
… na und?
Dieser Beitrag fällt mir schwer, denn wenn ich ehrlich bin, ist mir das, worüber ich schreiben möchte, ein wenig peinlich, ich schäme mich – vor allem vor mir selbst. Aber da mir das Thema nun schon den Schlaf raubt, habe ich das Bedürfnis, meine Gedanken zu ordnen und da hilft schreiben ungemein. Außerdem glaube ich, dass ich mit dem Sujet nicht ganz allein bin.
Es geht um Angst und darum, ob man entgegen seiner Angst etwas tun sollte oder nicht und wie es sich auf einen auswirkt, wenn man der Angst nachgibt und das, was einen ängstigt einfach sein lässt. Wie so oft, gibt es auch hier meiner Meinung nach keine eindeutige Antwort, es kommt drauf an.
Angst ist für mich ein häufiger Begleiter und ich habe schon viel Zeit damit verbracht, über meine Ängste nachzudenken, sie zu analysieren und zu integrieren. Für viele Situationen kann ich sagen, dass ich gelernt habe, mit meiner Angst umzugehen und trotzdem zu tun, was ich tun möchte oder muss. Das fängt beim Zahnarztbesuch an, geht über eine ausgeprägte Spinnenphobie (die mich allerdings häufig noch einschränkt, z.B. wenn ich etwas aus dem Keller benötige) bis zu sozialen Unsicherheiten in größeren Gruppen. Eine Art Dauerbrenner ist Verreisen – etwas, dass ich gerne tun würde, wovon mich meine Angst aber tatsächlich größtenteils abhält – und dann ist jetzt ein neues Thema aufgetaucht, von dem ich bis vor kurzem gar nicht wusste, dass es eines ist. Der akuelle Anlass auch zu diesem Beitrag ist, dass ich (wie bereits in früheren Jahren), Englisch-Nachhilfe geben wollte und mit Entsetzen feststellen musste, dass ich, als es jetzt konkret wurde, eine Heidenangst davor habe. Das irritiert mich und macht mich wütend, denn ich erinnere mich genau, dass ich diese Tätigkeit früher ganz souverän und erfolgreich gemeistert habe. Jetzt führt ein vereinbarter Termin dazu, dass ich schlecht träume bzw. nicht mehr schlafen kann und sobald ich versuche, mich mit den anstehenden Themen aus dem Lehrplan zu beschäftigen, explodiert mein Kopf und ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Es ist, als sei mein Gehirn leer gepustet und als wisse ich nichts mehr von der Sprache, die ich fließend spreche und studiert habe. Wie kann das sein? Welcher meiner Anteile boykottiert mich dermaßen, dass mein Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist? Mir hat Nachhilfe geben immer Spaß gemacht und doch fürchte ich mich jetzt davor, Fehler zu machen, etwas nicht richtig erklären zu können und überhaupt zu versagen. Ich habe mich entschlossen, dem Schüler abzusagen, denn so kann ich keinen vernünftigen Unterricht geben und ich würde ja dafür bezahlt werden – das geht also gar nicht.
Noch während ich den Entschluss fasse, es sein zu lassen, kommt unweigerlich das Gefühl auf, erst recht versagt zu haben. Mein innerer Kritiker ist der festen Überzeugung, ich hätte es versuchen müssen und dass ich mich nicht so anstellen soll. Man muss sich seinen Ängsten stellen und darf nicht klein beigeben. Ist das so? Davon abgesehen, dass in diesem Fall ja noch jemand anderes betroffen wäre, bin ich mir gar nicht sicher, ob es immer angemessen ist, gegen innere Widerstände zu handeln. Angst ist ja ein Gefühl, dass einen vor Gefahren warnt. Was, wenn ich tatsächlich nicht mehr in der Lage bin, guten Unterricht zu geben, vielleicht weiß da ein Anteil von mir mehr als ich? Würde es nur mich betreffen, hätte ich gesagt: ja, komm, lass es uns versuchen, aber es betrifft halt nicht nur mich – aber vor allem frage ich mich: ist es das wert, dass ich unter Schlaflosigkeit leide und den ganzen Tag wie Falschgeld herumlaufe, weil ich an nichts anderes mehr denken kann? Macht es Sinn, sich zu etwas zu zwingen, dass ganz offensichtlich von einem inneren Großteil abgelehnt wird? Muss ich jede Angst überwinden? Meine Antwort ist ein entschiedenes JEIN.
