Ist das gerecht?

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser, heute würde ich mir eine Umfragefunktion auf meiner Blogseite wünschen, da mich sehr interessieren würde, wie ihr über Folgendes denkt – es scheint auf den ersten Blick eine triviale Angelegenheit zu sein, aber ich habe Ebenen darin entdeckt, die mir doch von größerer Bedeutung erscheinen:

Von einer Freundin habe ich erfahren, dass jemand, der sich piercen oder tätowieren lässt und anschließend zum Arzt muss, weil sich das ganze entzündet hat oder sonstwie Probleme bereitet, dass dieser die Kosten für die ärztliche Behandlung selber zahlen muss. Krankenkassen übernehmen keine Behandlungskosten, die durch freiwillige Körperveränderungen anfallen.

Siehe dazu folgende Links:

Ärztezeitung;

Oberarzt Heute

(Die Artikel sind von 2011 bzw. 2016 – ein Recherche-Anruf bei meiner Krankenkasse – Techniker – ergab, dass jede vom Arzt gemeldete Behandlung von Piercings oder Tättowierungen vom Patienten selbst zu zahlen sind.)

Im ersten Moment denkt man: ja klar, das macht Sinn. Ist ja jeder selber schuld, wenn er sowas macht, ist doch Privatvergnügen. Auf den zweiten Blick jedoch finde ich das ganze höchst bedenklich. Denn hier wird der Einzelne auf eine Art bevormundet und benachteiligt, die meines Erachtens gegen die Persönlichkeitsrechte geht. Und ich frage mich unweigerlich: was kommt als Nächstes?

Was ist mit dem Skifahrer, der sich ein Bein bricht? Ist Skifahren nicht auch ein Privatvergnügen, mit hoher Verletzungsgefahr? Was ist mit der Person, die bei Rot über die Ampel geht und einen Unfall verursacht, muss die bald auch die Behandlungskosten selber zahlen? Oder der Fahrradfahrer, der ohne Helm fährt, der Autofahrer, der mit Trunkenheit am Steuer verletzt wird, der Raucher der Krebs bekommt oder jemand, der sich durch ungeschützten Verkehr mit einer Geschlechtskrankheit infiziert?

Wird in Zukunft die Schuldfrage darüber entscheiden, wessen Behandlungskosten von der Krankenkasse übernommen werden? Und wieso zahle ich dann seit Jahrzehnten meinen Kassenbeitrag? Es wird ohnehin inzwischen herzlich wenig von den Kassen bezahlt, wenn ich beispielsweise an Zahnarztkosten denke oder an Krebsvorsorge. Selbst wichtige Blutparameter, die eine Rolle bei Depressionen spielen (Vitamin D und B12), werden nicht mehr von den Kassen bezahlt.

Da möchte ich in Anlehnung an Shakespeare sagen: Es ist etwas faul im Staate Deutschland, und das sind nicht die indivuellen Lebensgestaltungen. Ich bin kein Experte des Gesundheitssystems, aber sollten die Kassen tatsächlich unter Defiziten leiden, dann reißen es die Behandlungskosten von gepiercten oder tätowierten Mitgliedern sicher nicht raus.

Vielleicht sehe ich die Entwicklung zu schwarz, aber wenn ich gleichzeitig bedenke, dass die Krankenkassen immer mehr persönliche Daten von Patienten zentral speichern wollen, dann frage ich mich, ob das der leise Abschied von einem Solidarsystem ist, wie wir es bislang noch haben. Ich hoffe, dass ich hier übertreibe und Unrecht habe, denn ansonsten wird es, fürchte ich, recht unschön…

Nichtsdestotrotz wünsche ich Euch einen schönen, sonnigen Sonntag und ich freue mich wie immer über Kommentare!

