Bevor ich heute ins Thema meines neuen Beitrages einsteige, möchte ich allen meinen LeserInnen noch ein frohes, gesundes und glückliches neues Jahr wünschen! Ich hoffe, Ihr seid alle gut hinübergerutscht und hattet entspannte, erquickliche Feiertage!
Ich habe die Zeit der Stille und Einkehr unter anderem dazu genutzt um über das vergangene Jahr nachzudenken und was mich besonders bewegt hat. Ein Ergebnis dieser Innenschau war, dass ich feststellte, wieviel Liebe und Wertschätzung ich erfahren durfte und wie dankbar ich dafür bin. Dann habe ich mir das Weltgeschehen angesehen und fragte mich, wie es kommt, dass wir soviel Angst, Hass und Intoleranz in der Welt haben und so wenig Liebe und Wertschätzung auf den größeren Ebenen unserer Gesellschaften herrschen. Die alte Frage nach dem Warum der Gewalt und der Kriege hat mich schon im vergangenen Jahr immer wieder beschäftigt und natürlich kenne ich als ehemalige Studentin der Politikwissenschaften all die Theorien und Konzepte zu Macht, geostrategischen Motiven, Verteilungskämpfen, zu individuellen Faktoren auf Machthaber-Ebene und kollektiven Faktoren auf gesellschaftlicher Ebene sowie innen- und außenpolitische Motive, die dazu führen können, dass Gewalt und Krieg als politische Mittel der Machtdurchsetzung angewendet werden.
Ich wäre aber nicht die, die ich bin, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass Alles mit Allem zusammenhängt und dass sich auf der Makroebene spiegelt, was auf der Mikroebene existiert. Ein eins zu eins herunterbrechen verbietet sich meiner Meinung nach zwar, aber dennoch kann und sollte nach meiner Ansicht bei der Betrachtung von gesellschaftlichen Phänomenen und bei der Interaktion von Staaten und staatlichen Kräften auch der individuelle Mensch als konstituierendes Element der Gemeinschaften mit einbezogen werden. Und hiervon ausgehend kann ich mich fragen: wo sind Liebe und Wertschätzung, Toleranz und Respekt zwischen den Menschen in unseren Tagen?
Und so kam es, dass ich eigentlich ein flammendes Plädoyer für eben diese Kräfte schreiben wollte. Ich wollte mich beschweren über den Mangel an Empathie und Wertschätzung und ja, auch ganz banal, Höflichkeit. Ich hatte vor, dafür zu argumentieren, dass sowohl in Schulbildung als auch Öffentlichkeitsarbeit der Träger der Zivilgesellschaft eine Kampagne für eine mitfühlende und tolerante Haltung nötig ist und wir uns alle auf das besinnen müssen, was uns (wieder) zu einer freien, offenen, demokratischen und solidarischen Gesellschaft macht. Und dass wir ein Leuchtturm sein müssen für andere Gesellschaften, in denen es ja auch nicht besser aussieht…
Während ich so an diesem Beitrag schrieb, merkte ich jedoch nach und nach, dass da etwas nicht stimmt, dass da etwas fehlt bzw. sich für mich nicht stimmig anfühlt. Nach einigem Hin und Her wurde mir klar, dass ich die Essenz übersehen hatte: wie sieht es denn mit der eigenen Wertschätzung und Empathie für mich selbst aus? Wo ist mein Mitgefühl und meine Nachsicht für mich? Bin ich gnädig mit mir, wenn ich Fehler mache oder sonstwie daneben liege? Wie ist es um meine Wertschätzung und Anerkennung aller meiner eigenen Anteile bestimmt? Und da kam ein herzhaftes Gnumpf, weil da ist noch viel Luft nach oben.
In der Psychologie gibt es das Konzept, die innerpsychischen Anteile als Akteure eines Theaterensembles zu betrachten. Man gibt den Persönlichkeitsanteilen Rollen, bzw. diese haben Rollen inne, sie bekommen Namen und man kann analysieren, wer im Drama des Lebens welche Motive, Aufgaben und Texte hat. Diese Sichtweise erleichtert das Verständnis der inneren Dialoge und der eigenen Handlungen und kann dazu beitragen, dass das innere Geschehen überschaubarer, verständlicher und letztlich auch beeinflussbarer wird, indem man beherzt die Rolle des Regisseurs einnimmt. Ich mag diese Sicht auf die Psyche, sie entspricht meinem Verständnis vom Menschen recht weitgehend und wenn ich mir meine Theatertruppe so anschaue, dann muss ich ehrlicher Weise zugeben, dass es da einige Akteure in meinem Stück gibt, die ich noch lange nicht voll integriert habe. Der Zensor, die Perfektionistin, der Lästerer, die Ängstliche… um nur ein paar zu nennen, mit denen ich mich schwer tue im täglichen Umgang.
