Wie freundlich ist gut für mich?

Heute widme ich mich einem Thema, das mir im Alltag immer wieder begegnet und von dem ich durch Gespräche weiß, dass auch andere es oft beschäftigt: nämlich der Frage, wie freundlich muss ich sein, wenn mir jemand blöd kommt, wenn ich jemanden nicht mag, wenn jemand übergriffig ist?

Da wir es hier mit einer höchst subjektiven Ebene der Wahrnehmung, des Gefühls und des Geschmacks zu tun haben, bin ich der Meinung, am Ende muss jeder den Maßstab für sich selbst in sich finden. Das gelingt umso besser, je mehr ich mit mir verbunden bin und mich selber spüre – was ja auch schon eine Aufgabe ist.

Aber der Reihe nach. Ich illustriere das Thema mit zwei Beispielen. Das eine war ein Telefonat mit dem Finanzamt, in dem mich eine Beamtin von Beginn des Gesprächs an immer wieder in ewigen Pausen in der Warteschleife hängen ließ, ohne zu sagen, warum. (Also nichts kompliziertes. Zwischen der Frage nach Steuernummer, Geburtsdatum und Adresse lagen dennoch jeweils ca 3-5 Minuten.) Und die jede meiner Fragen nur halb oder ausweichend beantwortete. Und meine Fragen waren mehr als berechtigt, denn das Amt hatte per Brief eine Antwort von mir angemahnt, die ich längst per Einschreiben Einwurf abgeschickt hatte. Die Dame mauerte, war unkooperativ und so wenig engagiert, mir bei der Lösung des Problems zu helfen, dass ich schließlich ungeduldig und genervt wurde, meine Stimme etwas erhob und schlußendlich das Gespräch mit der patzigen Ansage beendete, dass ich lieber in einigen Tagen nochmal anrufen würde um dann Herrn X zu erreichen, „mit dem man hoffentlich vernünftig sprechen kann!!“ Und legte auf. Hinterher kam ich mir blöd vor und ärgerte mich, dass ich mich hatte provozieren lassen. Aber ich halte es auch kaum noch aus, mich in Situationen klein zu machen, in denen so offensichtlich eine Teilnehmerin der Interaktion nicht bereit ist, zu kommunizieren oder überhaupt mal zuzuhören. Ich möchte mich auch vor sogenannten Autoritäts- oder Amtspersonen, nicht mehr klein machen, obwohl das natürlich nach hinten los gehen kann und ich da oft genug einknicke. Die meisten von uns haben in gewissem Maß gelernt, sich anzupassen, klein zu machen, den eigenen Standpunkt nicht darzulegen oder gar durchzusetzen. Vor allem Frauen sind dazu erzogen, immer freundlich und verbindlich zu sein, für Konsens zu sorgen und nicht aufbrausend, laut oder gar wütend zu werden. Sich abzugrenzen, den anderen auf dessen Fehler oder Unhöflichkeit hinzuweisen, darauf zu bestehen, dass das eigene Anliegen ernst genommen wird, das alles sind Dinge, die vielen von uns schwer fallen und durch verbale Konstruktionen und Stimmlage bzw. Körperhaltung signalisieren wir allzu oft, dass wir dem anderen die Macht über den Ausgang der Situation geben und ihm oder ihr überlassen, wie mit uns umgegangen wird.

Wie freundlich ist gut für mich, wenn jemand es nicht gut mit mir meint? Und wie unfreundlich möchte ich werden, um meine Haltung zu verdeutlichen? Ist es immer ratsam, auf gewaltfreier Kommunikation zu bestehen (ich meine damit nicht die Fäuste sondern das Kommunikationsmodell nach Rosenberg), also auch bei sich selbst, oder gibt es Momente, in denen ein reinigendes Gewitter doch besser ist?

