…dann doch lieber Kaugummi kauen!

Es gibt ein Lied (dessen Titel und daher auch Interpreten ich leider nicht mehr weiß) in dem es heißt, dass sich Sorgen zu machen das gleiche ist, wie durch Kaugummikauen eine Algebra-Gleichung lösen zu wollen.

Wie recht der Texter doch hatte! Und doch, ich mache mir ständig Sorgen über alles mögliche. Ich falle regelmäßig auf meinen Verstand herein, der mir sagt, dass es sinnvoll wäre, Szenarien der Zukunft durchzuspielen um dann zu wissen, wie ich in welcher Situation handeln würde. Und wenn mir dazu nichts einfällt, dann denke ich bis zur Erschöpfung im Kreis. Irgendwann merke dann auch ich, dass es leine Lösung gibt und langsam, langsam verblasst vielleicht das fragliche Thema. Oder auch nicht.

Natürlich ist es manchmal sinnvoll, sich einen Plan B oder vielleicht sogar C zuzulegen, gerade wenn es um wichtige Entscheidungen im Leben geht. Ich denke da an berufliche Laufbahnen, die Planung eines Umzugs, eine lange Reise… Vorkehrungen zu treffen ist sicher nicht das Falscheste.

Und doch ist es ein Unterschied, ob ich mir denke: naja, wenn A nicht funktioniert, kann ich B probieren; für den Fall, dass ich im Urlaub krank werde, nehme ich eine Reiseapotheke mit. Um nicht schwanger zu werden, verhüte ich. – Oder ob ich obszessiv darüber nachgrüble, was alles schief gehen könnte und mir exzessiv alle möglichen worst case Szenarien vorstelle. Davon abgesehen, dass damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass eines davon eintritt, ist es auch so, dass wir schlicht nicht wissen können, was in der Zukunft eintritt und was der mögliche worst case sein könnte. Oft genug ist man im Leben auf genau den eben nicht vorbereitet, weil man das Wissen darüber vorher nicht hatte.

Ein Thema, dass mich nun schon seit einer ganzen Weile begleitet, ist die Angst vor Krieg. Ich beobachte mit Sorge das Geschehen bzw. die Rhetorik der Beteiligten und indirekt Beteiligten in der Ukraine und je länger das dauert und je bedrohlichere Reden geschwungen werden, umso mehr Sorgen mache ich mir, dass wir hier wieder einen Krieg haben könnten. Ist das sinnvoll? Nein. Denn ich kann an der Lage nichts ändern. Ich schränke meinen Nachrichtenkonsum diesbezüglich zwar bewusst ein, weil ich weiß, dass er mir nicht gut tut, und dennoch bin ich wie getrieben und muss immer wieder neue Meldungen dazu lesen, weil ich Sorge habe, ich könnte den Zeitpunkt verpassen, an dem es richtig wäre, das Land zu verlassen. Nicht, dass ich wüsste, wo ich dann hingehen sollte. Aber das Gefühl, einigermaßen informiert zu sein gibt mir den Eindruck einer pseudo-Sicherheit, früh genug gewarnt zu sein.

Gestern hat mich ein Bekannter gefragt, was ich denn anders machen würde in meinem Leben, wenn ich keine Informationen über das Weltgeschehen hätte. Eben, nichts. Ich würde sorgenfreier leben und wäre wahrscheinlich glücklicher. Nun kann man das Wissen über Dinge nicht zurück schrauben; ich weiß um die Dinge, die passieren und kann nicht wirklich anders als darüber nachzudenken und das Thema weiter zu verfolgen. Ich weiß auch nicht, ob das Glück der Nicht-Wissenden wirklich Glück ist. Aber ich wünschte mir in letzter Zeit oft, ich wäre es.