Wir alle haben unsere Abgründe und jeder seine dunklen Seiten; jeder Mensch hat Anteile, mit denen er oder sie hadert oder die sie nicht bewusst wahrnimmt und als Eigenes annimmt. Das ist zutiefst menschlich und normal. Entscheidend ist jedoch meiner Ansicht nach, wie wir mit diesen Anteilen umgehen. Projizieren wir sie nach außen und geben anderen die Verantwortung für sie? Nach dem Motto, ja, wenn ich lästere, dann liegt das ja nur daran, dass alle anderen um mich Vollkoffer sind? Oder glaube ich, dass ich perfekt sein muss in dem, was ich tue, weil ich sonst bestraft werde oder abgelehnt werde von meiner Umwelt, oder erkenne ich, dass ich mich selber unter Druck setze? Wie ist es also bestellt um die Verantwortung und Wertschätzung, die ich mir selber gebe und wie nachsichtig kann ich mit mir selber sein?
Das ist gar nicht so einfach. Selbstliebe lernen wir nicht in der Schule. Wie also sich selber lieben? Was bedeutet es, mich selbst anzuerkennen und mir selber Wertschätzung entgegen zu bringen?
Nun, ich würde damit anfangen zu beobachten, wie ich mit mir selber spreche. Was sind meine Gedanken, wenn ich wieder mal zu viel gegessen habe obwohl ich doch eigentlich Diät machen will? Was denke ich über mich und mein Leben, welche Haltung habe mir selbst gegenüber? Wie ist es um mein Selbstbild bestellt? Kann ich Lob annehmen und stolz auf mich sein, wenn ich etwas geschafft habe oder mache ich das dann gleich herunter? Finde ich mich gut so, wie ich bin oder glaube ich, mich ständig optimieren zu müssen? Übe ich Selbstfürsorge aus, besonders wenn es mir schlecht geht oder wünsche ich mir, dass andere sich um mich kümmern? Und schließlich, wie gut kenne ich mich und alle meine Facetten meines Seins und komme ich mit ihnen klar? Oder laufe ich vor mir selber weg und möchte eigentlich gar nicht so genau hinschauen?
Liebe tut manchmal weh – Selbstliebe auch. Es ist nicht immer bequem und kuschelig, sich selbst zu umarmen. Und natürlich ist es schöner, wenn mir jemand den Tee ans Bett bringt, wenn ich krank bin, anstatt dass ich mir selber die Mühe machen muss. Jedoch, und jetzt kommt das große Aber: wie kann ich mich über den Mangel an Liebe und Wertschätzung und Empathie im Außen beschweren, wenn ich diese mir selbst nicht entgegen bringen kann? Was für einen Sinn macht es, mich über den Mangel an Bewusstheit, Gnade und Nachsicht in der Welt zu beschweren, wenn ich selber eine gute Portion davon noch gebrauchen könnte?
Das ist jetzt extrem formuliert. Natürlich dürfen wir uns beschweren, genauso wie jemand der keine Übung in Selbstliebe hat, sich Liebe wünschen darf und diese auch erfahren kann und darf (wenn sie es zulässt). Und doch kann ich dem Satz, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, etwas abgewinnen. Es ist leicht sich über die Welt zu echauffieren und Frieden, Gerechtigkeit, Liebe und Mitgefühl zu fordern. Es ist nicht so leicht sich einzugestehen, wenn man selbst noch im Krieg mit sich ist und mit sich selbst keine Toleranz und Nachsicht übt. Und da unsere Gemeinwesen nunmal aus Individuen aufgebaut sind, kann der Mangel an Selbstliebe in jedem Einzelnen nicht ohne Spuren an der Gesellschaft vorüber gehen. Wie wir mit uns selbst umgehen, spiegelt sich im Großen und hinterlässt Spuren in der Umwelt. Provokant gesagt, ist der Akt der Selbstliebe also auch ein Akt der Liebe an der Menschheit. Wer sich in Selbstliebe übt, strahlt dies in seinem unmittelbaren Umfeld aus und von dort pflanzt es sich fort, Stückchen für Stückchen.
