Der Kellertornado

dav

Für 25 Minuten stand ich heute Vormittag im Auge des Sturms. Ich bin immer noch ein wenig neben der Spur, so rasant schnell hatte ich mir die Entrümpelung meines Kellers nicht vorgestellt. Aber es lief quasi wie am Schnürchen, denn die beiden Packer waren schnell wie der Wind und hoben Lasten, die ich im Traum nicht einer Person in die Hand gedrückt hätte. Große Umzugskartons voll mit Papier wurden mal eben die steile Kellertreppe hochgewuppt, da konnte ich nur mit den Ohren schlackern.

Ich sollte eigentlich froh und erleichtert sein, dass ich es jetzt hinter mir habe. Doch ich fühle mich irgendwie leer und ein leiser Schmerz zieht sich durch meine Eingeweide. Das Kellerabteil am Ende fast komplett geräumt zu sehen war eine Wohltat, keine Frage. Aber es gingen auch Dinge weg, von denen ich zwar dachte, ich hätte mich verabschiedet, aber offensichtlich hält da ein Teil von mir noch fest. Allerdings ist für mich auch völlig klar gewesen: was ich 15 Jahre nicht gebraucht habe, das brauche ich jetzt auch nicht mehr.

Dennoch, meine Massen an kopierten Büchern und Aufsätzen aus dem Studium wegzuschmeißen ist ein großer Schritt gewesen. Jetzt sind endgültig alle Spuren aus der Zeit beseitigt. Ich habe keine Ahnung, was ich damit noch hätte anfangen sollen, trotzdem regt sich eine Stimme in mir, die sagt, ich hätte genauer gucken sollen, vielleicht wär doch noch was Wichtiges dabei gewesen… Auch einen Klappsessel von Ikea und einen Kleiderschrank habe ich weggegeben. Eigentlich war ich mir sicher, die beiden Möbelstücke nicht mehr haben zu wollen. Doch auch hier schleichen sich Zweifel ein, ob das richtig war. Auf dem Klappsessel hätte doch Besuch noch schlafen können, den Kleiderschrank hätte ich in einer Wohnung gebrauchen können, die nicht über eine Kleiderkammer verfügt… Allerdings war der Klappsessel ein unschönes Ungetüm, auf dem ich Jahre nicht mehr gesessen bin und der Kleiderschrank ohnhin nicht groß und stabil genug, als dass alle meine Kleider reinpassen würden. Außerdem habe ich die Schrauben und Dübel für den Schrank nicht mehr.

Jedoch, so merke ich jetzt, ich habe viele Erinnerungen, die ich mit beiden Möbeln verbinde und diese loszulassen tut weh. Auf dem Sessel habe ich zig Stunden mit meinem Kater Frodo auf dem Schoss verbracht. Den Kleiderschrank verbinde ich lustiger Weise mit Hamburg, weil ich so stolz darauf war, dass ich ihn dort damals ganz allein aufgebaut habe. Was Loriot-würdig ausgesehen haben muss… Und natürlich geht auch mit dem Wegwerfen der Studienunterlagen eine Ära zu Ende bzw. sie bekommt einen Endpunkt: meine Identifikation als Ethnologin ist damit endgültig perdu. Das macht nichts und doch bewegt es mich.

Die zwei sehr kleinen aber extrem starken Männer, die unter Aufsicht ihres Chefs den Keller leerräumten, waren so fix, dass ich mich auch ziemlich unter Druck gesetzt gefühlt habe, selber zügig vorzugehen. Schlussendlich glaube ich, das war gar nicht so schlecht, so hatte ich keine Zeit, ins Grübeln zu kommen. Aber irgendwie fehlte auch die Zeit zum Abschied nehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die brauche, offensichtlich aber schon.

Von all dem abgesehen, fühle ich mich auch etwas über den Tisch gezogen. Ich hatte die Rümpelfirma von 380,- auf 300,- runter gehandel. Als wir nach einer knappen halben Stunde schon durch waren, dachte ich mir dann aber doch, dass das immer noch zu viel ist. Ich deutete das an, als ich dem Chef das Geld gab, aber er meinte nur unwirsch, für ihn sei die Arbeit ja noch nicht vorbei. Da hat er natürlich Recht, trotzdem ein toller Stundenlohn!

Wenn ich gewusst hätte, dass mir keine einzige Spinne beim Ausräumen über den Weg läuft und dass die Sachen nicht alle mit Spinnweben überzogen sind, dann hätte ich einen Transporter gemietet, den ein Freund hätte fahren können und ich hätte mit ihm zusammen das Zeug entsorgt. Das hätte viel länger gedauert und wäre eine schweißtreibende Aktion gewesen, aber möglich. Insofern habe ich also eine sehr teure Phobie. Vielleicht sollte ich mal eine verhaltenstherapeutische Desensibilisierung mitmachen… der nächste Keller kommt bestimmt.

Aber ach, ich will nicht meckern, auch wenn es sich immer noch anfühlt als wäre ein Tornado über mich hinweg gefegt, war es schon gut, dass alles so fix und reibungslos über die Bühne ging und es ist definitiv ein gutes Gefühl, dass das Kellerabteil jetzt wieder schön übersichtlich und sauber aussieht… Und für den nächsten zu entrümpelnden Keller merke ich mir, dass es Sinn macht, sich vorher von den Artefakten des eigenen Lebens zu verabschieden.

Für heute herzliche Grüße und ein goldenes Herbstwochenende Euch,

Eure Merle

2 Gedanken zu „Der Kellertornado“

  1. Hallo Merle, wenn mal was wie am Schnürchen klappt, wie das schnelle Entrümpeln, macht das ein gutes Gefühl.
    Und klar sind 300 Euro viel Geld, aber die Leute waren zu zweit, sie müssen es als Selbstständige im Normalfall versteuern, ihre Räume und das Auto unterhalten…
    Du hast außer einem schnell geleerten Keller auch noch Lebenszeit bekommen, die Du nicht fürs Selbertun einsetzen musst und ein möglicher Hexenschuss bei so einer Aktion bleibt Dir auch erspart.
    Ich meine nur, daß Geld ist sicher gut eingesetzt von Dir.
    Viele Grüße, Miriam.

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