Ich kenne eine junge Frau, die seit Jahren nicht mehr aus dem Haus geht, weil sie so große Ängste hat, dass das nicht mehr möglich ist. Ich selber hatte vor Jahren eine kurze Phase, in der ich unsägliche Angst vor öffentlichen Verkehrmitteln hatte. Das sind beides Beispiele, bei denen ich der Meinung bin, dass man unbedingt diese Ängste überwinden muss, weil sonst das Leben keine Lebensqualität mehr hat. Dies sind zu große Einschränkungen, als dass man sie hinnehmen könnte oder sollte. Also bin ich ganz oft mit U-Bahn und S-Bahn gefahren und siehe da, nach einer Weile hatte ich keine Angst mehr. Aber leider funktioniert das nicht mit allen Ängsten. Ich bin öfter in meinem Leben verreist, aber die Angst wurde nie weniger, im Gegenteil, sie wurde schlimmer. Ich weiß nicht, wie oft ich wegfahren müsste, bis sich eine gewisse Sicherheit einstellt. Ich dachte ja lange Zeit, dass ich nur weit genug weg fahren müsste und ein „schwieriges“ Land aussuchen müsste, dann wäre ich für immer von meiner Reiseangst kuriert. Denkste, Puppe! Ich war 2003 und 2004 insgesamt drei Mal in Syrien und trotzdem wurde meine Angst nicht weniger. Über zwei Jahrzehnte habe ich mit diesem Hindernis gekämpft, bis ich es irgendwann müde wurde und mir gesagt habe, es reicht. Ich bin eben kein Mensch der gerne verreist. Viele Länder, die ich gerne sehen würde, haben mir zu viel Getier und Krankheiten im Angebot, andere Gebiete sind zu unsicher und insgesamt fühle ich mich in fremden Umgebungen so orientierungslos, dass es einfach keinen Spaß macht. Sollte ich mich dennoch dazu überwinden? Weiter üben und leiden? Ich denke, nein. Ich habe für mich beschlossen, dass mir diese Einschränkung nicht wichtig genug ist, um mich weiter zu quälen.
Doch zurück zur Nachhilfe. Ich könnte das Geld gut gebrauchen und wie gesagt, früher hat mir das Spaß bereitet, aber so, wie mich der anstehende Termin aus der Fassung bringt, sehe ich keinen Sinn darin. Ich fände es auch verantwortungslos, an einem Schüler zu üben und zu gucken, wann die Angst vergeht. Denn mit Angst lässt sich kein guter Unterricht gestalten. Oder doch? Ist das eine Ausrede? Sollte ich mich coachen und mir mit Affirmationen Mut machen und mir selber sagen, dass ich das kann? Dass ich in der Lage bin, eine gute Leistung abzuliefern, die das Geld wert ist? Ich bin zutiefst verunsichert und weiß gerade nicht, was angemessen wäre. In mir macht sich eine Stimme breit, die laut schreit, dass ich nicht alles können muss, dass es in Ordnung ist, vor manchen Dingen zu sagen, ich kann das nicht. Und das ist nicht schlimm. Obwohl auch interessant ist, dass ich vor Kurzem jemanden in Englisch geholfen habe, aber dafür kein Geld verlangt habe – und das hat gut geklappt. Das war allerdings auch eine andere Klassenstufe und ein anderer Schultyp. Ja, was denn nun?
Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist, dass man sich kleiner fühlt, wenn man einer Angst nachgibt und dass das Selbstbewusstsein einen riesigen Schub bekommt, wenn man Angst überwindet. Andererseits ist es durchaus wichtig, Prioritäten zu setzen und sich das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Manche Kämpfe lohnen sich einfach nicht, gekämpft zu werden. Ich denke da eine Situation vor einigen Jahren, als ich voller Neid einige Jugendliche dabei beobachtete, wie sie von einer kleinen Brücke in den darunter fließenden Fluß sprangen, an dessen Ufer ich gerade die Sonne genoß. Ich fasse es bis heute kaum, dass ich tatsächlich so viel Antrieb hatte, es ihnen gleich zu tun. Ich sprang und es war herrlich! Im darauf folgenden Sommer wollte ich wieder springen – doch ich konnte meine Angst nicht überwinden. Ich verstehe bis heute nicht, wieso es erst möglich war zu springen und im Jahr darauf nicht – aber ich habe mich nicht gezwungen und akzeptiert, dass die Angst größer war. Nun kann man sagen, dass das ja insgesamt auch ein völlig unvernünftiges Unterfangen war – stimmt. Aber es war riesig, als ich gesprungen bin!
