Mein wöchentliches schlechtes Gewissen

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Es ist jeden Samstag das gleiche Spiel. Ich gehe am Morgen zum Supermarkt und begegne auf dem Weg dorthin jede Woche drei Bettlern, zwei Männern und einer sehr alten Frau, die schon seit langem ihre Stammsplätze haben und mit dem immer gleichen „Hilfe bitte, danke“ auf gebrochenem Deutsch die Passanten ansprechen. Und jede Woche plagt mich mein schlechtes Gewissen, weil ich ihnen nichts gebe. Mal ignoriere ich sie, mal grüße ich, und immer flüstert mir eine Stimme ins Ohr: Das könntest Du sein, gib gefälligst was! Aber ich gebe nichts und ich kann nichtmal genau sagen, warum. Gut, es stimmt, dass ich selber nicht wirklich was zu verschenken habe. Aber ich habe mehr als jemand, der betteln muss. Doch dann gibt es ja die Geschichten, dass die meisten (ausländischen) Bettler das Gesammelte ohnehin an Chefs von Bettlergruppen abgeben müssen und das will ich nicht unterstützen. Aber ich weiß nicht, ob das bei den Dreien der Fall ist.

Und so frage ich mich jeden Samstag, ob ich zu egoistisch bin und zu ignorant gegenüber dem Elend auf der Straße. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich als Teenager, als ich allein in der Stadt unterwegs war, einen bettelnden Mann angesprochen habe und gefragt habe, wie er in diese Situation gekommen ist. Er erzählte mir eine berührende Geschichte von Krankheit, Scheidung, Alkoholismus und Jobverlust. Er war Banker gewesen, hatte ein geregeltes Leben, ein Haus und eine Frau und verlor im Zuge seiner Trinkerei alles. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich dem Mann was von meinem Taschengeld abgegeben habe aber ich weiß noch, dass mich seine Geschichte sehr bewegt hat. Als ich meinen Eltern später davon erzählte, meinten sie, die könne ja auch erfunden gewesen sein… ich glaube das nicht. Ich glaube, das ist ein gar nicht so seltenes Szenario.

Jedenfalls habe ich mich schon früh mit dem Thema Obdachlosigkeit und Betteln beschäftigt, immer mit der Sorge im Hinterkopf, dass das ja jedem widerfahren kann. Wer bin ich, mich über jene Menschen zu erheben und etwas von meinem relativen Reichtum vorzuenthalten? Zu meinen Studienzeiten gab es am U-Bahnhof an der Uni einen jungen Mann, der dort bettelte. Da ich den Eindruck hatte, dass er drogensüchtig war, gab ich ihm zunächst nichts, dann aber fing ich an, ihn zu fragen, ob ich ihm was vom Bäcker mitbringen könne, wo ich immer auch etwas für mich selbst holte. Ein paar Mal nahm er das an, dann aber nicht mehr. Als eine Freundin von mir erschrocken meinte, ich würde den armen Kerl ja total bevormunden und das sei ja seine Sache, wofür er erbetteltes Geld ausgibt, musste ich ihr Recht geben. Was ich getan hatte, war eigentlich demütigend, wenn auch in bester Absicht. Gut gemeint ist eben nicht immer gut getan.

Wenn ich ehrlich bin, dann gebe ich den drei Bettlern auf meinem Weg zum Supermarkt vor allem deshalb nichts, weil ich eigentlich versuche, sie aus meinem Blickfeld zu tilgen. Ich will mich nicht mehr mit dem Thema beschäftigen, es nervt mich, dass ich immer ein schlechtes Gewissen habe und ich finde, ich bin für sie nicht zuständig. Außerdem gibt es in Deutschland Unterkünfte und verschiedene unterstützende Einrichtungen, an die kann sich jeder Arbeits,- und/oder Wohnungslose wenden. Jaja, kommt da wieder die Stimme, aber die Unterkünfte sind grausig und oft überfüllt und was, wenn jemand nicht unsere Sprache spricht und/oder diese Einrichtungen nicht kennt? – Dann ist es immer noch nicht meine Aufgabe, für diese Meschen zu sorgen. Ich weiß auch gar nicht, wieviel ich geben müsste, damit mein Gewissen beruhigt wäre. Ich nehme an, so 2 Euro müssten es schon für jeden sein. Dann sind wir bei wöchentlich 6 Euro und pro Monat bei 36 Euro. Die habe ich nicht übrig. Ein teurer Spaß, so ein Gewissen…

Natürlich könnte ich auch weniger oder jede Woche nur einer Person etwas geben, aber irgendetwas hält mich davon ab. Es ist das Gefühl, dass das ja alles auch nichts nützt und ich das Geld in ein Faß ohne Boden werfen würde. Das ist ein schrecklicher Gedanke, ich weiß, aber er ist da. Und ich will mir nicht von meinem unzufriedenen Gewissen vorschreiben lassen, was ich mit meinem Geld zu machen habe. Es ärgert mich, dass dieser Knopf immer wieder gedrückt wird, zwar nicht erfolgreich, aber eben doch so, dass ich mich damit beschäftige. Wenn ich dann mit meinem gefüllten Rucksack auf dem Heimweg bin, sticht es schon gewaltig im Gemüt.

