so deutlich wie heute aufgefallen.
Zugegeben, das ist jetzt ein sehr weiter Bogen, den ich da gespannt habe. Von zehn gewechselten Worten in der Warteschlange zur allgemeinen Situation von „Ausländern“ (gibt es kein besseres Wort?) in Deutschland zu kommen, mag nicht für jeden nachvollziehbar sein. Ich persönlich sehe da aber eben den Zusammenhang, dass ich das soziale Biotop gewechselt habe, als ich meinen Supermarkt gewechselt habe. Und da kann ich Unterschiede feststellen, die mir früher nicht aufgefallen wären.
Vielleicht ist das alles aber auch meiner déformation professionelle geschuldet, denn ich bin von meiner Ausbildung her ja Ethnologin… man möge mir also verzeihen, wenn ich dem einen oder anderen Detail zu viel Bedeutung beigemessen habe. Was bleibt, ist in jedem Fall die angenehme Freundlichkeit, die ich heute erfahren habe und darüber freu ich mich jetzt noch ein Weilchen…
In diesem Sinne wünsche ich Euch auch viele nette Begegnungen und natürlich ein schönes Wochenende!
Eure Merle
Liebe Merle,
es freut mich, dass Du heute so ein schönes Erlebnis beim Einkaufen beim Discounter gemacht hast.
Nach meinen Erfahrungen sind tatsächlich AfrikanerInnen und TürkenInnen viel offener und freundlicher als die meisten Deutschen
Männer und Frauen. Ich führe es auf einen wirklich vorhandenen
Mentalitätsunterschied zurück, der sich besonders bei den Afrikanischen
Frauen schon in dem besonders farbenfrohen Kleidungsstil zeigen kann.
Diese Freude an fröhlichen bunten Farben ist leider bei Deutschen Frauen seltener zu finden.
Wenn ich auf Reisen bin, erlebe ich auch sehr oft, dass gerade ausländische Männer sehr hilfsbereit sind, wenn es darum geht,
meinen Koffer ,Treppen hinunter oder herauf zu tragen, weil es weder
Rolltreppen noch Fahrstühle gibt. Genauso ist es mir auch schon
häufiger mit ausländischen Taxifahrern gegangen.
Danke für Deinen Beitrag und die lieben Grüße zum Wochenende!
Dir auch ein schönes goldenen Oktober Wochenende und einen guten
Start in die neue Woche!
Deine Reggae
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Liebe Reggae, vielen Dank für Deinen Kommentar und die lieben Wünsche! 🙂 was Du über die Mentalitätsunterschiede schreibst, kann ich bestätigen, wenn ich auch immer ein bißchen die Sorge habe, hier ins Klischee abzurutschen. Aber es stimmt schon, ich sehe mehr afrikanische Frauen in kunterbunter Kleidung als Deutsche und wenn ich unterwegs bin, komme ich eher mal mit MigrantInnen ins Gespräch als mit Deutschen. Ich muss gerade an den iranischen Apotheker denken, im Vergleich zu einer anderen Apotheke, die von einem Deutschen geführt wird und wo die meisten Angestellten auch Deutsche sind. Der iranische Apotheker hat immer Zeit für ein Schwätzchen, erkundigt sich nach dem werten Befinden oder plaudert einfach so über die Lage im allgemeinen… das geschieht in der anderen Apotheke niemals… Und diese Liste an Beispielen könnte ich länger fortsetzen. Natürlich kann man darauf erwidern, dass das alles Einzelfälle sind, aber die Häufung dieser Einzelfälle lässt mich stark daran zweifeln, dass das Zufall ist. Das Fazit möge also lauten: es lebe der Unterschied! 😉 Liebe Grüße, Merle
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