Die Schönheit des Fehlers

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Fehler werden meiner Meinung nach völlig unterbewertet. In diesem Bild gibt es zum Beispiel einen Fehler, den man sicherlich auch leicht entdecken kann – doch mir gefällt das Werk mit diesem faux pas besser als es davor aussah, nämlich gleichmäßig und sozusagen kantenlos. Zuerst dachte ich noch, nee, so kann ich das Bild nicht herzeigen, das fällt ja total auf… aber dann fand ich, dass der kleine Störenfried eigentlich hübsch aussieht 😉

Gehen wir mal weg von dem Bild – denn natürlich geht es mir um mehr als dieses – und sehen uns Menschen an. Alle Menschen haben Schwächen und Fehler und oft genug beschweren wir uns über die Macken anderer Leute oder aber wir sind im Unfrieden mit uns selbst, weil wir unsere Fehler nicht akzeptieren können. Was für eine Energieverschwendung!

Auf gesellschaftlicher Ebene fällt mir auf, dass es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben scheint, nachdem wir alle der Selbstoptimierung frönen sollen. Schlanker, jünger und fitter sollen wir aussehen, gesund und munter sein, gute Laune haben und dabei noch eine hohe Arbeitsleistung erbringen (zumindest wenn wir Angestellte sind). Dazu gibt es noch die ganz eigene, recht erfolgreiche Welt der (spirituellen) Selbsthilfeliteratur, die uns auffordert, mithilfe von Yoga, Achtsamkeit, Akkupressur, der Lehre der Chakren und so weiter und so fort, zu einem gelassenen, in sich ruhenden Menschen zu werden, der die Lehre des Buddha verinnerlicht und den Weg des Herzens geht, während gleichzeitig Job, Kinder und Haushalt unter einen Hut gebracht werden sollen. Außerdem sollen wir politisch interessiert, weltoffen und tolerant sein, gegen den Klimawandel protestieren sowie vegan leben als auch nur noch Dinge ohne Verpackung einkaufen.

Fühlt Ihr Euch auch bereits beim Lesen total überfordert? Mich überwältigt regelmäßig das propagierte Ideal der Leistungsgesellschaft. Es handelt sich nach meinem Empfinden vor allem um eine Idee von einem Menschen, der nicht mehr nur in der Arbeitswelt Leistung bringen soll, sondern auch auf allen anderen Ebenen des Menschseins. Partnerschaft, Geisteshaltung, die eigene Psyche, Kommunikation, Ernährung, Leibesertüchtigung, Aussehen – das alles und noch viel mehr kann und soll verbessert werden. Sogar Ausruhen und Entspannung können natürlich optimiert werden. Da drängt sich mir unwillkürlich die Frage auf: spiegelt das den normalen Leidensdruck der Mehrheit? Sind wir alle so unzufrieden mit der Welt und uns selbst, dass wir ständig an uns rumdoktorn müssen?

Ich kenne eine junge Frau, die aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung seit längerem nicht arbeiten kann. Deshalb sagte sie vor kurzem: Ich hab ja nichts zu bieten.
Das hat mich unglaublich geschockt. Sie schien wirklich der Ansicht zu sein, dass ihre Krankheit ein Makel ist und sie eine Versagerin, weil sie nicht arbeiten kann. Ich glaube aber, dass diese individuelle Meinung tatsächlich eine weit verbreitete Haltung in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Und da denke ich mir, das kann es doch nicht sein! Es ist also dringend notwendig, sich von diesen gesellschaftlichen, unrealistischen Vorbildern zu emanzipieren und stattdessen im Selbst nach dem zu suchen, was einem guttut und die eigenen Prioritäten zu setzen. Einem Wertesystem nachzueifern, indem persönliche Schwachpunkte als unverzeihliche Fehler gelten, ist nicht gesund.

Genauso wenig förderlich ist es, sich selbst unter Druck zu setzen und das Leben perfektionistisch anzugehen. Wer möchte Freunde und Partner haben, die perfekt sind? Da würde ich mich ja ständig minderwertig fühlen. – Ich bin heute absichtlich etwas polemisch, um meine These zu unterstreichen, dass uns erst unsere Fehler und Schwächen zu den liebenswerten Menschen machen, die wir sind. Und was ist Liebe ohne die Toleranz gegenüber den Schwachpunkten unserer Nächsten, was für Beziehungen haben wir, wenn wir stets bemüht sein müssen, einem Ideal zu entsprechen – ob nun das eigene oder ein fremdes? Wie anstrengend, wenn wir immer versuchen müssten, unsere Fehler zu verstecken!