Am Ende des Tages geht es um die ethische Frage, ob wir moralisch dazu verpflichtet sind, Menschen zu helfen, denen es schlechter geht als uns. Ich kann das leider nicht bzw. nur mit einem JEIN beantworten. Wenn ich in der Lage bin zu helfen, dann finde ich, sollte ich das tun. Aber andererseits: wenn der Bettler das Recht hat, sein Geld einzusetzen wie er möchte, dann habe ich das auch. Und gebe ich nicht etwas dadurch, dass ich Steuern zahle? Hm, aber Kirchensteuer zahle ich nicht und viele Einrichtungen für Obdachlose sind kirchlich. Und sollte man nicht eher die wirklich vermögenden zur Kasse bitten und das Geld entsprechend einsetzen? Es ist komplex und gar nicht einfach. Ich bin mir sicher, die drei Bettler auf meinem Weg machen sich keine Gedanken über die Frau, die da wöchentlich vorbei stapft und nichts gibt. Aber von meinen Gedanken können sie sich auch nichts kaufen!

Ich merke, bei der Frage kann man sich leicht vergallopieren. Und es gibt kein richtig oder falsch. Jeder muss für sich entscheiden, ob er etwas abgeben mag oder nicht und niemand kann dafür verurteilt werden, wenn sie es nicht tut. Das wird meinem Gewissen nicht helfen, aber wahr ist es doch. Mein schlechtes Gewissen nährt sich ja auch weniger aus einer Selbstlosigkeit als vielmehr aus der Angst, es könnte mich treffen. Insofern ist das Thema auch noch mit allerlei persönlichen Themen befrachtet.

Vielleicht suche ich mir einen Verein oder eine Einrichtung für Obdachlose, denen ich mal etwas spende, wenn ich etwas übrig habe. Das scheint mir im Moment eine gute Alternative. Aber wenn, dann mache ich das nicht aus schlechtem Gewissen sondern aus dem guten Gefühl der Fülle, von der ich etwas abzugeben habe.

Das war es auch für heute mit schweren Gedanken… ich wünsche Euch ein schönes, sonniges Wochenende und grüße Euch herzlich,

Eure Merle

3 Gedanken zu „Mein wöchentliches schlechtes Gewissen“

  1. ich denke, schon dein ausgangspunkt ist verkehrt. zwar kann jeder tiefschläge im leben erfahren, aber es gibt hier und heute genug instanzen, um eben nicht auf der straße zu landen. das kannst du unter dem großen dach der grundsicherung verpacken. sogar dann, wenn durch suchtprobleme, bürokratische unbeholfenheit etc. tatsächlich das dach über dem kopf gefährdet ist, gibt es immernoch mittel und wege, solange man die post öffnet und seine gedanken halbwegs beisammen nimmt. und ich glaube, da weiß mittlerweile auch jeder, wo er hingehen muss.
    darüber hinaus, ja, mag es menschen geben, die sich von vornherein mit der bürokratie derart überfordert fühlen,dass sie diese gar nicht erst in angriff nehmen und keinerlei hilfe suchen. und es gibt menschen, die ganz bewusst nicht teil des systems werden wollen.
    all das verbuche ich unter individueller freiheit. vor einiger zeit las ich das buch „kein dach über dem leben“ und telefonierte auch kurz mit dem autor. interessant die geschichte, wie man in so eine situation kommt, interessant auch die sicht des betroffenen auf das leben. aber letztlich auch die erkenntnis, dass wir nicht obdachlosen rein grundsätzlich davon ausgehen, jeder wolle so leben wie wir. das stimmt aber nicht.
    deswegen nehme auch ich mir die freiheit, almosen sehr individuell und nach bauchgefühl zu verteilen. darauf angewiesen muss hier keiner sein.

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    1. Du nennst da einen wichtigen Aspekt, den ich so nicht bedacht habe (nicht im System leben wollen)… Allerdings kenne ich auch Menschen, die tatsächlich nicht mehr in der Lage waren, ihre Post zu öffnen oder sich Hilfe zu holen…mit viel Glück würden sie nicht obdachlos. Aber es ist natürlich nicht schwarz-weiß und ich denke ja auch, dass es viele Hilfsangebote gibt…Das Buch werde ich auf jeden Fall lesen! Danke für den Hinweis!

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