Ein Wort zur Unpünktlichkeit

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Es gibt viele Mysterien in diesem Leben, dazu zählt für mich unter anderem, dass ich als pünktlicher Mensch hauptsächlich Freunde habe, die unpünktlich sind. Ich hege den Verdacht, dass die meisten von ihnen so tiefenentspannt sind, dass sie keinen Druck verspüren, wenn die Uhr zur vereinbarten Zeit vorrückt. Ich weiß, dass diese Unpünktlichkeit nichts mit mir als Person zu tun hat. Und doch ärgere ich mich in regelmäßigen Abständen über die Warterei, der ich mich ausgesetzt fühle. Und es gibt die immer mal wieder nagende Frage, ob die Missachtung der Uhr nicht auch eine (ungewollte) Missachtung des Menschen ist.  Ich selbst bin unter anderem deshalb pünktlich, weil ich das als Teil der selbstverständlichen Höflichkeit sehe, aber auch, weil ich weiß, wie ungeduldig ich werde, wenn ich auf jemanden warten muss. Das möchte ich meinen Mitmenschen ersparen. Nur leider bin ich von Leuten umgeben, die mir das nicht ersparen!

Es gibt eine mir nicht ganz unwichtige Person in meinem Umfeld, die von sich sagt, sie könne schlicht und einfach nicht pünktlich sein. Sie habe das über viele Jahre versucht zu trainieren, aber irgendwann habe sie aufgegeben und eben akzeptiert, dass sie eine unpünktliche Person ist. Der Humor, mit dem sie dabei über sich spricht, ist entwaffnend, dennoch finde ich den Ansatz ärgerlich. Und wir reden hier nicht über 5 Minuten…, eher schon 15. Ich versuche redlich, in diesem Fall Toleranz zu üben, doch ich gestehe, es gelingt mir nicht immer, manchmal werde ich einfach sauer, denn ich kann schlecht nachvollziehen, wie einem ständig etwas dazwischen kommen kann.

Ich finde, wir müssen schon an genügend Stellen im Alltag warten, sei es beim Arzt, auf dem Amt, an der Kasse, in der Warteschleife am Telefon, auf den Bus oder die Bahn… können da nicht wenigstens die Menschen, die mir nahe stehen, pünktlich sein? Offenbar nicht. Ich habe schon versucht, selber unpünktlich zu sein, in der Hoffnung, dass mich dann das zu spät kommen der anderen nicht mehr tangiert. Aber leider hat das nicht funktioniert, ich hab mich einfach nur doof gefühlt und wurde außerdem zeitlich „geschlagen“.

Wenn ich zu Hause bin und mich jemand besuchen will, kann ich immerhin die Zeit nutzen – wobei ich auch da nicht gern eine geschlagene Stunde warte – aber wenn ich draußen verabredet bin, stehe ich in der Regel blank da und langweile mich. Heute hat mir eine (pünktliche!) Freundin geraten, doch ein Buch dabei zu haben, wenn ich mich mit Menschen verabrede, die es mit der Zeit nicht so genau nehmen. Ich werde den Rat befolgen. Übrigens hat selbige Freundin mir auch erzählt, dass sie als Kind regelmäßig eine halbe Stunde oder länger auf ihre Mutter warten musste, wenn diese sie abholen sollte… ich war sofort mit meinem Schicksal als Wartende versöhnt – es geht oder ging also auch anderen so. 😉

Trotzdem möchte ich diesen Beitrag als Plädoyer für Pünktlichkeit verstanden wissen – es ist nicht chic oder hip, ständig zu spät zu sein! Es hat auch nichts mit einer meditativen oder Zen-Lebenseinstellung zu tun und schon gar nichts mit angemessener, individueller Freiheit. Denn wenn ich stets warten muss, wird meine Freiheit beschnitten; man könnte auch sagen, notorisch Unpünktliche sind Zeitdiebe!

Falls sich jemand fragt, natürlich habe ich das Thema bei den Delinquenten längst persönlich angesprochen…und bin auf großes Verständnis gestoßen! Ob sich etwas ändern wird, das sei dahin gestellt. Und natürlich habe ich mich gefragt, was ich daraus lernen kann, dass ich so oft warte – ich nehme die Herausforderung an und sehe meine unpünktlichen Freunde als Anstoß, mehr Geduld zu lernen und aufzuhören zu warten. Denn warten ist eine zutiefst unbefriedigende Nicht-Tätigkeit. Wenn ich warte, erstarre ich zur Lethargie, dann kommt die Ungeduld und schließlich Nervosität: waren wir woanders verabredet? Hab ich mich in der Zeit geirrt? Ist irgendwas passiert? Da kann jemand seit Jahren unpünktlich sein – die Fragen tauchen dennoch auf. Ich nehme an, man nennt das neurotisch…

Und während ich also auf die Optimierung des Zeitmanagements meiner Freunde hoffe, werde ich mich gleichzeitig um mehr Gelassenheit bemühen und wer weiß, vielleicht bin ja doch irgendwann ich diejenige, die zu spät kommt, wenigstens ein Mal…

Damit grüße ich alle pünktlichen und unpünktlichen LeserInnen und wünsche noch eine schöne Restwoche!

Eure Merle

 

2 Gedanken zu „Ein Wort zur Unpünktlichkeit“

  1. Das kenne ich gut aus meinem Leben – immer warte ich auf bestellte Arbeitskräfte und auch auf die Chefs ( bis auf wenige Ausnahmen). Oft sagen sie jetzt per Mobiltelefon – ich komme 15 Minuten später- meistens jedoch sind es mindestens 20 Minuten. Warum nur fahre ich rechtzeitig los und bin 5 bis 10 Minuten vorher da… Rätsel über Rätsel.

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