Leider gibt es immer wieder Tage, an denen ich mir das selbst nicht glaube und der Meinung bin, ich müsste mich dringend ändern. Dann wieder gibt es Phasen, in denen ich im Brustton innerer Überzeugung sagen kann: ich mag mich – auch wenn meine Figur nicht dem Schönheitsideal entspricht, auch ich seit längerem keiner Erwerbstätigkeit nachgehe, meine Persönlichkeit einige anregende Macken bietet und mein Charakter sicherlich Strickfehler hat. Ich bin ein Morgenmuffel und meine Stimmung wechselt mehrmals am Tag, ich bin bequem und per Du mit meinem inneren Schweinehund. Doch je öfter ich mir meine Fehler ansehe, desto freier kann ich, ohne Wertung, über sie lachen und auch mit anderen darüber lachen und akzeptieren, dass sie genauso zu mir gehören wie meine Stärken. Im Grunde ist es doch so, dass wir ohne unsere Ecken und Kanten eher langweilig wären. Ich zumindest finde gerade Menschen interessant, die, wie das Bild, nicht hundert Prozent ebenmäßig sind sondern eher holpriger Natur.

Und dann gibt es noch eine weitere Ebene, wenn wir von Fehlern sprechen: nämlich das Fehler machen in einer Aufgabe oder einem Verfahren. Wie heißt es doch so schön? Aus Fehlern lernen wir! Eben drum! Und lasst mich bitte meine eigenen Fehler machen und redet mir nicht drein, auch wenn ihr fest davon überzeugt seid, dass ich Murks veranstalte. Denn im Rückblick kann ich sagen, dass aus einigen sogenannten Fehlern in meinem Leben die tollsten Dinge entstanden sind oder sich ergeben haben. Fehler zu begehen, kann unheimlich kreativ machen oder zum Verständnis einer Sache beitragen,wenn wir uns mit dem Fehler auseinander setzen. Gerade angebliche Fehlentscheidungen entpuppen sich im Nachhinein oft als Schritt in eine Richtung, der uns einen neuen Weg ermöglicht hat. Auch darin besteht die Schönheit des Fehlers, dass wir bisweilen durch ihn gezwungen werden, links und rechts vom Weg hinzuschauen und dann neue Alternativen zu entdecken. Von daher sollten wir uns den einen oder anderen Fehltritt vielleicht wünschen, denn wer weiß, womit er uns später bereichert?

Mit diesen Überlegungen starte ich heute ins Wochenende und wünsche Euch ein schönes selbiges!

Wie immer herzlich,

Eure Merle

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu „Die Schönheit des Fehlers“

      1. Nicht der Artikel, sondern die Bilder selbst sind es. Alle irgendwie nicht richtig, aber dennoch (oder gerade deswegen) kultig. Menschen und Wasser laufen wider die Schwerkraft und doch sieht alles (auf den ersten Blich) so aus, als wäre es total normal. Auf den ersten Blick …

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      2. Ahhhh, jetzt ist der Groschen gefallen! 😀 Das ist ein schöner Querverweis, besonders, da ich Escher schon lange richtig gut finde. Er hat es perfektioniert, das „Falsche“ zu dem Element im Bild zu machen, wegen dem der Betrachter das Bild anziehend findet, so geht es mir zumindest. Danke dafür! LG, Merle

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  1. Liebe Merle,
    als ich las, was wir laut Deiner Aufzählung der Dinge zur Selbstoptimierung alles machen sollen, ist mir aufgefallen, dass ich erstaunlich gelassen bin, bzw diese Anregungen als Aufforderung scheinbar völlig an mir vorbeigehen. Nicht, dass ich nicht schon von Selbsthilfebüchern, Chakren, Fitness oder Achtsamkeit gehört/getan hätte. Aber ich suche mir wenn dann das raus, was mich von mir aus interessiert und wonach ich persönlich gesucht habe. Es ist vielleicht ein bisschen so, wie das Spirituosenregal im Supermarkt- ich weiß, dass es das gibt, aber ich nehme es gar nicht richtig wahr, weil ich keinen Alkohol trinke. Wenn ich aber jemandem gezielt eine Flasche Wein oder Sekt schenken will, gehe ich da bewusst hin.
    Fehler habe ich vielleicht…? einige…?.. Aber was ist eigentlich ein Fehler am Menschen? Kann es den überhaupt geben? Und wo fängt ein Fehler an und wo hört er auf? Und welche Instanz darf überhaupt beurteilen was ein kleines Fehlerchen und was ein ausgewachsener Fehler ist- so es diese denn gibt.
    Dein Bild ist jedenfalls wunderschön!! Vielleicht besteht ja auch das ganze Bild aus Fehlern und nur an der einen Stelle ist es „richtig“…Wer weiß? Und deshalb ist es so schön! Schmunzel – war`n Scherz.
    Viele Grüße,
    Miriam

