
Ich glaube, ich habe da etwas falsch verstanden. Ich beschäftige mich ja viel mit Meditation und Achtsamkeit und in diesem thematischen Umfeld wird gerne betont, wie wichtig (scheinbar) kleine Dinge sind und dass man sich an diesen erfreuen soll. Die Blüte am Rosenbusch, der schöne Himmel am Abend, der Marienkäfer auf der Hand, das Lächeln der Kassiererin… alles Phänomene, die eher „klein“ sind, aber doch den Tag versüssen und in ihrer Schönheit bereichern.
Irgendwie ist in den letzten Jahren bei mir daraus geworden, dass ich nur noch Klein-Klein in meinem Leben habe. Das ist jetzt etwas überspitzt ausgedrückt und vereinfacht, aber im Kern der Sache stimmt es doch. Das einzige, was ich hier als Ausnahme betonen möchte, das sind meine Freundschaften. Die sind nicht klein, die sind großartig. Und ich weiß sie sehr zu schätzen und hoffe, sie auch gebührend zu pflegen. Was ich meine mit Klein-Klein, ist das Fehlen von Erlebnissen, die einen überwältigen, von Aufgaben und Tätigkeiten, in denen man ganz aufgeht, von Erfahrungen, die so fantastisch sind, dass man sich bis an sein Lebensende daran erinnern wird. Konzerte, Reisen, Ausstellungen, Begegnungen mit fremden Menschen, eine Arbeit, die sinnvoll ist und die auch von anderen geschätzt wird…
Bevor ich krank wurde, gab es solche Meilensteine in meinem Leben. Ereignisse, von denen ich noch heute zehre, Erfahrungen, die mir die Größe und Weite und Tiefe des Seins aufgezeigt haben. Ich musste durch meine Erkrankung bescheiden werden, mich mit kleinen Schritten abfinden und habe tatsächlich dadurch auch die sogenannten Kleinigkeiten schätzen gelernt. Das möchte ich auch nicht missen! Aber irgendwie ist daraus eine Haltung entstanden, als könne es nichts Großartiges mehr in meinem Leben geben. Als müsse ich mich immer mit dem „Weniger“ zufrieden geben. Das ist auch eine Art von Schutzhaltung, denn es lässt mich in der Komfortzone verweilen.
Großes kommt nicht einfach so ins Leben, man muss dafür die Türen öffnen, sich in die Welt hinaus trauen und braucht auch ein gerüttelt Maß an Vertrauen, dass das Vorhaben schon klappen wird. Es braucht außerdem Selbstbewusstsein und Neugier – Dinge, die in der Regel erst dann ihren Kopf heben, wenn man nicht mehr die schiere Last, jeden Tag zu überstehen, trägt. Und es hilft sehr, wenn man weiß, dass man das Große auch verdient hat, dass einem die Reichtümer, die das Leben einem bieten kann, auch zustehen.
Die meisten „Großartigkeiten“, die ich vermisse, fehlen aber auch, weil ich ängstlicher bin, als ich es früher war. Da mir das Leben gewisse Abgründe serviert hat, bin ich noch vorsichtiger und misstrauischer geworden, als ich es eh schon war. Ich klammere deshalb einen guten Teil der Welt da draußen aus. Und wurschtel mich so durch das Klein-Klein… Ich möchte dringend, dass sich das ändert, ich bin sehr erpicht darauf, dass sich Veränderungen in meinem Leben einstellen – ich muss diese „nur“ noch erlauben. Es ist und bleibt ein verflixtes Phänomen der Psyche, dass selbst der unangenehme Status Quo willkommener ist als das unbekannte Angenehme oder Erwünschte. So werden Veränderungen gerne mal vom eigenen System torpediert. Es hilft, das zu wissen, einfacher wirds dadurch nicht zwingend.
Immerhin habe ich erkannt, was mich unzufrieden macht. Und ich habe bemerkt, dass ich begonnen habe zu glauben, dass es das schon war. Dass da nichts mehr kommen wird, was mich mal aus dem Alltag reißt, was das Leben bunter und reicher macht. Nichts gegen den Marienkäfer! Auch die Rosenblüte ist wichtig – aber es darf auch mal „großes Kino“, große Emotion und große Horizonterweiterung sein. Es darf mehr geben, als das stille Vor-Sich-Hin-Leben. Ich darf mich der Welt zumuten und die Welt darf sich mir zumuten. Wenn das klappt, dann wird es richtig groß!
Ich werde mich auch zukünftig über das Lächeln der Kassiererin freuen, das Große schließt das Kleine nicht aus – sie ergänzen sich und nur so wird das Dasein zu einem lebendigen Puzzle, dass wir am Lebensende hoffentlich zufrieden betrachten können.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Menschen kurz vor ihrem Tod eher das bereuen, was sie nicht getan haben als das, was sie getan haben. Ich möchte daran arbeiten, dass es vom Nicht-Getan möglichst wenig geben wird…
Und damit beschließe ich für heute meine Gedanken, wünsche Euch viele kleine und große Begebenheiten, die Euch lebendig fühlen lassen und verbleibe
wie immer herzlich
Eure Merle
Liebe Merle, ich kann dich sooooo gut verstehen. Wie oft denke ich, einfach mal die Welt bereisen, atemberaubende Dinge sehen, in echt nicht nur im Fernsehen. Einfach losfahren und schauen wo man landet. Vielleicht ist es nur der See ums Eck aber ohne die Grenze, die mein Kopf und leider auch mein Geldbeutel mir setzt.
Ich hoffe, das ich zumindest kleinere Reisen, Ausflüge in die Natur, Wohnen wo und wie ich wirklich will, in diesem Leben noch schaffe.
Ich wünsche dir, einen schönen Tag mit zumindest kleinen Wundern.
Viele Grüße
Sophia
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Liebe Sophia, ja, nicht wahr, das wär schon was, einfach mal losziehen… Es tröstet mich, dass ich mit meinem Wunsch nicht allein bin. Und das gute an den Grenzen im eigenen Kopf ist, dass man da wenigstens dran arbeiten kann, ich geb da die Hoffnung nicht auf!
Ich wünsche Dir auch Wunderbares und allen, die es gebrauchen können immer mehr innere Freiheit! Liebe Grüße Merle
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