Ausgangsbeschränkungen – Tag 9

Nun sitze ich seit gefühlt drei Stunden (Realzeit 30 Minuten) vor dem Laptop und überlege, was ich schreiben möchte. Denn leider weiß ich im Moment nur, worüber ich nicht schreiben möchte, und das ist Corona. Nur leider fällt mir nichts ein, was nicht über die eine oder andere Verbindung doch wieder bei dem Virus landen würde. Ich könnte über das Wetter schreiben. Ist heute schlecht, bedeckt, Regen… keine Lust zum spazieren gehen. Hm, damit abgehakt. Heute fällt mir im wahrsten Sinne des Wortes die Decke auf den Kopf. Nicht nur, weil ich so recht nichts mit mir anzufangen weiß sondern auch und vor allem, weil meine über mir wohnende Nachbarin seit der Ausgangsbeschränkung offenbar ein noch tieferes Bedürfnis als sonst hat, ihre Wohnung umzugestalten. Das geht mit ständigem Möbelrücken einher, welches sich anhört, als würden selbige gleich durch die Decke zu mir runter plumpsen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es in der Wohnung aussieht – es hört sich an, als gäbe es zig Stühle und Tische, die allesamt in jeder errechenbaren Kombination aufgestellt werden müssen. Nur um sie dann wieder so hinzustellen, wie sie vorher standen. Ich habe große Empathie für Menschen, die an nervöser Unruhe leiden. Aber ich habe noch mehr Empathie für deren Nachbarn, zumindest wenn die Möbel offenkundig keine Filzpolster an den Beinen haben. Es ist nicht so, dass ich die Dame nicht schon vor längerem gebeten hätte, ihren Stühlen und sonstigem beweglichen Mobiliar doch bitte Filzschuhe zu verpassen. Jaja, das macht sie. Pustekuchen, die Lärmbelästigung ist um keinen Deut geringer geworden. Und da ich ja nun seit 9 Tagen deutlich mehr Zeit als üblich zu Hause verbringe, bekomme ich jetzt täglich die volle Packung ab. Das….nervt!

Genauso wie mein anderer Nachbar seit der Maßnahmen abends gegen 19:30 beginnt, laut Musik zu hören. So laut, als stünde das Radio in meiner Wohnung. Es begann mit Swing aus den 50er Jahren, was ja noch geht, ging am nächsten Tag mit Schlager weiter – was gar nicht geht – und wurde dann zu so einer Art von Heimatmelodien… man hat mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass es noch schlimmer kommen könnte: Metal oder Volksmusik…brrrrr….daran will ich gar nicht denken! Bisher habe ich mich nicht beschwert, weil das Getöse dankenswerter Weise spätestens um 21 Uhr wieder aufhört und weil ich davon ausgehe, dass der alte Herr auch ziemlich unter der Isolation leidet…ich denke, ich werde erst bei Metal einschreiten, wobei ich ihm das eigentlich nicht zutraue. Andererseits, wer weiß, wozu die Ausgangssperre die Menschen noch treibt!

Doch nun zu meiner täglichen Aufgabe, eine gute Nachricht zu finden. Vielleicht ist es zu früh am Tag, aber ich habe keine gefunden. Todeszahlen und Infiziertenzahlen wohin das Auge reicht. Die von Bund und Ländern beschlossenen Finanzhilfen, die ab Montag abrufbar sind, kann ich leider nicht zu den guten Nachrichten zählen, weil ich die Beträge ehrlich gesagt etwas mickrig finde: Firmen mit bis zu fünf Beschäftigten bekommen eine Einmalzahlung von 9000 Euro für drei Monate und Firmen mit bis zu zehn Beschäftigten 15.000 Euro. (Live-Ticker Tagesschau) Das macht bei 5 Beschäftigten 600 Euro pro Monat und Person bzw. bei 10 Beschäftigten 500 Euro pro Monat und Person. Ich könnte nicht einmal meine Miete damit zahlen.

So, und aus gegebenem Anlass habe ich heute im ABC der Gefühle über die Langeweile gelesen und folgende, schöne Beschreibung bzw Erklärung gefunden:

„Ich bin eine Stimmung, die sich breit macht. In mir schlummert das Interesse. Ja, es ist da, aber es weiß nicht, in welche Richtung es sich bewegen soll. Also schläft es und sammelt Kräfte. Das ist meine Funktion: Kräfte sammeln und auf Beute lauern, auf etwas lohnenswert Interessantes. Manchmal ist das Interesse einfach erschöpft und verwirrt. Das alte Interesse ist nicht mehr da und das neue noch nicht sichtbar. Dann braucht es eine schöpferische Pause, das bin ich. Wenn man mich lässt, taucht schon ein neues Interesse auf. Nur wenn man mich unbedingt weghaben will, dann werde ich störrisch und verteidige mich.“ (Baer und Frick-Baer: ABC der Gefühle, Weinheim 2008, Beltz Verlag, Seite 50)

Obwohl ich theoretisch sehr gut nachvollziehen kann, dass es sinnvoll ist, Langeweile zu spüren und da sein zu lassen, bin ich nicht besonders gut darin. Ich versuche tatsächlich immer relativ schnell, eine Tätigkeit zu finden, die mich aus der Langeweile zieht. Aber ich sehe gute Chancen, dass ich in den nächsten Wochen sehr viele Übungsgelegenheiten haben werde, die Langeweile einfach mal sich ausbreiten zu lassen und sie bewusst nicht „wegmachen“ zu wollen… mal sehen, was sich daraus dann ergibt…

Für heute sag ich Tschüß, habt noch einen schönen Abend und bleibt gesund!

Eure Merle

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Ausgangsbeschränkungen – Tag 9“

  1. Meine Krankenkasse kostet ja schon 568,-€ und bei Behandlungen oder Medikamenten muss ich 30% zuzahlen, was soll ich zu den Zahlen der Politik noch sagen.
    Meine Nachbarn sind im höheren Dienst beim Staat angestellt und bekommen trotz Home-stay wegen den Kindern volles Gehalt.

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