
Ich mag meinen homöopathischen Arzt; doch wirklich, ich schätze ihn sehr und ich gehe gerne zu ihm, nicht nur, weil er ein sehr gescheiter Gesprächspartner ist sondern ich ihn auch sympathisch finde und fast jedes Mal etwas neues dazu lerne. Aber ein Thema gibt es, da hat er mich neulich nun schon zum zweiten Mal auf dem falschen Fuß erwischt. Er sagte doch glatt zu mir: „Sie sind ja SCHON 45 Jahre alt!“ Und ein paar Monate zuvor hieß es: „Sie werden ja auch immer älter und sind nicht mehr die Jüngste!“ Wie bitte??!! Also um es deutlich zu sagen: mir geht es nicht um Höflichkeit oder Etikette, à la: eine Dame spricht man nicht auf ihr Alter an. Nein, darum geht es nicht. Ich bin ein wenig erschüttert, weil ich mich in keinster Weise alt fühle und mich die Zahl vor meinem Alter bisher immer kalt gelassen hat. Es ist das erste Mal, dass mich jemand durch die Blume „alt“ genannt hat und mir klein gedruckt mitteilen wollte, dass meine Kräfte nachlassen würden und ich nicht mehr alles mit meinem Leben anfangen könne. Und ich fühle mich dadurch, nunja, irgendwie falsch eingestuft. Wenn das nochmal so zur Sprache kommt, werde ich meinen Standpunkt kundtun – dass man nämlich höchstens so alt ist, wie man sich fühlt, und da bin ich bei etwa 30 Jahren. Netter Weise ist es auch so, dass ich durchaus öfter um ca. 10 Jahre jünger geschätzt werde, die grauen Haare halten sich sehr in Grenzen. Ich habe auch noch keine körperlichen Zipperlein (die bisweilen beim Treppensteigen auftretende Kurzatmigkeit ist wohl doch eher aufs Rauchen zurück zu führen…) und habe, das ist das für mich Entscheidende, immer noch das Gefühl, dass ich mit diesem Leben alles anfangen kann, was ich möchte. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine besten Jahre vorbei sind oder dass ich bestimmte Dinge nicht mehr werde erreichen können. Im Gegenteil, ich habe ein Lebensgefühl, nachdem mir das Beste noch bevor steht. Ich bin also nicht alt!
Aber, und darüber habe ich anlässlich der Worte meines Arztes intensiv nachgedacht, wann ist man eigentlich alt und gibt es tatsächlich Dinge, die man ab einem bestimmten Alter nicht mehr tut? Zum Beispiel sich bunt und frech kleiden, sich tätowieren oder piercen lassen, in einen Club tanzen gehen, Nacktbaden, sich einen Liebhaber zulegen, den Führerschein machen, auf Weltreise gehen, ein Buch schreiben und und und… na, irgendwas dabei, was im Alter nicht mehr geht oder „unschicklich“ ist? Wohl kaum! Mein persönliches Fazit des darüber Sinnierens ist, das erlaubt ist, was gefällt und wozu ich gesundheitlich in der Lage bin. Dass Gesundheit bzw. die körperliche Verfassung mit dem älter werden oft problematischer wird, scheint mir tatsächlich so zu sein – muss es aber nicht, da kann man ja auf vielerlei Art und Weise vorbeugen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass meine regelmäßigen Spaziergänge und Kreuzworträtsel lösen zu den Dingen gehören, die mich auch jung halten werden, ebenso wie meine Freundschaften zu jüngeren Mitmenschen 😉
Passend zum Thema habe ich übrigens obiges Bild eingestellt – ich nenne es Herbst, und der sieht bei mir so aus, wie es mir gefällt. Ich wüsste nicht, warum mein Alter mich von irgendetwas abhalten sollte. Dass ich mit 70 keine Ausbildung mehr anfangen kann, ja, das ist wohl so – mit 50 aber durchaus noch, da wäre ich zwar ein seltener Fall, aber nicht der einzige. – Natürlich denke ich bisweilen darüber nach, wie es mir in 20 oder 30 Jahren gehen wird. Schon allein, weil in meiner Familie Demenz vorkam und weil mein Partner in einem Altenheim arbeitet; da werde ich regelmäßig mit Geschichten über das mehr oder weniger würdevolle Altern konfrontiert. Aber da ich ja nicht weiß, was auf mich zukommt, finde ich es fast fahrlässig, davon auszugehen, dass es ab der Mitte meines Lebens (?) stetig bergab geht. Meine Haltung scheint mir da viel gesünder, nämlich anzunehmen, dass ich sehr jung alt werden werde.
Fakt ist also, dass ich mit der Einteilung in jung und alt nicht viel anfangen kann. Es ist zwar schon so, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint während des älter werdens und wenn ich an die Kinder von Freunden oder Bekannten denke und daran, wie groß diese schon sind, denke ich mir auch manchmal: oh, werd ich etwa alt? Aber es bleibt dann doch dabei, dass ich mich nicht so fühle. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich schon länger nicht mehr den Druck in mir verspüre, bis zu einem bestimmten Alter bestimmte Dinge erreicht haben zu müssen. Mein Leben verlief bisher nicht nach Plan und ich gehe davon aus, dass es das auch in Zukunft nicht wird. Die „klassische“ Abfolge von Schule-Uni-Heirat-Karriere-Kinder-Haus habe ich ohnehin nicht gelebt, so dass mir auch viele Stressfaktoren erspart geblieben sind. Ich habe in der Tat den Luxus in meinem Leben vor allem darauf achten zu können, was ich möchte und was mir guttut, wenn das auch finanzielle Einbußen mit sich bringt. Dennoch glaube ich, dass dieser Umstand zu dem Erleben beiträgt, jung zu sein.
