Schlechtes Theater

Im Allgemeinen bin ich ja jemand, die an allem oder fast allem etwas Positives oder doch Lehrreiches finden kann. Ich bemühe mich immer, ein „Dafür-war’s-gut!“ zu finden und selbst wenn die Zeiten sehr schwer waren, erinnere ich zum Beispiel auch das Gute, das darin vorkam. Oder wenn ich über etwas enttäuscht bin, weil etwas nicht klappt, kann ich meist recht schnell umschalten und etwas Gutes daraus ziehen. So zum Beispiel letzten Freitag…

Ich war mit meinem Freund im Theater, in den Münchner Kammerspielen in der Premiere des Stücks „Mephisto“, angelehnt an den Roman von Klaus Mann, in dem es um einen karrierebeflissenen Schauspieler und später Intendanten geht, der sich mit den Nationalsozialisten einlässt. Das Stück hat starken Bezug zur Gegenwart, schließlich geht es vor allem um die Frage, was es mit der Kunst bzw. dem Künstler macht, wenn sie sich in einer nicht mehr demokratischen Gesellschaft unter faschistischer Herrschaft an deren Funktionäre verkauft. 

Ich war voller Vorfreude zum Theater gefahren, denn ich war lange nicht mehr dort und war gespannt auf einen Abend kulturellen Vergnügens. Leider währte meine Freude nicht lange, da einzelne Szenen so absurd daher kamen, dass ich sie in ihrer Bedeutung einfach nicht verstand. Es wurde viel geschrien und gebrüllt, es gab seltsame Kopulationsszenen, Tische wurden umgeschmissen, Gläser flogen und über allem schwebte für mich nur die Frage: warum? Was will uns der Künstler damit sagen? Und ist je lauter desto bedeutungsschwangerer? Und ist es wirklich nötig, die Charaktere fast durchweg so albern und überdreht darzustellen? 

Nun, ich bin keine Theaterkritikerin, aber der Applaus zur Pause war bestenfalls höflich und, was mir viel wichtiger war, meine Begleitung war gelangweilt und verstand genauso wenig wie ich von dem ganzen Theater. Also beschlossen wir kurzerhand in der Pause zu gehen. Der Mann an der Garderobe fragte halb besorgt, halb belustigt, ob es uns denn nicht gefallen hätte? Äh, ehrlich gesagt, nein. Und als wir unsere Jacken anzogen kam eine andere Besucherin auf uns zu und fragte, ob wir gehen würden, sie würde interessieren, warum. Ja mei, das Stück war nicht nach unserem Geschmack.

Vielleicht sind wir beide schlicht Banausen, aber die diebische Freude, die uns packte, als wir an den anderen Gästen vorbei hinaus eilten, war unbezahlbar. Ich bin nicht jemand, der schnell aus Veranstaltungen geht, wenn es mir nicht gefällt. Aber mich quälen muss ich auch nicht und die Lautstärke war teilweise derart hoch und das Gebrüll triggerte mich so sehr, dass ich unendlich erleichtert war, dem Abend entfliehen zu können. Und es war herrlich, sich gegenseitig aufzuzählen, was man alles bescheuert fand, welche Szenen wir nicht verstanden hatten und überhaupt einfach festzustellen, dass wir an den selben Stellen das gleiche gedacht hatten.

Das Fazit eines auf den ersten Blick also gescheiterten Abendprogramms war also: es war ganz wunderbar, gemeinsam festzustellen: Nein, das war nix, das tun wir uns nicht an, da gehen wir lieber. Ich habe nach langer Zeit mal wieder die Erfahrung gemacht, wie verbindend es sein kann, wenn man gemeinsam etwas richtig blöd oder schlecht findet und ich muss gestehen, es hat mir große Freude bereitet. Man sollte nicht unterschätzen, wie erheiternd und befreiend es sein kann, sich gemeinsam über etwas aufzuregen oder abzulästern. 

Das also war vor ein paar Tagen und wieder einmal beglückwünschte ich mich für die Fähigkeit, das Gute im nicht so Guten zu sehen. Das ist auch eine wichtige Eigenschaft in der Resilienz, der sogenannten psychischen Widerstandskraft, also dem Vermögen, auch bei Widrigkeiten und Belastungen gut zurecht zu kommen. Ich würde von mir sagen, dass ich in den letzten Jahren viel Gelegenheiten hatte, Resilienz zu üben und sie zu stärken, doch das Stück, dass seit einer Weile auf der Bühne der Weltpolitik gegeben wird, das übersteigt meine Kräfte und ich merke, wie ich zusehends verängstigter und schlechter gelaunt werde, ob der miesen Theateraufführung – aus der ich leider nicht einfach in der Pause gehen kann. 

