Dankbarkeit

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Dankbarkeit ist ein seltsames Phänomen. Ich konnte mich lange mit dem Konzept nicht anfreunden, obwohl es in jeglicher Selbsthilfeliteratur und Psychoedukation als ein zentrales Gut der Seelenhygiene gepriesen wird – ich konnte damit nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass das daran liegt, dass man sich Dankbarkeit nicht verordnen kann. Dankbarkeit ist, wie auch Verzeihen, eine Herzensqualität, die irgendwann aufkommt oder auch nicht. Aber ich kann mir nicht mit dem Intellekt vorschreiben: sei jetzt dankbar, und glücklich! Gefälligst! Nein, so funktioniert das nicht. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben mich auch Leute genervt, die mir erzählt haben, wie dankbar sie für dies oder jenes sind, und die mir dann am besten auch noch den Tipp gaben: sei doch mal dankbar, für das was Du hast! Jaja, schon gut, ich habe mindestens eine Krankheit, die mich arbeitsunfähig macht, ich habe keine Beziehung mehr, ich habe düstere Zukunftsaussichten… ich bin total dankbar.

Bitte, wenn Ihr dankbar seid, bindet es Euren Freunden, denen es gerade nicht so gut geht, nicht auf die Nase und fordert sie nicht auf, dankbar zu sein. Jeder kann nur im eigenen Tempo sich aus der Sahne herausstrampeln (ich verweise auf die Geschichte mit den zwei Fröschen in der Sahne) und wir alle haben unsere eigene Zeit und Art und Weise, irgendwann über den Tellerrand blicken zu können. Und wenn wir es mal geschafft haben, heißt das auch nicht, dass das für immer so bleibt! Dankbarkeit hat meiner Erfahrung nach mit einem Glücksgefühl gemeinsam, dass sie daher geschlichen kommt, wenn man ganz im Hier und Jetzt ist… noch so ein Psychohygiene-Begriff, der nur erlebbar aber nicht zu verordnen ist…

Aber was hat denn nun dazu geführt, dass ich Dankbarkeit inzwischen anders betrachte? Nun, ich hatte in relativer kurzer Zeit mehrere echt gute Nachrichten zu verbuchen, die auch noch allesamt nichts mit Corona zu tun haben 😉 und da ist es passiert. Aber der Reihe nach. Ich hatte mich schon lange nach einem größeren Sofa gesehnt, denn das kleine Canapee, das ich besaß, war so klein, dass ich nur mit angewinkelten Beinen darauf Sitzliegen konnte. Und plötzlich, ohne dass ich im Internet danach gesucht hätte, ploppt eine Anzeige von ebay Kleinanzeigen auf und ich sehe ein wunderschönes Sofa in den perfekten Maßen aufblitzen – was soll ich sagen, das gute Stück war extrem günstig, da gebraucht, aber bestens in Schuss. Jetzt steht es bei mir und ich bin extrem glücklich damit. Dann kam ein neues Bett dazu, dass ich mir nach 20 Jahren als Bodenschläferin (als Lattenrost und Matratze auf dem Boden) endlich geleistet habe und dann kam noch nach extrem wenig Wartezeit der Bescheid von der Rentenversicherung, dass meine Erwerbsminderungsrente um drei Jahre verlängert wird.

Und da lag ich dann abends in meinem (noch alten) Bett und plötzlich überkommt mich eine Welle der Dankbarkeit, wie ich es noch nie erlebt habe. Wie glücklich ich mich schätzte, mir so etwas leisten zu können! (Nicht von der Rente sondern vom Ersparten, aber egal.) Wie fantastisch, dass ich jetzt eine kleine Liegewiese in meinem Reich habe und wie überaus gut es sich für mich gefügt hat, dass ich in einem reichen Land geboren wurde, in dem es so etwas wie eine Erwerbsminderungsrente gibt! Und das Beste an diesem Gefühlsüberschwang war: mir vielen immer mehr Dinge ein, für die ich dankbar bin! Dass ich eine Wohnung habe und Freunde und dass ich in einem friedlichen Land lebe und und und… Das sind ja alles keine Selbstverständlichkeiten!
Da lag ich dann und lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören!

Dankbarkeit ist wunderbar – wenn sie einen hinterrücks überfällt und man nicht versucht, das eigene Leben analytisch auseinander zu nehmen und sich vornimmt, dankbar zu sein. Dankbarkeit ist auch meines Erachtens nur möglich, wenn man wenigstens ein bißchen das Gefühl von Selbstwirksamkeit hat, sich also nicht unterlegen oder ohnmächtig fühlt. Und so kann man sich in diesen Zeiten schnell mal fühlen. Ich schätze, das gehört zum Leben dazu. Wichtig ist, dass man aus diesen unangenehmen Zuständen wieder hinaus kommt und gut mit sich umgeht. Es ist sicherlich hilfreich, wenn man sich immer mal wieder daran erinnert, dass es so etwas wie Dankbarkeit gibt… aber wir können das Gefühl nicht erzwingen, da mögen uns noch so viele Ratgeber vorschlagen, man solle dankbar sein. Und es gibt ja auch wirklich Phasen im Leben, in denen es einfach nicht viel oder nichts gibt, wofür man dankbar sein kann. Da braucht man schon eine Lupe mit Flutstrahler, um was zu finden, und die Kraft hat man dann vielleicht einfach nicht.

Aber man kann die Dankbarkeit immer wieder einladen oder eine Tür für sie offen halten. Ich verstehe das so wie in der Meditation: ich weiß vom Intellekt her, welche Gefühlszustände sich einstellen können, aber sie kommen von selbst und nur, wenn ich keinen Druck ausübe. Ich mache einfach meine meditative Übung regelmäßig, beobachte mich und dann kommt hie und da ein Gefühl des Einsseins, zum Beispiel. Weil ich mit der Praxis der Meditation die Türen öffne. Und ich glaube, ich kann eine Tür im Herzen auch für Dankbarkeit öffnen, immer mal wieder, nur eine kleine Einladung… und dann, wenn der Zeitpunkt stimmt, kommt sie einfach und bleibt, so lange sie will. Und so lange genieße ich sie.

Wie sind Eure Erfahrungen mit der Dankbarkeit? Vielleicht habt Ihr Lust, mir dazu zu schreiben?

Ich wünsche Euch wunderbar sonnige Tage und verbleibe herzlich

Eure Merle

2 Gedanken zu „Dankbarkeit“

  1. ich denke, dankbarkeit ist ein konzept, das man nur aus einem gewissen erfahrungsspektrum heraus erfahren kann. wem es immer gut ging, dem scheinen die dinge normal und selbstverständlich. manch einer mag sogar annehmen, es gäbe einen anspruch darauf, dass es einem gut geht. erst, wenn man gesehen hat, dass dem ganz und gar nicht so ist, sind andere betrachtungsweisen möglich.

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    1. Ja, ich fürchte das stimmt. Aber das ist auch irgendwie traurig. Doch es scheint allzu menschlich zu sein, dass man ganz oft erst richtig zu schätzen weiß, was einem mal abhanden gekommen ist. Ich fände es schön, wenn wir Menschen weitsichtiger und wertschätzender wären… Lieben Gruß, Merle

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