Und wie freundlich sollte ich zu Menschen sein, die ich schlicht nicht mag? Weil sie mich ständig unterbrechen oder sehr forsch und übergriffig sind? In Freundschaften habe ich ja die Wahl, aber was, wenn ich ein Hobby in einer Gruppe ausübe, z.B. im Sportverein? Muss ich jedem gegenüber gleich herzlich sein oder darf jemand auch merken, dass ich sie nicht so mag? Dass ich reserviert bin? Mir hat neulich eine Frau in einem Gespräch zwischen mehreren Frauen gesagt, sie spüre mein ständiges „Nein“ ihr gegenüberund ich bejahte und sagte ihr direkt, das sich sie übergriffig finde und dass ich das schwierig finde. Ob sie Interesse daran habe, das von der Gruppe getrennt zu besprechen? Nein, hatte sie nicht. Auch gut. Jedenfalls fragte ich mich hinterher, ob ich meine ablehnende Haltung hätte korrigieren oder verbergen sollen. Nota bene: mir war sehr bewusst, dass das gefühlte „nein“ da war, es kam dadurch zum Ausdruck, dass ich wenig auf Ihre Redebeiträge einging und sie nie direkt ansprach. (Sie hatte sich ohne Not zu einem 2er-Gespräch dazu gesellt… und da fängt es schon an: mir war das unangenehm, doch in dem gegebenen Rahmen konnte ich schlecht was dazu sagen… oder??) Ich war mir während unseres Gesprächs unsicher, wie sehr sie meine ablehnende Haltung mitbekam, bis sie sie ansprach. Was ich gut fand. Nur wie ich zukünftig besser mit so einer Situation umgehen soll, weiß ich nicht. Ich möchte niemandem weht tun, aber mich auch nicht verbiegen. Und das scheint mir eine lebenslange Aufgabe zu sein, hier das richtige Maß zu finden. Ich finde das nicht einfach. Vielleicht liegt das an den Mobbing-Erfahrungen, die ich als Kind gemacht habe: ich weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden, ich möchte das niemandem antun. Aber es gibt Personen – und Himmel sei Dank laufen mir solche extremst selten so nah über den Weg – mit denen möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Und doch gibt es dann Konstellationen, in denen sich das kaum vermeiden lässt und dann wird’s spannend. Sollte ich das Abendessen bei Freunden dann verlassen, weil da eine von 5 Personen mir den letzten Nerv raubt? Oder so tun, als sei alles in bester Ordnung – oder es ansprechen und einen Konflikt riskieren?

Ich entscheide das je nach Situation und versuche, da nicht auf Prinzipien herum zu reiten. Denn je nach Tagesverfassung, Bedürfnislage und Wichtigkeit der Sachebene kann für mich eine Lösung ganz anders ausschauen. Aber es ärgert mich, wenn mich Menschen, die kaum wertschätzend und stattdessen übergriffig sind, mich in so eine Situation bringen. Oder unfähige Mitarbeiter in Dienstleistungsunternehmen oder Ämtern. Ganz schwierig. Da möchte ich dann schon manchmal sagen: „Tun sie uns beiden den Gefallen, und wechseln sie ihren Beruf!“ Hab ich bisher nicht gemacht, sollte ich vielleicht mal.

Denn eines ist auch sicher: verbiege ich mich zu sehr, bin ich gegen mein Empfinden freundlich und zugewandt, geht es mir hinterher auch nicht besser. Dann ärgere ich mich, dass ich zu nachsichtig oder unehrlich war und das tut mir auf Dauer auch nicht gut. Je nach Ausmaß der Apathie kann diese Dauer schon nach sehr kurzer Zeit überschritten sein. Ich versuche gerade, mir die Haltung anzueignen: Mut zum Verlust. Verlust des harmonischen Abends, des Bildes der freundlichen Merle, einer Bekanntschaft, von Zeit und Nerven bei Ämtern, wenn der Konflikt länger dauern sollte… Aber am Ende des Tages sehe ich in mein Spiegelbild und da möchte ich mich sehen. Sehr schön und hilfreich ist es daher, eine freundlich-neutrale Ebene zu kultivieren, in der ich höflich bleibe aber auch klar meine Grenzen zeige. Das ist nicht immer einfach, aber das Leben bietet mir ja praktisch jeden Tag die Gelegenheit, das zu üben.

Und so wünsche ich uns alles ein gutes Gespür für unsere Grenzen und wie wir sie pflegen können…

Merle

Ein Gedanke zu „Wie freundlich ist gut für mich?“

  1. also die finanzamtssituation nimmst du m.e. zu persönlich. die dame war einfach inkompetent. sonst nichts. da wäre mir das gespräch, in der hoffnung, später an wen anders zu geraten, auch „zufällig verloren gegangen“. ohne ankündigung. solche leute stehlen einem nur die zeit und die nerven. (es wird ja wohl festzustellen sein, ob ein brief eingegangen ist oder nicht.)
    diese andere sache ist schwieriger. obwohl ich selbst dazu neige, meiner antipathie ausdruck zu geben, beneide ich doch diejenigen, die sich gerade dann in äußerster freundlichkeit ergehen können. denn auch da lohnt es nicht, zeit und energie zu verschwenden. die dinge sind, wie sie sind. konkrete situationen wie die unterbrechung des gesprächs, bedürfen einer gewissen schlagfertigkeit wie: „können wir dir helfen? andernfalls würden wir gern unser gespräch weiter führen.“ klappt aber nur, wenn dein gesprächspartner nicht auf die unterbrechung anspringt.

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