Offenbar muss also die Motivation etwas zu tun groß genug sein, um sich seinen Ängsten zu stellen. Wenn der Preis etwas nicht zu erleben oder zu tun hoch genug ist, kann ich meine Ängste überwinden. Und wo diese Linie verläuft, ist bei jedem Menschen sicherlich unterschiedlich. Ich muss entscheiden, was es mir wert ist, die Konfrontation mit der Angst zu durchlaufen und abwägen, welche Konsequenzen es haben kann, etwas zu tun oder zu lassen. Von daher wäre es wohl richtiger zu sagen: ich muss das nicht, anstelle von, ich kann das nicht.
Und dann gibt es ja noch die großen Lebensthemen und -Ängste, die man schlicht nicht durch Übung konfrontieren kann. Ich denke da an die Angst vor dem Tod, vor Verlust oder vor Krankheit. Diese Dinge ereignen sich, noch während wir über das Leben nachdenken und plötzlich ist man mitten drin und muss damit klar kommen. So oder so. Mir wurde schon öfter gesagt, dass viele Menschen mit dem älter werden mehr Ängste haben, einfach weil man durch Erfahrung und das Leben selbst gelernt hat, was alles schief gehen kann. Während Jugendliche noch mit großer Unbefangenheit an die Dinge heran gehen, hat ein älterer Mensch schon mehr gesehen und weiß um die Unberechenbarkeit des Seins. Ich weiß von mir, dass ich schon als Kind eher ängstlich war und kann mit 45 Jahren nicht sagen, dass meine Ängste generell mehr wurden – aber vielleicht kommt das noch? Immerhin hatte ich früher keine Angst, Nachhilfe zu geben! Fängt es also jetzt bei mir an? Die Berfürchtung, immer weitere Einschränkungen akzeptieren zu müssen ist auf jeden Fall da. Bei diesem Gedanken merke ich, dass sich etwas in mir wehrt und meine Kämpfernatur reckt den Kopf.
Ein bißchen hat dieser Beitrag auch etwas mit Angstüberwindung zu tun – selbst im anonymen WorldWideWeb befällt mich immer wieder ein mulmiges Gefühl, Persönliches preis zu geben. Und über Angst zu sprechen, ist für mich eben auch mit Scham behaftet. Und dieser ist eigentlich nur beizukommen, indem man nicht schweigt sondern erzählt. Ich gehe davon aus, dass ich mein Leben lang diverse Ängste haben werde, wie wahrscheinlich alle Menschen – und hoffe, dass ich überwiegend weiter in die Konfrontation gehen werde und nicht müde werde, mich diesem unangenehmen Gefühl zu stellen. Vermeidungsverhalten ist in der Regel doch nicht das Wahre. Aber ich erlaube mir in bestmmten Fällen eben auch zu sagen: das muss ich nicht können und mich nicht weiter unter Druck zu setzen – je nachdem, um was es sich handelt. Was die Nachhilfe angeht, bin ich doch noch nicht entschlossen, ich denke, ich werde das noch mit einer Freundin diskutieren und dann entscheiden. Eine Sicht von außen zu bekommen, schadet ja in den seltendsten Fällen.
Es gibt den schönen Spruch: Nur wer Angst hat, kann mutig sein. Ob ich in diesem Fall genügend Mut aufbringe, werde ich sehen – aber ich weiß definitiv, dass ich schon oft mutig war. Das hilft.
Wofür braucht Ihr Mut und was macht Euch Angst? Vielleicht hat ja die ein oder andere Lust, davon zu berichten?
Ich wünsche Euch einen schönen ersten Advent und verbleibe
Eure Merle
zunächst einmal: angst ist ein ganz natürlicher bestandteil unserer biologischen grundausstattung, die uns vor gefahren schützen soll. dabei wird alles, was unbekannt, mindestens aber ungewohnt ist, als potentiell gefährlich eingestuft. fügen wir dann noch die erkenntnis hinzu, dass den heutigen menschen imgrunde nichts von seinen vorfahren, den urmenschen, unterscheidet, klärt sich manche angst von selbst. urmenschen lebten in gemeinschaften von höchstens 150 zusammen. der moderne mensch ist zwar lernfähig, gleichzeitig jedoch von reichlich dingen umgeben, die beängstigend sein können. je nach wohnort und beruf haben wir täglich mit menschenansammlungen zu tun, die die 150 weit übersteigen, täglich werden wir mit neuen dingen konfrontiert, die zu ignorieren wir oft nicht die wahl haben. so betrachtet, ist angst nichts verwerfliches, sondern steter begleiter im leben.
