
Puuuhhh, was für eine Aktion… Ich bin noch ganz verdattert von dieser schweißtreibenden Angelegenheit. Aber der Reihe nach. Heute um 10:00 Uhr hatte ich den Besichtigungstermin für eine Sozialwohnung. Natürlich bereite ich mich auf so etwas vor und habe genau in Google nachgesehen, wo ich hin muss und wie lange das dauert. Google veranschlagt für den Weg eine halbe Stunde, also bin ich eine Stunde früher aus dem Haus, um nur ja nicht zu spät zu kommen und um gegebenenfalls noch Zeit zu haben, das Viertel ein bißchen zu erkunden. An der U-Bahn angekommen fährt auch gleich die richtige U-Bahn ein, ich bin erleichtert, habe viel Zeit. Auf der Hälfte der Strecke klingelt mein Handy. Unbekannte Nummer. Ich bin sicher, es ist die Dame, mit der ich gleich den Termin habe. Bingo, sie ist es! Aber sie will doch nicht absagen sondern erkundigt sich, wann wir denn den Termin ausgemacht hätten. Aha. Ich teile ihr mit, dass wir uns um 10:00 Uhr treffen und bin ein wenig eingeschüchtert. Sie klang nicht so nett, aber was solls, Hauptsache sie kommt. Allerdings stelle ich fest, dass mein überaus gutes Gefühl von gestern wie weggeblasen ist. Ich bin schrecklich nervös und aufgeregt und mir schwant nichts Gutes.
Mir war klar, dass ich von der Ziel-U-Bahnstation ein Stückchen würde laufen müssen, hatte mir aber den Plan sehr genau eingeprägt, dachte ich. Nachdem ich das erste Stück Weg hinter mich gebracht hatte, fand ich, es müsse jetzt mal langsam die Straße zum abbiegen kommen… sie kam und kam nicht. Ich wurde nervös, blickte auf die Uhr, ah, noch viel Zeit. Also stapfe ich weiter und endlich kommt die Straße, die ich, wie ich meinte, links abbiegen müsse. Ich laufe und laufe und frage irgendwann eine Passantin, ob sie den O.-Weg kennt. Sie verneint, ist aber extrem freundlich und guckt gleich auf ihr Handy. Das hätte ich natürlich auch tun können, doch sie ist so schnell und ich schon so nervös, dass ich diese Freundlichkeit gern annehme. Was ich schließlich auf dem Display sehe, lässt mich vor Schreck die Luft anhalten. Ich bin vollkommen falsch, ich muss in die entgegengesetzte Richtung und das Netz der Wege, die ich gehen müsste, ist extrem verwirrend. Ich bedanke mich bei der netten Dame und kehre schnurstracks um. Doch ich gehe nicht Richtung Irrgarten sondern zurück zur großen Straße, wo ich zuletzt abgebogen bin und hoffe inzwischen auf ein Taxi. Ich bin jetzt so durch den Wind, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, geschweige denn auf eine Karte gucken und den richtigen Weg finden. Doch natürlich kommt kein Taxi wenn man es braucht und kurz vor der totalen Verzweiflung fällt mir ein, dass ich ja ein Taxi rufen kann. Also strapse ich schnell zur nahen Bushaltestelle, um einen erkennbaren Standpunkt zu haben und rufe bei der Taxizentrale an. Glücklicher Weise ist der nächste Taxistand nicht weit weg und in 4 Minuten ist das Auto da. Es ist inzwischen 9:48 Uhr und ich zittere vor lauter Anspannung. Ich habe wieder Glück, denn der Fahrer ist ausgesprochen höflich und nicht verärgert, als sich heraus stellt, dass der O.-Weg nicht weit weg ist. Ich erkläre ihm, dass ich einen Besichtigungstermin für eine Wohnung habe und er wird gleich noch freundlicher und wünscht mir viel Glück. Eines muss ich sagen: die Fahrt war nicht lang aber es war tatsächlich ein labyrinthartiger Weg bis zu dem Haus, den ich alleine nie gefunden hätte.