Selbstliebe ist übrigens nicht zu verwechseln mit Egozentrismus oder Narzismus im Sinne einer Pathologie. Selbstliebe verstehe ich als Form der Übernahme von Verantwortung und Fürsorge für mich und als Annahme meines Selbst. Das bedeutet nicht, dass ich keine Hilfe mehr aus dem Außen annahmen darf oder dass ich bindungslos durchs Leben gehe. Selbstliebe verstehe ich als die Basis der Fähigkeit umfassend zu lieben und meinen Mitmenschen das entgegen zu bringen, was ich mir selbst gelernt habe zu geben: Liebe, Wertschätzung, Mitgefühl und Nachsicht. Und wenn sich dies in der Welt verbreitet, wie die Auswirkungen eines Flügelschlags eines Schmetterlings, dann kann Selbstliebe zum revolutionären Akt werden.
Als ich an Silvester gefragt wurde, was ich in meinem Leben noch unbedingt tun möchte, habe ich eine Weile überlegt und dann war es sonnenklar für mich: ich möchte mich selbst annehmen und lieben in diesem Leben, alles andere ist die Sahne auf dem Kuchen, das Tüpfelchen auf dem i – doch ganz in der Selbstliebe zu sein, dass wär schon was…
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine große Portion Selbstliebe und viele Schmetterlinge, die zur Verbreitung beitragen…
Herzlich, Merle
Liebe Merle,
das ist ein wunderbarer Text. Wie im Kleinen, so im Großen. Ich denke, das ist der zentrale Punkt. Wer mit dem Finger auf das Außen zeigt, darf diese Finger auch gerne mal herumdrehen und auf Innen schauen und entdecken, was es dort so zu sehen gibt.
Mir fallen zu deinem Text drei wichtige Menschen und Autoren ein.
Die erste ich Dami Charf. Dami Charf macht einen Unterschied zwischen Selbstliebe und Selbstoptimierung. Selbstliebe ist nicht das Streben nach Performanz, sondern eine tiefe, ehrliche Verbindung zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Und das ist nicht über Nacht erreichbar, denn es ist ein Prozess, welcher einst beginnt und mit dem Tod endet. Mitgefühl und Akzeptanz sind wichtige Zutaten in dieser wunderbaren Suppe der Selbstliebe.
Der zweite ist kein geringerer als Erich Fromm. In Haben oder Sein spricht Erich Fromm von zwei grundlegenden Lebensweisen: die Haben-Orientierung und die Sein-Orientierung. Die Haben-Orientierung ist geprägt vom Streben nach Besitz, Macht und äußerem Erfolg, während die Sein-Orientierung auf authentisches Erleben, Wachstum und innere Erfüllung abzielt. Leider ist es immer noch so, das wir in unserer heutigen Gesellschaft zu stark auf das Haben fixiert sind. Dies kann nach Fromm zu Entfremdung führen und somit zu Unzufriedenheit. Diese Unzufriedenheit will dann gestillt werden durch Kompensation, also Konsum oder auch das Verlagern nach Außen. Schaut, wie Scheiße alles ist, schaut wie dumm alle sind, nur um nicht nach innen zu bleicken.
Der letzte ist einer meiner absoluten Lieblinge. Emmanuel Levinas. Seine Philosophie zum „Antlitz“ bedeutet folgendes: Das Antlitz des Anderen ist eine ethische Beziehung, welche zu Verantwortung ruft. Sehe ich den anderen, sehe ich auch mich. Ich sehe die Einzigartigkeit, welche nicht auf Vergleich, sondern auf Mitgefühl und Anerkennung begründet ist. Dafür braucht es auch Selbstliebe. Er spricht hier nicht von Egozentrismus oder Selbstbezogenheit, sondern von Selbstbeziehung im Sinne von einer Voraussetzung um auch mit der Welt in Beziehung zu treten.
Daher wünsche ich uns allen, sowie auch Dir und mir, mehr in die liebevolle Selbstannahme zu gehen, mehr in das eigene Sein zu sinken und den Tag vielleicht mit einem leichten Streicheln des Unterarms zu beginnen gefolgt von einer Umarmung und einem tiefen Atemzug.
„Utere corpore, esto in vita.“
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Lieber Christian, ich freue mich sehr über Deinen klugen und ausführlichen Kommentar! Ich kann mich Deinen Worten nur anschließen und danke Dir für die inspirierenden Verweise auf Dami Charf und andere…. !
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