und täglich treffen wir die wahl, welcher angst wir platz einräumen und welche wir überwinden. dass du jetzt angst hast, etwas zu tun, was dir früher leicht fiel, nur weil du geld dafür bekommen sollst, dass du also glaubst, diesem anspruch nicht gerecht zu werden, fällt demnach in die rubrik unvertraut. damit lässt sich arbeiten. man macht sich diese sache wieder vertraut und wird womöglich (wahrscheinlich) erfahren, dass man die sache noch genauso gut beherrscht wie früher.
mein trick bei allen kleinen und größeren ängsten ist immer die frage: was kann im schlimmsten fall passieren. in deiner situation sehe ich nur, dass man dich feuern könnte (woran ich nicht glaube), was doch immer noch so viel besser ist, als es gar nicht probiert zu haben. im günstigstens fall gewinnst du eine geldeinnahmequelle hinzu mit einer sache, die dir am ende vermutlich spaß kann. da lohnt sich doch der versuch.
und: angesichts der tatsache, dass wir im zeitalter der sich selbst gut verkaufenden dilettanten leben (die sich einen dreck drum scheren, wie man ihre leistung hernach bewertet) kannst du dich mit deiner soliden Ausbildung doch nur positiv abheben.
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Liebe Erphschwester, vielen Dank für Deinen klugen und Mut machenden Kommentar! Den Hinweis darauf, dass Angst evolutionär gesehen sinnvoll war bzw. ist, finde ich sehr hilfreich; ich vergesse das oft und es rückt das ganze wieder etwas mehr in die richtige Größenordnung. Besonders wenn man, wie ich, zu sehr zum gedanklichen auseinander klamüsern neigt 😉 Außerdem habe ich mir durch Deine Anregung mal überlegt, was für mich das schlimmste in Sachen Nachhilfe sein könnte – Du hast Recht, es ist einerseits gefeuert werden und auch eventuell sagen zu müssen: das weiß ich nicht oder ich kann es nicht besser erklären. Und siehe da, nichts davon bringt die Welt zum Untergang… *lach* Ich glaube, ich werde bald mehr darüber zu berichten haben…mal sehen…LG, Merle
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ps: sind das da oben im bild die neuen marker? 😉
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Ja! Das hast Du richtig gesehen – es war mein erster Versuch mit den tollen, tollen, tollen neuen Markern 😀 Ich bin noch etwas unsicher mit der Pinselführung, das ist Übungssache, aber deshalb probiere ich auch fleissig und stell gleich mal das Werk ein, an dem ich mich gerade versuche…
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Liebe Merle,
wenn ich lese, was Du zu dem Nachhilfethema schreibst, habe ich kurz das Bild von einer Arena vor mir, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu tun bekommen und Dein Kopf fliegt hin und her und will verstehen und vermitteln. Vergangenheit ist eine selbstbewusste Kraftprotzin, der vieles problemlos und mit Lust gelang, Gegenwart hat gerade ein Kleid aus Angst an, was die Kraftprotzin belächelt. Gegenwart will einerseits in dem Kleid gesehen werden und gleichzeitig sagen, dass es ja gar nicht ihr schönstes Kleid ist und sie noch bessere hat und es ihr ja eigentlich gar nicht steht und.. stammel, stammel…, was Vergangenheit noch mehr amüsiert. Zukunft steht ein bisschen abseits und wartet erstmal ab, wann und für welchen Teil sie zum Einsatz gebraucht wird, sie kann beide irgendwie verstehen. …
Liebe Merle, kann es vielleicht auch sein, dass es da eine leise Stimme in Dir gibt, die (seelische) Überforderung heißt und die zum jetzigen Zeitpunkt ganz leise versucht, auf sich aufmerksam zu machen? Vielleicht kommt wieder eine Zeit, in der Freude und mehr Leichtigkeit aufkommt beim Gedanken an Nachhilfe…
Ich wünsche Dir weniger Kampfgetümmel im Kopf und mehr Zeit für tanzende, singende Marker in der Hand.
Herzliche Grüße,
Miriam
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Liebe Miriam, lieben Dank – da hast Du ein schönes und treffendes Bild gefunden! Ich denke, das Problem besteht tatsächlich darin, dass unterschiedliche meiner Anteile jeweils eine andere Sicht auf das Kleid haben bzw. manche kennen es gar nicht und wollen es wegwerfen, weil es mir nicht steht 😋 Kampfgetümmel beschreibt es sehr schön! Das Getöse übertönt den überforderten Anteil, hat also eine wichtige Funktion. Humpf. – Ich habe heute übrigens kaum an die Nachhilfe gedacht sondern hauptsächlich gemalt und es hat mir richtig gut getan, auch wenn es eher krude Etuden wurden. Im Kopf war es jedenfalls still 😄 liebe Grüße, Merle
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