
An diesem nasskalten Herbsttag, der laut Wettervorhersage gar nicht nass werden sollte, zieht es mich zu einem Klassiker der deutschen Lyrik: Rainer Maria Rilkes „Herbsttag“ (1906, aus: Der Kleine Conrady, Düsseldorf 2008.)
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Dieses Jahr fällt mir der Herbst schwer. Ich habe das Gefühl, den Sommer nicht wirklich mitbekommen zu haben und jetzt: keine Sonne, kein Altweibersommer, stattdessen schmutzig-graues Wetter und dazu Corona, mit stetig steigenden Infektionszahlen. In mir macht sich eine besorgt-betrübliche Stimmung breit, die eigentlich nur auf dem Sofa, dick in Decken eingemümmelt und mit der Katze auf dem Schoß bekämpft werden kann. Ich habe ein Haus = Dach über dem Kopf, dafür bin ich dankbar. Einsam bin ich nicht (mehr) so oft, auch das macht mich froh… und doch weiß ich, die nächsten Monate mit dem schwindenden Tageslicht werden eine Herausforderung. Ich werde sie meistern, keine Frage, doch der ein oder andere unruhige Gang durch das Herbstlaub in der nahe liegenden Allee wird es schon sein…
Ich wünsche meinen Leser*innen viele gemütliche Herbststunden auf dem Sofa, im Idealfall mit vier Pfoten dabei…
Herzlich, Eure Merle