Einige werden sich jetzt vielleicht denken, „Ja Gott, was hat sie denn, 45 ist ja wirklich kein Alter!“ jaja, aber man gehe mal zum Arzt (nicht zwingend homöopathisch), da wird man im Zuge von Vorsorgeuntersuchungen schon nicht mehr als jung eingestuft. Auch erinnere ich mich daran, dass ich beim Versuch, eine Winterjacke zu kaufen, von einer Verkäuferin darauf aufmerksam gemacht wurde, das Modell sei doch für Jugendliche, ebenso wie die ganze Abteilung und ich solle doch lieber zu den Erwachsenen gehen. Dort waren aber alle Modelle langweilig und in den Farben, in denen sehr viele ältere Menschen zu sehen sind: beige, grau, mittelgrau, hellbraun, dunkelgrau…gut, war vielleicht das falsche Geschäft.
Ich werde übrigens bald mit einer Freundin tanzen gehen (in einen Club, kein Tanztee am Nachmittag- no offence meant) und eine Tätowierung ist auch geplant. Das Piercing heb ich mir für 70 auf 😀 – und ich habe nicht vor, mich jemals in Seniorenfarben zu kleiden, die alle den Eindruck erwecken, die Träger der Kleidung sollten am liebsten unsichtbar sein. Meine Haare färbe ich übrigens nicht, mir gefallen meine zwei grauen Strähnen an den Schläfen sehr gut und ich freue mich schon, irgendwann lange, silbrige Haare zu haben.
Vielleicht bin ich naiv, was das Altern angeht und so mancher mag sich bei dieser Lektüre denken, na, warten wir mal ab und sprechen uns in 20 Jahren nochmal. Da kann ich nur sagen: sehr gerne, ich werde berichten!
Mit einem Augenzwinkern und einem Grinsen im Gesicht sag ich für heut „Adieu“ und grüße Euch herzlich,
Eure Merle
Leben und leben lassen. Fühle einfach was Du fühlst. Wer ist schon alt und was ist das?
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😀 kurz und bündig genau auf den Punkt gebracht!
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klingt jetzt, (ups, pardon!) nach typischer verleugnung. klar kannst du dich tätowieren lassen, knallbunte klamotten tragen, noch(mal) studieren, fallschirm springen undundund …
aber einige dinge gehen schon nicht mehr oder werden reichlich knapp: kinderkriegen, haus bauen …
da fällt mir rilke ein:
∼ Herbsttag ∼
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke (Paris 1902)
älter zu werden, heißt übrigens nicht, dinge nicht mehr tun zu dürfen. bestenfalls, das eine oder andere und mit den jahren immer mehr, nicht mehr tun zu können. älter zu werden heißt auch, sich am jungsein festzuklammern. 😉
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Also, ich hab ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich verleugne und mir unbewusst selbst in die Tasche lüge – und denke das eigentlich nicht… insgesamt scheine ich auch Glück zu haben, dass ich nach bestimmten DIngen nie das Bedürfnis hatte: Mutter sein, Haus bauen, Mount Everest besteigen… das Einzige, was mir tatsächlich Angst macht in Bezug auf das älter werden ist, dass mit der Zeit meine Lieben von mir gehen werden, die einen früher, die andern später – diesen Gedanken finde ich tatsächlich unerträglich. Ich lass mich aber deshalb nicht tätowieren 😉
Ja, das Gedicht von Rilke kenne ich und es ist schon passend zum Thema – wobei ich nie verstanden habe, warum allein bleibt, wer allein ist (ernst gemeint); vielleicht nehm ich es auch zu wörtlich 😉
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Ich hätte nichts gesagt, wenn meiner Erfahrung nach Leugnungen nicht immer mit gerade solchen Selbstbeteuerungen anfangen würden. (Ich bin doch kein Spießer! Ich bin doch nicht geizig!) Klar kommen solche Anwürfe erst einmal von draußen. Irgendwer sagt sowas und man denkt drüber nach. Wer sich aber den Schuh beim besten Willen nicht anziehen kann (oder wem Alter egal ist, weil er sich gut und passend fühlt in seiner Haut), bei dem ist das Thema so schnell vom Tisch, dass er gar nicht auch nur in Betracht zieht, lange darüber zu schreiben. Für die meisten meiner jüngeren Kollegen ist das gar kein Thema.
Und, bei Licht betrachtet, ist mitte 40 nun wirklich nicht mehr jung. Ein gutes Alter, das ja, in dem manche so richtig zur Hochform auflaufen (die berühmtesten und einflussreichsten Mätressen waren zwischen 35 und 45), aber eben ein Alter, in dem man schon fast erwachsene Kinder haben kann. Jung ist anders.
Übrigens fangen die meisten empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen erst mit 50 an.
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Ja, ich hab über das Alter geschrieben – mit einem Augenzwinkern und einem breiten Grinsen, wie der Schlusssatz heißt…😎😋😇
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