Begegnungen

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Menschen kennenlernen. Nachdem ich lange Zeit sehr in mich gekehrt und zurück gezogen gelebt habe, öffne ich mich langsam wieder der Welt und den Menschen und entdecke aufs Neue, wie herrlich es ist, einen guten, anregenden Austausch mit Anderen zu genießen. Gerade wenn es sich um eine Begegnung mit jemandem mir noch unbekannten handelt, befinde ich mich dabei in einem Spannungsfeld aus Interesse, Faszination und Neugier einerseits – und Nervosität, Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Abgrenzung andererseits. Es kann schonmal passieren, dass ich zwischen diesen Kräften hin und her gerissen, vergesse, was ich eigentlich sagen wollte oder generell lieber schweige und zuhöre, als von mir zu erzählen, es trifft sich also gut, wenn mein Gegenüber gerne spricht. Am Beginn einer Begegnung brauche ich meine ganze Aufmerksamkeit für die Wahrnehmung meines Gesprächspartners. Ich beobachte gerne die Mimik, fange den Blick ein oder betrachte die Hände. Ich lausche der Stimme und beoachte die Körpersprache – und höre natürlich dem zu, was mir erzählt wird. Ich finde es sehr bereichernd, zu hören, wie andere Menschen die Welt erleben und womit sie sich beschäftigen. Obwohl also eine gewisse, geteilte Grundhaltung förderlich ist, finde ich es spannend, wenn jemand die Dinge ganz anders als ich angeht oder Interessen und Hobbies hat, von denen ich keine Ahnung habe. Dann höre ich zu und lerne. Ich weiß nicht, ob mein Schweigen manchmal missinterpretiert wird, aber wie im Blog so auch im Leben halte ich lieber den Mund, wenn ich nichts Intelligentes von mir zu geben habe.

Jedenfalls gab es just so eine Begegnung mit einem mir Unbekannten und es hat Spaß gemacht, sich mal wieder in die Situation zu begeben, in der man ganz aufs Neue betrachtet wird und in der ich von grundauf überlegen muss, wie ich was und wie ich über mich erzähle. Bin ich mit Freunden zusammen, spielt das keine so große Rolle, die kennen mich ja schon in zig Varianten und Ausführungen. Aber wenn ich einer Person gegenüber sitze, die mich nicht kennt, führt das unweigerlich dazu, dass ich darüber nachdenke, wer ich inzwischen bin, was macht mich aus, was ist mir so wichtig, dass der Andere es wissen sollte und was spar ich lieber aus? Wenn wir ganz ehrlich sind, versuchen wir ja auch immer, unsere besten Seiten zu zeigen – zumindest, wenn uns was am Gegenüber liegt ;-).

Es ist ja so, dass wir alle immer Geschichten erzählen. Das Ich und unser Verständnis von uns selbst sowie unsere Identität bilden sich u.a. ganz entscheidend darüber, wie wir über uns selbst sprechen, wie wir uns geben und der Welt zeigen. Ich spreche nicht von Verstellen oder Rollen, die man spielen könnte, sondern davon, dass sich jedes Ich situativ immer aufs Neue bildet und dieser Prozess entscheidend vom Gegenüber geprägt wird. Bei Menschen, die ich schon lange kenne, werden völlig andere Dinge in mir verhandelt als bei Menschen, die mich noch nicht kennen. Ist mir eine Person nicht bekannt, sind andere Aspekte meiner Person relevant als wenn wir uns bereits lange kennen. Und das führt unweigerlich auch zu Grenzverhandlungen: ich möchte offen und ehrlich sein, aber nicht gleich am Anfang meine Lebensgeschichte erzählen. Es ist mir wichtig, authentisch zu sein, aber auch nicht indiskret. Und so wird das Kennenlernen zu einer spannenden Reise nicht nur zur anderen Person sondern auch zu einem selbst, oder zum Selbst.

Fremde Menschen kennen zu lernen bedeutet für mich aber auch, neue Fenster zur Welt zu entdecken. Wir sind oft so eingefahren und „fertig“ mit unseren Ansichten und Meinungen, dass es gut tut, neuen Input zu bekommen und von anderen Erfahrungen zu hören. Und wenn es gut läuft, erwächst aus dem gegenseitigen Interesse und einer genügend großen Schnittmenge an gemeinsamer Sicht auf die Dinge, eine neue Freundschaft, oder auch mehr. Aber unabhängig davon, wo Begegnungen hin führen, können sie mich bereichern, und wenn es nur ein Kaffee mit jemandem ist, der auch gerade auf einen Zug wartet. Sich öfter mal zu trauen mit Fremden ins Gespräch zu kommen, das wünsche ich mir für mich selbst. Natürlich kann das auch total nach hinten losgehen! Dann muss ich in der Lage sein, mich höflich aber klar zu verabschieden. Ich erinnere mich, dass ich als Teenager und in den Zwanzigern weitaus unbefangener Kontakte geknüpft habe. Manche Erfahrung und die Gesamtsumme des Lebens haben dazu geführt, dass ich distanzierter geworden bin und weitaus vorsichtiger. Die frühere Leichtigkeit im Umgang mit meinen Mitmenschen wieder zu finden, das wär schon was… Den Kopf nicht so oft im eigenen Sumpf stecken lassen und sich der Welt zeigen – das fühlt sich herrlich lebendig an…

Und mit diesem Gedanken beschließe ich meine heutigen Überlegungen und grüße Euch recht herzlich!

Eure Merle

2 Gedanken zu „Begegnungen“

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