Denn sich Sorgen zu machen über etwas, worauf man keinen Einfluss hat, ist zäh wie Kaugummi und der fahle Geschmack wie ein zu lang gekauter Kaugummi. Natürlich habe ich Verständnis für mich, ich kann sogar überhaupt nicht nachvollziehen, wie sich so viele Menschen in diesem Land scheinbar keine Sorgen über Krieg machen. Eigentlich müssten doch regelmäßig Leute auf die Straße gehen und gegen diesen Krieg und die Kriegstreiberei demonstrieren?! Ich würde mit maschieren! Und doch komme ich wieder zu dem gleichen Ergebnis: in dieser Sache bin ich machtlos. Ich kann nichts verändern und daher macht es keinen Sinn, sich darüber Sorgen zu machen. Ich muss darauf vertrauen, dass mir im Falle eines Falles das Glück hold ist. Mehr geht nicht.

Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass ich durchaus im Gespräch mit Menschen, die sich gar nicht damit beschäftigen, versuche, ein Bewusstsein dafür zu wecken, in welcher Situation wir eigentlich gerade sind. Doch oft denke ich mir dann auch: habe ich das Recht, andere mit meinen Sorgen anzustecken? Oder ist es meine Pflicht, andere auf eine mögliche Gefahr aufmerksam zu machen, deren Wahrscheinlichkeit ich gar nicht abschätzen kann?

Diese Fragen sind es, die mich umtreiben und ich weiß, ich werde immer jemand sein, der sich lieber im Vorhinein Sorgen macht und versucht, auf alles mögliche vorbereitet zu sein. Trotzdem möchte ich versuchen, die Sorgen einzuschränken, das heißt auch, mich davon frei zu machen, ein immer gut organisierter Mensch zu sein und jedem noch so kleinen Risiko aus dem Weg zu gehen. Denn was ich mir damit versage, sind spontane, schöne Erlebnisse, unbekannte Wege, nicht durchdachte Optionen.

Wir gestalten unsere Realität ja maßgeblich durch unseren Blick auf die Welt und dadurch, wo wir unsere Aufmerksamkeit hinlenken. Wer sich also mit einem Tunnelblick ständig Sorgen über mögliche Katastrophen macht, verpasst den schönen Ausblick auf der Reise. Und vielleicht ist auch gut ankommen gar nicht das Ziel sondern vielmehr doch der Weg dorthin, mit all seinen Windungen, Abzweigungen und Chancen.

Manchmal frage ich mich, wie ich in einem nicht-westeuropäischen Land existieren würde. In einem Land, dass mir nicht so viel Komfort, Sicherheit und Wohlstand bietet. Dann werde ich demütig und begreife, dass es eigentlich keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen.

Es ist schön, immer ein Taschentuch zur Hand zu haben, wenn ich es brauche. Es macht Sinn, mich dort vorzubereiten oder sozusagen Verhütung zu betreiben, wo ich Einfluss nehmen kann. Aber dann ist es auch gut. Es geht zu weit, sich selbst dann noch Sorgen zu machen, dass die Taschentücher nicht reichen könnten oder, um in dem anderen Bild zu bleiben, dass das Kondom kaputt gehen könnte. Irgendwann ist es auch mal gut und Zeit, sich dem Leben anzuvertrauen und zu genießen, was es zu bieten hat. Denn das ist eine ganze Menge. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gute, sorgenfreie Zeit!

Herzlich, Eure Merle

2 Gedanken zu „…dann doch lieber Kaugummi kauen!“

  1. es ist nicht ungefährlich, sich in solchen gedankenverknotungen zu verfangen.
    gestern sah ich einen film über einen 17jährigen, der überfallen wurde und ab da unentwegt an dem gedanken arbeitete, stärker und wehrhafter sein zu müssen. dabei geriet er in prepperkreise einschließlich der als notwendig erscheinenden waffen und wartete täglich auf den zusammenbruch (doomsday).

    andererseits ist es nützlich, einen plan b parat zu haben, denn nicht immer im leben klappen die dinge so, wie man sie plante.

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