Zur Selbstliebe

Selbstliebe ist ein großes Wort das in vielen Ratgebern, Kursen und Coachings als das Heilmittel schlechthin angepriesen wird. Was mir bei den Beschreibungen oft auffällt, ist, dass es meist darum gehen soll, die eigenen Stärken und Kräfte zu wecken, zu sehen, was man alles kann und tolles ist und was für ein wunderbarer Mensch ich im allgemeinen und besonderen bin. Stimmt, daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, wäre da nicht die Tatsache, dass wir alle auch unsere schlechten Tage habe, unsere dunklen Seiten und die gar nicht so attraktiven Aspekte.

Ich habe nämlich vor allem im letzten Jahr festgestellt, dass es leicht ist, sich selbst zu lieben, wenn alles gut läuft. Wenn die sozialen Kontakte wie geschmiert funken, wenn ich kreativ bin und mich attraktiv fühle. Dann ist Selbstliebe sozusagen ein Booster, der über die kleineren Wehwehchen hinweg trösten kann. Aber was, wenn wirklich mal alles zusammen bricht, wenn das, worauf ich in mir gebaut habe, wenn das nicht mehr da ist? Wenn die Gesundheit kopeister geht, der Körper nicht mehr so will wie ich und wenn ich infolge dessen knatschig, voller Selbstmitleid und ziemlich unleidig bin?

Dann, wenn wir sie uns am wenigsten gut selber geben können, brauchen wir sie am meisten, die Selbstliebe. Wenn ich mich hässlich finde, wenn ich wütend und genervt bin, kurz: wenn ich mich von außen ansehe und denke: meine Güte, jetzt hab Dich nicht so, hör auf zu jammern und mach weiter!!! Genau dann brauchen meine wenig attraktiven Anteile meine Selbstliebe. Mein Verdacht ist schon länger, dass wir gerne lieben mit „toll finden“ verwechseln. Aber Selbstliebe zu praktizieren heißt nicht, dass ich alles an mir toll finden muss, im Gegenteil. Ich darf wahrnehmen, dass mich Dinge an mir stören, dass ich einiges unangenehm finde und gerne ändern würde, ich darf von mir selbst genervt sein. Selbstliebe heißt dann für mich, genau das mit Mitgefühl wahrzunehmen und damit in Kontakt zu gehen und zu sagen: ok. Im Moment kann ich dies oder jenes nicht gut annehmen, ich komm damit nicht klar, aber ich nehme es wahr, lasse es da sein und atme mit Mitgefühl und bin da.

Genauso, wie jemanden lieben nicht heißt, dass ich alles wunderbar und fantastisch an der Person finden muss, genauso verhält es sich mit mir selbst. Und das erfordert Mut und Toleranz mir selbst gegenüber. Auch zu akzeptieren, wenn ich mich gerade selbst nicht im Spiegel anschauen mag, wenn ich gerade nur Dinge an mir auszusetzen habe. Dann auch das wahrnehmen, spüren und mir selbst sagen: in Ordnung, jetzt gerade finde ich mich nicht in Ordnung. Aha. So fühlt sich das an.

Und je mehr ich mir da selber auf die Schliche komme, umso mehr merke ich, es reicht vollkommen, mich in Ordnung zu finden. Gnädig und barmherzig mit mir zu sein, auch wenn es schei…, pardon, schlecht läuft und ich alles zum Mäuse melken finde. Es reicht auch aus, gut genug anstatt immer
1000 % zu sein. Ich darf Fehler haben und machen und ich darf Durchhängen haben und nicht funktionieren. Selbstliebe ist also mitnichten ein „Erfolgsrezept“ das mich zum „Erfolgsmenschen“ macht (wozu sie gerne in der Selsbthilfeindustrie deklariert wird) sondern eine Haltung, die mich mir selbst gegenüber ehrlich und authentisch macht und deshalb dazu führt, dass meine Beziehung zu mir intensiver und liebevoller wird – was mein Wohlbefinden steigert.

Es ist nicht so einfach, wenn es mir schlecht geht, diesen einen kleinen Schritt zu machen, der dazu führt, dass ich mich annehme anstatt in der belastenden Emotion zu versinken. Das ist Übungssache, gelingt nicht immer, aber immer öfter und es wird einfacher.

Wer also glaubt, Selbstliebe bedeute, dass ich mich jeden Tag vor dem Spiele bewundere und fantastisch finde, der ist entweder kurz vor der Erleuchtung oder aber hat das essentielle daran verpasst: es darf mir schlecht gehen, ich darf nervig und unleidig sein. Und gerade dann bin ich für mich da.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die es möchten, ein gutes Gespür für die Selbstliebe.

Merle

2 Gedanken zu „Zur Selbstliebe“

  1. soll ich ehrlich sein? (blöde frage, natürich, sonst würde ich nicht kommentieren.) mir geht dieses selbsthilfevokabular aber sowas von auf den keks. selbstliebe! watn quark. liebe ist ein zustand geistiger umnachtung, in dem man dinge chronisch fehleinschätzt. wie soll mir das bei mir selbst gelingen? ich bin doch in mir drin. ich höre mich denken. und da bin ich wahrlich nicht stolz auf alles. wenn du dich selbst lieben willst oder musst, dann tu das wie bei einem verrückten cousin, der nun mal zur familie gehört und ja irgendwie ganz nett ist und dich zum lachen bringt. oder wie bei einem bruder, der zwar ein loser ist, aber eben dein bruder, der dich braucht. so oder so: nimm dich, wie du nun einmal bist. ein anderes ich hast du nicht.

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    1. Guten Abend erphschwester, danke für Deinen Kommentar! Du hast Deinen Standpunkt sehr deutlich gemacht, ich erlaube mir zwei Anmerkungen dazu: zum einen würde ich differenzieren zwischen Liebe und Verliebtheit – bei letzterer ist das Urteilsvermögen in der Regel eingeschränkt, bei Liebe würde ich das nicht unbedingt voraussetzen, zumindest nicht, wenn wir von einer reifen, erwachsenen Liebe sprechen, die den anderen als Ganzes sieht. (Doch, das geht.) Zum anderen möchte ich mir selbst schon näher sein als meinem Cousin. Niemand ist immer für mich da, niemand kann alles an mir akzeptieren, ich hab mich mich immer dabei… aber den Vergleich mit der schrägen Verwandtschaft finde ich gut für eigene Anteile, mit denen man es nicht so hat. Wenn Du die alle schon so annehmen kannst und dabei gnädig und geduldig und fürsorglich mit Dir seine kannst: Hut ab! 🙂 Liebe Grüße, Merle

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