Als ich schließlich vor der richtigen Hausnummer stehe, ist es 9:58 Uhr. Ich bin vollkommen durchgeschwitzt, entnervt und verunsichert. Soll ich schon ins Haus? Die Frage erledigt sich, denn die Tür ist verschlossen. Ein paar Minuten nach 10:00 Uhr kommt eine sehr junge Frau auf mich zu, die mich damit begrüßt, dass wir Masken tragen müssen. Natürlich, kein Problem, also Maske auf. Im Haus geht sie im ersten Stock auf eine Wohnung zu und ich sage verwundert, dass ich mich für eine Wohnung im zweiten OG rechts beworben hätte. Ach ja, Entschuldigung, natürlich, also noch eins hoch und wir sind da. Das Haus macht einen recht netten, ruhigen Eindruck, ist in einer angenehmen Siedlung, soweit ich das sehen konnte und liegt sehr grün. Das gefällt mir an sich sehr gut. Doch als die Dame die Wohnungstür aufschließt und ich einen ersten Blick hinein werfe, sinkt mir schon das Herz in die Hose. Der Flur ist eng und dunkel. Es ist eine Mansardenwohnung, was im Exposé nicht vermerkt ist. Allerdings hatte mich eine Freundin anhand des Grundrisses schon gewarnt, dass das sein könnte. Ich war also darauf gefasst, dass es Dachschrägen gibt, aber nicht, dass es praktisch außer im Flur keine einzige gerade Wand gibt. Der Flur ist zu schmal, um dort Regale aufzustellen. Der im Grundriss eingezeichnete Abstellraum ist eine kleine Nische, aber das schlimmste ist tatsächlich das Schlafzimmer, welches so klein und durch die Schräge so beengt ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, darin zu schlafen. Ich würde Platzangst bekommen, ohne Zweifel. Nachdem ich die ganze Wohnung begutachtet habe wird klar, dass ich die Hälfte meiner Möbel gar nicht unterbringen würde… und so viel kleiner an Quadratmetern als meine jetzige ist sie nicht. Aber ich verstehe jetzt, warum die Wohnung schon seit August zu vermieten ist. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob das ein Irrtum im Exposé war, aber das war es offensichtlich nicht.
Die Frau von der Wohnungsgesellschaft betrachtet mich stumm und ich frage mich fieberhaft, ob ich ihr jetzt meine Unterlagen geben soll. Vielleicht überlege ich es mir ja doch noch? Schön wäre an einer Dachwohnung, dass keiner über mir wohnt, das hätte schon was. Aber ich blicke mich nochmal um und werde plötzlich klaustrophobisch. Dann erklärt mir die Dame auch schon, dass ich alle Unterlagen bei Interesse bitte an ihre Email-Adresse schicke, sie nehmen gerade keine Papierunterlagen an und sie will auch keine meiner Dokumente sehen. Ich säufze erleichtert auf und nicke. Der Vollständigkeit halber frage ich noch meine Fragen bzgl. Haustieren, Katzennetz und Einzugsdatum, aber innerlich habe ich mich schon verabschiedet.
Völlig benebelt vor Stress und gleichzeitiger Erleichterung, dass der Termin vorbei ist, tapere ich durch das Viertel und lande irgendwann tatsächlich an einer Bushaltestelle, von wo aus Busse zur U-Bahn fahren. Wenigstens etwas. Ich bin traurig, enttäuscht aber es fällt mir auch eine Last vom Herzen: die Wohnung wäre ab sofort zu mieten gewesen und ich habe eine 3-monatige Kündigungsfrist. Es ist trotz Nachfragen bei meiner Hausverwaltung unklar, ob mich der Eigentümer früher aus dem Vertrag lässt. Was zwar angesichts der sofortigen Belegung mit Arbeitern aller frei werdenden Wohnungen in unserem Haus eine Frechheit ist, aber man hat mir sinniger Weise mitgeteilt, dass ich als Mieterin damit zu rechnen habe, mehrere Monate doppelte Miete zu zahlen. Nett, nicht wahr?
Wieder zu Hause angekommen setze ich mich sofort an den Computer und schaue mir auf Google nochmal den Weg an – und stelle fest, dass ich falsch abgebogen bin. Die Straße macht eine Kurve und anstatt ihr links zu folgen hätte ich ihr rechts folgen sollen. Tja. Allerdings glaube ich immer noch, dass ich das Labyrinth der kleinen Wege nicht bis zur richtigen Adresse durchdrungen hätte. Insofern war das mit dem Taxi schon eine gute Idee.
Ich will ehrlich sein, das war nix, für heute ist die Luft bei mir raus. Aber ich habe mich für zwei weitere Sozialwohnungen beworben und bin guter Dinge, dass ich da ebenfalls wieder eine Einladung zur Besichtigung erhalte. Es wäre auch zu schön gewesen um wahr zu sein, wenn ich nach gut zwei Wochen Wohnungssuche schon einen Treffer gelandet hätte. Diese Wohnung war es nicht, dann wird es eben eine andere! Es bleibt also spannend. Und vielleicht bleibt mir so auch ein Umzug während des Lockdowns erspart. Wenn ich richtig informiert bin, hätte das nämlich bedeutet, dass ich eine Umzugsfirma hätte engagieren müssen…es ist also alles zu etwas gut.
Und damit verabschiede ich mich für heute und wünsche Euch noch einen schönen Tag! Ich ziehe mich jetzt mit meiner Katze auf dem Schoß auf mein Sofa zurück und verdaue die Ereignisse des heutigen Tages…
Herzlich, Eure Merle
Es wird was Besseres kommen. Bestimmt!
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Danke, die aufbauenden Worte tun mir heute gut! 🙂 Liebe Grüße, Merle
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Es kommt immer etwas Neues nach.
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