Über das Schweigen

Ich bin eine große Freundin des Gesprächs. Miteinander reden ist wunderbar. Kommunikation ist unerlässlich und für mich ein Herzstück ein jeder Beziehung. Gute Kommunikation bringt uns einander näher und lässt uns den Anderen verstehen. Wir können uns in den anderen besser hinein versetzen und wissen durch das miteinander sprechen, was das Gegenüber sich wünscht, welche Vorstellungen und Ideen es hat oder was von uns erwartet wird. Sprache ist Struktur, Sprache formt unser Bewusstsein und unser Denken – Sprache ist nicht vom menschlichen Sein wegzudenken; ohne Sprache können wir uns ein Leben gar nicht vorstellen. Wie sonst seinen Willen formulieren? Wie seine Gefühle äußern? Wie sich miteinander verständigen und in der Welt verorten? Sprache ist als Ausdruck der Identität unverzichtbar und es heißt nicht ohne Grund, „mir fehlen die Worte“, wenn wir entsetzt, überrascht oder irritiert sind. Wenn es einem die Sprache verschlägt, dann ist etwas nicht im Lot. Dann ist eine Ordnung durcheinander gekommen.

Und doch nehme ich heute einmal die entgegengesetzte Position, nämlich die der Verfechterin des Schweigens ein. Schweigen wird meiner Meinung nach unterschätzt und in vielen Lebenslagen meiner Ansicht nach zu wenig praktiziert. Es gibt so viele Situationen, in denen Schweigen einfach wirklich Gold ist und Reden eben nur Silber. Zum Beispiel, wenn Gefühle nicht mehr in Worte gefasst werden können oder wir nichts Mitfühlendes oder Hilfreiches zu sagen haben. Wenn verbale Sprache nicht vermitteln kann, was eine einfache Geste, wie die Hand auf einem Arm oder eine Umarmung, viel besser ausdrücken kann… Wenn wir im öffentlichen Raum sind oder in einem Kontext, in dem sich Anwesende auf etwas konzentrieren wollen… wenn es an der Zeit ist, zuzuhören statt selbst zu sprechen… oder auch nur, um sich einfach mal zu besinnen und bei sich selbst zu bleiben.

Vielen von uns ist die Fähigkeit, zu spüren, in welcher Stimmung unsere Mitmenschen gerade sind, verloren oder verschüttet gegangen. Dabei ist es möglich, anhand von Körpersprache und Ausstrahlung zu erkennen, wenn jemand gerade nicht sprechen möchte. Vielleicht hat uns unser Gegenüber auch gesagt, dass es ein Thema nicht vertiefen will, doch – und hier kann ich mich an der eigenen Nase fassen – wir bohren weiter, wollen verstehen, wollen Information, wollen uns mitteilen und dass der andere sich mitteilt. Oft werden so Dinge zersetzt und analysiert, die man besser hätte ruhen lassen. Nicht alles geht uns etwas an und alles hat seine Zeit. Das Gespür dafür zu haben, wann etwas besser nicht oder nicht weiter besprochen wird, erfordert eine feine Nase und eine gute Beobachtungsgabe – oder auch einfach nur, dass wir zugehört haben. Zuhören ist eine Fähigkeit, die ich sehr schätze. Wer zuhört, lernt. Und selbst wenn es nur die Erkenntnis bringt, dass man mit dem Gegenüber nicht einer Meinung ist. Zuhören ist eine Tugend, die uns weiter bringt und die dem Anderen Wertschätzung und Respekt entgegen bringt. Hört mir jemand zu, fühle ich mich akzeptiert und angenommen, oftmals mehr, als wenn ich mit wohlgemeinten Ratschlägen zugetextet werde. 

Was das Schweigen, also Stille, tatsächlich auch fördern kann, ist das Fühlen. Und ich plädiere hier für einen Verzicht auf Worte um zu fühlen. Sich selber spüren, mein Sein, die Gegenwart dessen was um mich ist fühlen und einfach nur anerkennen, ohne es mit Worten zuzukleistern. Ich bin immer baff erstaunt, wenn mir Jogger im Park begegnen, die sich beim Laufen miteinander unterhalten. Für mich wäre das undenkbar. Laufen ist für mich eine meditative Angelegenheit, bei der ich meinen Atem und meinen Körper spüren möchte und meine Umgebung achtsam wahrnehmen möchte. Aber gut, dass ist sicher Geschmacksache und stört mich nicht weiter. Ich muss ja beim Laufen nicht reden. 
Störend wird es allerdings in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dort habe ich oft das Gefühl, dass manche Menschen geradezu unter Logorrhoe, also Sprechdurchfall, leiden. Die nichtigsten Dinge, teils sehr privater Art, werden da am Telefon in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. Es herrscht kein Gefühl dafür, dass so etwas für die Umwelt nervend und nicht angemessen ist. Auch das Mitteilungsbedürfnis meiner Mitmenschen im Kino hat mich schon zur Verzweiflung gebracht. Es gibt zig Orte und Situationen, an denen ich mir schon dachte: halt doch einfach mal den Rand, geht das bitte? Ich möchte jetzt einfach nur den Moment genießen, meine Ruhe haben, mich auf etwas konzentrieren oder eben einfach nur Spüren. Alle meine Sinne wahrnehmen und nicht kommunizieren sondern einfach nur Sein. 