Eure Merle

 

5 Gedanken zu „Ist das gerecht?“

    1. Danke für die Frage! Ich habe zwei Links eingefügt – und kann berichten, dass meine Krankenkasse – Techniker – ganz klar auf eine telefonische Anfrage antwortete, dass die Kosten vom Patienten selbst zu tragen sind…

      Like

  1. Ah, jetzt, mit der Rechtsgrundlage, ist mir klar, warum dieser nicht wirklich neue Paragraph gerade eben wieder heftig diskutiert wird. Das Bundessozialgericht hat dazu im August entschieden. In dem Zusammenhang fiel mir ein, dass Diskussionen zum Risikosport bereits vor einer Reihe von Jahren stattfanden; sie hängen mit dem gleichen Paragraphen, allerdings Absatz 1, zusammen.
    https://www.krankenkasseninfo.de/ratgeber/nachrichten/extremsport-risiko-auch-fuer-krankengeld-und-lohnfortzahlung-59917.html
    Letztendlich geht es aber nicht um die Frage der Persönlichkeitsrechte oder der Freiheit, sondern darum, ob die Versichertengemeinschaft für grob fahrlässiges oder gar strafbares Verhalten aufkommen muss.
    Niemand verbietet dir, dich tätowieren oder deine Brust vergrößern zu lassen. Aber das schließt nicht die Pflicht der Gemeinschaft ein, für evtl. Folgen dieser deiner freien Entscheidungen aufkommen zu müssen.
    Für alle anderen von dir aufgezählten Verhaltensweisen gilt der Nachweis der Kausalität. Kann man im Einzelfall nachweisen, dass wirklich das Rauchen am Krebs schuld ist? Nicht wirklich, solange auch Nichtraucher Krebs kriegen. Und bei Unfällen wird seit jeher geprüft, ob nicht u.U. der Unfallverursacher zum Schadenersatz verpflichtet werden kann.

    Freie Entscheidungen sind also nicht gleichbedeutend mit der Kostentragung durch die Gemeinschaft. Wer sich frei entscheiden dürfen will, muss auch Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen (können).

    Like

    1. Ja,, so kann man das sehen. Ich bin der Auffassung, dass ich durch meine Beiträge auch das Recht hätte, solche Kosten von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Und ich fürchte, dass die Tendenz ist, dass immer mehr Sachverhalte ausgeschlossen werden, weil die Gemeinschaft angeblich die Kosten nicht tragen kann oder will. Und von da zu immer mehr Verboten oder Zusatzkosten ist es nicht weit. Im übrigen finde ich es witzig, wenn Tätowieren oder Piercen als grob fahrlässig bezeichnet werden, das hat mit der Realität in der Regel nichts zu tun. Was den Schadensersatz bei Unfällen angeht, da hast Du Recht, daran hatte ich nicht gedacht. Und dennoch finde ich die Grenze willkürlich gezogen
      Ein weiteres Beispiel: vor drei Jahren hat mich mein Kater, weil ich ihn aus Versehen erschreckt hatte, in die Hand gebissen. Ich musste am Wochenende ins Krankenhaus und bekam hochdosierte Antibiotika – es ist mein Verhalten gewesen und ich muss keine Haustiere haben – hätte ich dann Deiner Meinung nach hier auch selber zahlen sollen? Und was ist mit dem ungeschützten Verkehr und dem Radfahrer ohne Helm? Mir würden noch mehr Beispiele einfallen, aber ich belasse es mal bei dem Hinweis, dass es auch so etwas wie allgemeines Lebensrisiko gibt. Wenn wir das komplett aus den Versicherungen ausschließen wollen, bitte ich um Konsequenz und die freiwillige Versicherung. Leicht irritierte aber herzliche Grüße, Merle

      Like

      1. alles nur eine frage der zeit. genauso wie wir im laufe der zeit verstanden haben, dass es berufsunfähigkeitsversicherungen oder zahnzusatzversicherungen braucht, genauso wird sich eines tages die sache mit der tätowierversicherung erschließen.
        stell dir bloß vor: in einem so zivilisierten land wie den USA gibt es noch immer keine kranken-pflichtversicherung. 😉

        Like

Hinterlasse einen Kommentar