Nach meinem letzten Artikel wurde mir von einer Leserin (erphschwester, siehe Kommentar) sehr deutlich gemacht, dass sie mit dem sogenannten Selbsthilfevokabular, bezogen auf das Wort Selbstliebe, nichts anfangen kann. Ich habe den Kommentar grundsätzlich beantwortet, bin aber nicht weiter auf das Wort Selbsthilfevokabular eingegangen. Ich tue dies nun doch, weil ich finde, dass es im Kontext eine sehr negative Konnotation hat und dem stimme ich dezidiert nicht zu.
Wer meinen Blog ab und an und schon etwas länger liest, der weiß, dass ich viele sogenannte Selbsthilfethemen streife und kann auch aus meinen Artikeln gelesen haben, dass ich keine Kitsch-Kuschel-Esoterik-Frau bin sondern kritisch-humorvoll mit den Dingen des Lebens versuche umzugehen. Auch ich sehe vieles, was in der Selbsthilfe-Industrie veröffentlicht wird, sehr kritisch, aber nicht, weil darin Selbstliebe thematisiert wird sondern wegen der Art und Weise, wie sie thematisiert wird. Vieles greift zu kurz, viele Ratgeber arbeiten mit Schlagwörtern und schnellen Lösungen und es werden schon im Titel hanebüchene Versprechen gegeben, die schon auf den ersten Blick irrwitzig klingen. (Heirate Dich selbst und es ist egal, wen Du liebst, ist zum Beispiel so ein Titel.)
Ich bin mehr der Achtsamkeitsfan, für das Arbeiten mit der Bewusstheit und das Annehmen des Selbst und des Moments, in dem das Selbst sich befindet. Und ja, es ist möglich, die eigenen Gedanken zu beobachten und seine Gefühle, denn wir sind mehr als unsere Gedanken und Gefühle. Wenn jemand darauf keine Lust hat, ihm oder ihr das zu langsam oder langweilig ist – das verstehe ich. Aber für mich ist es der einzige Weg, der bisher nachhaltige Veränderung für mich bewirkt hat. Und zur Achtsamkeit gehört einfach auch die wohlwollende Haltung mir selbst gegenüber, das barmherzig und mitfühlend mit mir sein. Wem das nicht gefällt, der darf das auch gerne sagen – ich persönlich bevorzuge Kritik, die mit weniger Imperativen und absoluten Wahrheiten auskommt.
Ich breche hier also erneut eine Lanze für die Selbstliebe und in gewisser Weise auch für die Selbsthilfe. Denn wie Jon Kabat-Zinn es in Full Catastrophe Living so schön sagt: wenn Du Hunger hast, hilft es auch nichts, wenn jemand anderes für Dich isst. Und Du isst auch nicht die Speisekarte sondern die Nahrung, was bedeutet, nur wenn Du selbst in die Bewusstheit und Verbindung mit Dir gehst, kann sich etwas ändern, wird die Erfahrung des Lebens eine andere. Und gleichzeitig respektiere ich all die Leserinnen und Leser der riesigen Selbsthilfebibliothek, auch wenn ich mit vielem nichts anfangen kann, aber der Versuch, mit sich ins Reine zu kommen, etwas an seinem Leben zu verändern, kann doch nur beglückwünscht werden. Wer bin ich zu beurteilen, was dem Einzelnen hilft?
Selbstliebe ist eine Binse und gleichzeitig das schwierigste und umfangreichste Projekt, dass ein Mensch starten kann. Denn je genauer ich mich kennenlerne und hinschaue und lausche, umso mehr Türen öffnen sich. Selbstliebe als Selbstannahme und mitfühlende Haltung mir selbst gegenüber ist im Übrigen nach meiner Überzeugung auch die Voraussetzung für erfüllende, reiche und liebevolle Beziehungen zu anderen. Und so hängt mal wieder alles mit allem zusammen.
In diesem Sinne wünsche ich uns bzw. wem es gefällt, ein gutes Gespür für die Selbstliebe
Merle
Wer sich selbst nicht mag und kein bisschen erkennt hat es schwer mit den Mitmenschen.
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