Doch auch in Freundschaften und Beziehungen finde ich es immens wichtig, dass man miteinander schweigen kann. Dass Stille nicht verbal angefüllt werden muss, weil sich jemand unwohl fühlt. Viele Menschen versetzt Stille in Unruhe und Unsicherheit und dann fangen sie an, etwas zu sagen, nur um etwas gesagt zu haben. Das finde ich unangenehm. Ich kann das nachvollziehen und habe Verständnis, aber bitte: lerne, die Ruhe auszuhalten und erfreu Dich mal an dem, was Du fühlen kannst, wenn Du nicht sprichst und denkst und mental versuchst, eine Situation zu kontrollieren. Davon abgesehen, dass man sich ja tatsächlich auch ohne Worte verständigen kann, schafft es ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und des Vertrauens, wenn man gemeinsam schweigen kann. Ein einvernehmliches Schweigen ist mindestens so wunderbar wie ein tiefgründiges, offenes Gespräch. Es öffnet einen Raum des Vagen, der Nicht-Definition und somit der Intuition, in dem nicht mehr das Denken und Analysieren und der Geist die Dynamik beherrschen, sondern, wenn wir uns darauf einlassen, der Bauch und das Herz uns sagen, was gerade ist. 

Worte können einen Moment der Besinnlichkeit, der Romantik, des Einsseins, der Innenschau, des So-Seins, der Einsicht, des Sich-Erkennens, komplett zerstören. Wo der Verstand bewertet und die Sprache erklärt und festlegt, lassen uns Stille und Gefühl all unsere Ebenen des Seins erfahren und schaffen unter Umständen eine Intimität, die mit Worten nie zu erreichen ist. Deshalb kann Stille Angst machen. Dabei ist sie gerade in unserer lauten Zeit ein Geschenk. Doch sie wirft uns auch auf uns selbst zurück und plötzlich werden die eigenen Gedanken und Gefühle lauter und das kann als sehr unangenehm empfunden werden. Wer es nicht gewohnt ist, sich selbst zu spüren, hat damit eventuell ein Problem. Worte können auch wunderbar davon ablenken, dass man vielleicht einfach nichts zu einem Thema zu sagen hat. Dass man überfordert ist oder überfragt. Mit Worten lassen sich alle möglichen unschönen Zustände verdecken oder kann man sich ablenken – um sich oder die Andere nicht zu spüren.

Dabei ist Spüren und Fühlen so ein unglaublich schöner Sinn. Und damit meine ich nicht nur den Tastsinn, der unser größtes Organ, die Haut, mit Informationen versorgt. Sondern ich meine die Fähigkeit, zum Beispiel einen Raum zu betreten und die Atmosphäre darin zu spüren. Oder das Phänomen, dass wir es bemerken, wenn hinter uns jemand geht, obwohl wir es nicht hören. Oder die Wahrnehmung der Ausstrahlung einer Person, die mehr umfasst als unser Sehen und Hören. Doch am wichtigsten finde ich es, sich selbst zu spüren und ein Gefühl für das eigene Empfinden zu entwickeln. Die eigene Wahrnehmung zu schulen auf das, was in uns selber vorgeht, wie sich der Körper anfühlt, in welcher Stimmung ich gerade bin und was mich gerade bewegt. Diese Fähigkeit nicht nur auf Achtsamkeitsübungen oder eine Meditation zu beschränken sondern immer wieder im Alltag inne zu halten und sich einen Moment der Stille zu gönnen, ist für mich unverzichtbar.

Leider leben wir in einer lauten und hektischen Zeit in der wir oft der Reizüberflutung und permanenter Information ausgesetzt sind. Wer noch dazu einen stressigen Arbeitsalltag hat, wird es nicht leicht haben, sich öfter mal einen Moment der Ruhe zu gönnen. Und doch glaube ich, dass es möglich ist, wenn man das will. Mein Verdacht ist, dass viele Menschen nicht wollen, weil es anstrengend ist oder sein kann. Weil es vielleicht Langeweile heraufbeschwört oder ein Gefühl der Leere. Und das Handy ist so schön nah und ein perfektes Mittel der Ablenkung. Dann muss ich nicht über mich nachdenken oder fühlen, was ich fühle. Mir ist das nicht fremd, ich kenne das. Der Impuls, der Ruhe zu entfliehen ist mir vertraut und gerade deshalb übe ich mich darin, die Stille auszuhalten. Nicht ständig tun, nicht ständig kommunizieren, sondern mit mir selbst schweigen. Mir selber zuhören. Halten und Anerkennen, was sich dann zeigt. Ob mit oder ohne Gegenüber – das ist eine Kunst und ich glaube, es lohnt sich, sie zu beherrschen. Denn das bringt mich nicht nur mir selbst näher sondern auch der Welt, in der ich lebe. Tiefe Verbundenheit mit mir selbst und dem Leben braucht oft keine Worte sondern Stille. Die Anmut der Seele lässt sich nur fühlen, nicht beschreiben oder herbeireden. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mutige und anmutige Momente der Stille und des Schweigens, auf dass wir spüren, was wir sprechend verpassen würden.

Herzlich, 

Eure Merle

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