Vermisst

Gestern Abend, 21 Uhr. Es läutet an der Tür. Ich liege bereits mit einem sehr spannenden Buch im Bett und bin sauer, da ich erwarte, dass es sich mal wieder um einen der „Wanderarbeiter“ handelt, die bei uns im Haus in einer leeren Wohnung hausen. Und die regelmäßig abends klingeln, weil irgend einer den Schlüssel immer vergisst oder nicht hat oder was weiß ich. Ich gehe also zur Tür und frage durch die Gegensprechanlage relativ unfreundlich, wer da ist. Da höre ich eine verzagte Frauenstimme, die sich für die Störung entschuldigt und fragt, ob ich denn meinen Nachbarn, Herrn R. kürzlich gesehen hätte, er habe sich bei ihr seit Tagen nicht gemeldet und mache auch jetzt nicht auf. Dazu muss ich erklären, dass Herr R. 87 Jahre alt ist und zwar noch ganz rüstig, aber meines Wissens auch nicht vollständig gesund.

Ich mache der Dame die Tür auf, sie kommt herauf in mein Stockwerk und ich sehe in ein zutiefst besorgtes Gesicht. Ich erkläre ihr, dass ich nach meiner Erinnerung erst am Morgen gehört hätte, wie er die vier Schlösser an seiner Wohnungstür geöffnet hat (das kann man leider nie überhören), dass ich ihn aber länger nicht gesehen habe. Wir rätseln eine Weile herum, was ihm passiert sein könnte und warum er nicht öffnet, bis die Bekannte meines Nachbarn sich entschließt, die Polizei zu rufen. Die kommt auch recht schnell, mitsamt einem Feuerwehrzug und dann beginnt ein ziemlich nervenaufreibendes Unterfangen, denn die Schlösser auf der Innenseite der Tür lassen sich nicht ganz so einfach von außen öffnen. Nach über einer halben Stunde Gewerke ist es aber geschafft und alle halten den Atem an. Wird Herr R. in seiner Wohnung gefunden oder nicht? – Die Wohnung ist leer, niemand anzutreffen. Die anfängliche Erleichterung vermischt sich schnell mit der besorgten Frage, wo Herr R. denn dann sein könnte und mit einem blöden Gefühl, dass man jetzt ganz umsonst die Tür demoliert hat. Aber es ist klar, lieber einmal zu viel die Tür gewaltsam öffnen als einmal zu wenig.

Feuerwehr und Polizei machen sich wieder auf den Weg – nachdem ein provisorisches „Schlösschen“ an die Tür montiert wurde und ein Zettel hingeklebt, indem der Mieter über die Öffnung der Wohnung informiert wird sowie über die Aufbewahrung der Schlüssel des provisorischen Schlosses auf der Polizeidienststelle. Während die Offiziellen das Haus verlassen, sammeln sich, als ich längst wieder in meiner Wohnung bin, einige Bewohnerinnen des Hauses im Flur, um mit der Bekannten meines Nachbarn über weitere Schritte zu diskutieren. Ich frage mich kurz, ob ich als unmittelbare Nachbarin nicht am ehesten in der Verantwortung stehe – nachdem ich aber der Bekannten schon anfangs meine Hilfe angeboten hatte, sie diese aber abgelehnt hatte, beschließe ich, dass ich an der Diskussion nicht teilnehmen muss.

Was mir aber dennoch zu denken gibt, ist die Tatsache, dass ich ohne die besorgte Bekannte meines Nachbarn nichts davon mitbekommen hätte, dass er weg ist, dass vielleicht etwas nicht in Ordnung ist. Ich habe seit Corona des öfteren daran gedacht, bei ihm zu klingeln und ihn zu fragen, ob ich für ihn einkaufen gehen kann – habe dies aber aufgrund schlechter Erfahrungen mit eben diesem Nachbarn nicht getan. Als vor vielen Jahren seine Frau verstarb, habe ich meine Hilfe angeboten und ihn auch mal zu mir zum Kaffee eingeladen. Leider führte das zu Missverständnissen und schon bald klingelte der Herr mehrmals täglich bei mir oder auch nachts, wenn er schlecht geträumt hatte. Ich musste dem einen Riegel vorschieben – ich hatte schon Angst, bei mir zu Hause zu sein. Als ich damals deutlich machte, dass ich keinen derartigen Kontakt wünschte und unter diesen Umständen auch nicht weiter helfen konnte, zog er sich ganz zurück und von da an grüßten wir uns freundlich, wenn wir uns begegneten, mehr aber auch nicht.

Und jetzt frage ich mich natürlich, ob ich nicht aufmerksamer hätte sein müssen. Die Vorstellung, dass ein Mensch einfach so verschwindet und niemand bekommt es mit, ist schon ziemlich unangenehm. Nun hat es in diesem Fall ja jemand mitbekommen, Himmel sei Dank, aber dennoch… das ganze hinterlässt einen fahlen Geschmack bei mir. Andererseits habe ich auch keine Ahnung, was ich jetzt tun könnte. Seine Bekannte wollte die Krankenhäuser abtelefonieren und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Ich fürchte, mehr kann man nicht tun.

Ich hoffe, wenn Herr R. Unterstützung gebraucht hätte, hätte er sich bei jemandem gemeldet. Ich hoffe, das ganze ist ein blödes Missverständnis und er kommt heute zurück und wundert sich nur über die Öffnung seiner Wohnung. Ich hoffe, die Geschichte hat eine ganz einfache, banale Erklärung und löst sich in Wohlgefallen auf…

Ich werde weiter darüber berichten…

Merle

 

2 Gedanken zu „Vermisst“

  1. Oh Gott, was für eine Geschichte!!
    Ich hätte vor Aufregung keine Seite mehr in meinem Buch aufmerksam lesen können und wäre die halbe Nacht grübelnd im Bett gelegen.
    Ich wünsche allen Beteiligten, auch Dir als Nachbarin, einen gutes Ende der Geschichte.
    Miriam

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