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    1. Liebe Miriam, vielen Dank für Deinen Kommentar! Mir gefällt Dein Ansatz „Fehler“ zu betrachten sehr gut, also die Frage zu stellen, was ist überhaupt ein Fehler und wer legt das fest? Ich denke, dass wir als Individuum bereits als Kinder lernen, was Fehler sein sollen und was nicht und später wird üblicher Weise die Sozialisierung in der Gesellschaft auch eine Rolle spielen. Und ich persönlich glaube, dass die Medien da auch eine große Bedeutung haben, insbesondere aber auch die Werbung – Stichwort Schönheitsideal. Als Erwachsene habe ich zwar die Möglichkeit, mich davon abzugrenzen, aber ich persönlich frage mich schon, wie bewusst der Einfluss der Umwelt diesbezüglich auf uns ist und ob wir nicht unbewusst doch einigen gesellschaftlichen Vorstellungen aufsitzen. Ich finde es toll, dass Du für Dich sagen kannst, dass das mediale/gesellschaftliche „Müssen“ Dich nicht beeinflusst – ich merke leider immer wieder, wie es zumindest manchmal doch in mir arbeitet und eine innere Stimme mir sagt, ich müsse diesem oder jenem besser gerecht werden. Besonders gerne tappe ich in die Falle, wenn es um Achtsamkeit geht, dabei ist gerade diese ja das Gegenteil von Zwang oder Druck. Einen gewissen Ehrgeiz, mich zu „bessern“ kann ich also an bestimmten Stellen nicht leugnen. Dabei mag es durchaus hilfreich sein, nicht mehr von Fehlern zu sprechen: Sprache formt ja bekanntlich auch das Bewusstsein. Nachdem ich Deinen Kommentar gelesen habe, viel mir wieder ein, was eine Meditationslehrerin mal zu mir gesagt hat: es gibt kein richtig oder falsch, es gibt nur unterschiedliche Wege. Das ist doch sehr tröstlich und eine, wie mir scheint, sehr gesunde Haltung! … sie komplett zu verinnerlichen ist natürlich nicht ganz einfach, aber das kann ich mir ja als Ziel setzen 😉
      Liebe Grüße und danke nochmal für Deine Gedanken! Merle

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  2. Liebe Merle,

    Um Julia Engelmann und ihr Gedicht „Strukturen im Chaos “ zu zitieren: Fehler sind sowas wie Farben im Leben, doch meine die kann ich mir selbst nicht vergeben. Schwächen sie machen die Menschen so schön, nur meine soll keiner bei Tageslicht sehen.
    Ich fand das zu deinen Gedanken ganz passend. Ich glaub wir trauen uns häufig nicht Entscheidungen zu treffen, aus Angst Fehler zu machen. Doch das kann uns lähmen, wir kommen nur weiter wenn wir das Risiko Fehler zu machen eingehen. Ich sehe da wie du ein großes Potenzial im Fehler begehen oder vielleicht sogar manchmal im Scheitern. Fehler sind Erfahrungen, wir lernen daraus, auch wenn es manchmal sehr schmerzhaft ist.

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    1. Liebe Evamaid, vielen Dank für Deinen Beitrag und die Gedichtzeilen! Ich finde auch, dass sie gut zum Thema passen und kann mich da durchaus wieder finden. Allerdings, wie ich gerade auch Miriam geschrieben habe, gefällt mir der Gedanke gut, das Konzept des „Fehlers“ an sich zu hinterfragen bzw. ganz loszulassen. – Sicherlich eine Frage der Übung. Und ja, ich kenne das auch, dass mir Entscheidungen schwer fallen, weil ich Angst habe, die falsche zu treffen. Ich habe schon viele wichtige Entscheidungen in meinem Leben aufgeschoben, weil ich mich partout nicht durchringen konnte. Irgendwann wird einem dann oft die Entscheidung vom Leben selbst aus der Hand genommen, was für das Gefühl der Selbstwirksamkeit eigentlich katastrophal ist. Mut zur Lücke oder Mut zum Fehler muss man haben, sonst überollen einen die Geschehnisse gerne mal. Und wie gesagt, vielleicht gelingt es uns ja, vermeindliche Fehler nicht mehr als solche zu betrachten sondern als ein Potential von vielen. Im besten Fall können wir dann auch das Schmerzhafte mancher Situation wertfrei betrachten und leichter damit umgehen. Ganz herzliche Grüße, Merle

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