Ich habe mich seit Wochen davor gescheut, hier etwas zum Weltgeschehen zu schreiben, weil ich nicht Teil der Empörungswelle sein möchte. Ich habe nicht darüber geschrieben, wie sehr mich Trump und seine Lakaien erzürnen, weil ich dachte: wie langweilig, das steht schon überall, das kennt schon jeder. Ich habe nichts zum Nahost-Konflikt gesagt, weil ich mir denke, das können andere tausend Mal besser, nämlich Journalisten. Und ich habe auch nicht wirklich viel zum Rechtsruck in Deutschland und zur bedrohten Demokratie und Freiheit gesagt, weil ich eben keine Investigativjournalistin bin.

Doch inzwischen brennt es mir so unter den Nägeln, dass ich nicht mehr anders kann als zu Schrei(b)en: Habt Ihr sie eigentlich noch alle beisammen? Was fällt Euch ein, unser aller Welt derart nah an den Abgrund zu bringen? – Und das geht an alle Akteure da draußen, die derzeit für Krieg, Konflikte, Unruhen, Ungerechtigkeiten und Umsturz sorgen oder diese unterstützen. Meine Laune ist auf einem neuen Tiefpunkt angelangt und nein, ich kann all dem nichts Positives abgewinnen, auch wenn ich gestern irgendwo gelesen habe, es sei gut, dass das wahre Gesicht Trumps jetzt zum Vorschein kommt, er würde sich jetzt selbst entlarven. Sei’s drum, ich frage mich: habt ihr alle keine Kinder und Enkel? Ist Euch wirklich egal, was aus der Erde wird? Habt Ihr gar keinen Anstand und keine Moral mehr? 

Und nein, ich werde ganz bewusst nicht zwischen den Bösen und den Guten unterscheiden, ich schlage mich hier in keinem Konflikt auf irgendeine Seite, ich habe nämlich von allen Seiten gestrichen die Schnauze voll. Was ich sehe ist, dass jetzt kräftig in Europa aufgerüstet wird, dass Klimaschutz und Soziales den Bach runter gehen werden und dass aller Wahrscheinlichkeit nach die neue Rechte immer mehr an Einfluss in Europa gewinnen wird. Das sind Umstände und Zeiten, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte.

Ich möchte mir nicht die Kraft und die Dynamik des gemeinsamen Lästerns oder Empörens hier zunutze machen. Was im Privaten erheiternd und verbindend sein kann, ist meiner Einschätzung nach auf der gesellschaftspolitischen Ebene eher bedenklich. Mein kleiner Ausbruch ist kein Versuch, Verbündete im „Dagegen-Sein“ zu finden sondern ist Ausdruck meiner Angst und auch Verzweiflung und einer massiv schlechten Laune. Und wie soll man bei all dem gute Laune behalten? Das geht eigentlich nur, indem man immer wieder das Theater der Welt ausblendet und sich auf sein Eigenes und Privates konzentriert. Einen anderen Weg, gesund und stabil zu sein, sehe ich gerade nicht. 

Und das ist auch eine fatale Entwicklung, wenn wir uns alle immer mehr aufs Private zurück ziehen und die Obrigkeiten machen lassen. Wir brauchen eine starke Zivilgesellschaft, wie brauchen eine kritische Masse, die sich mit dem auseinandersetzt, was da passiert. Ich glaube, es ist wichtig, auf die Straße zu gehen und gegen das Ungemach zu demonstrieren und sich gesellschaftlich zu engagieren, damit nicht alles noch schlimmer kommt. Doch was wir vor allem brauchen ist ein offener Diskurs über die Dinge, die da passieren, in Deutschland und auf der Welt. Einen Diskurs, der nicht in Lager aufteilt und die Schlechten von Anfang an identifiziert sondern in dem aufmerksam, interessiert und wertschätzend aufeinander zugegangen wird. Wir brauchen wieder Meinungsbildungsprozesse, in denen man einander zuhört und nicht beschimpft, in denen Sachargumente mehr zählen als Beleidigungen und Diskreditierung. Ich bin auch für eine Brandmauer, aber können wir wirklich ein Fünftel der Wähler*innen ausschließen aus diesem Diskurs und ignorieren? Wäre es nicht sinnvoller, sich mit guten Argumenten auseinanderzusetzen und Überzeugungsarbeit zu leisten? 

Das Theaterstück am Freitag hat eines geschafft – und das spricht für die Schauspieler: ich hatte ein starkes Gefühl der Beklemmung, als ich da saß und versuchte, Sinn aus dem Gesehenen zu machen. Dieses Gefühl der Beklemmung scheint mir symptomatisch für unsere jetzige Zeit, egal mit wem ich spreche. Und ich bin, wie man meinen Worten entnehmen kann, hin und her gerissen zwischen Rückzug und Engagement, zwischen Aufgeben und „Jetzt-erst-recht“. Ich werde beiden Tendenzen in mir Raum geben und versuche es mit der richtigen Dosis, denn die macht bekanntlich das Gift. 

Ich werde weiterhin Nachrichten lesen, aber weniger oft, ich werde mich in einem Verein oder einer Gruppe engagieren, aber nur, soweit meine Gesundheit und Stabilität dies zulassen. Ich werde wohl immer mal wieder hier über aktuelle Entwicklungen oder Geschehnisse schreiben, aber ich werde keinen politischen Blog hieraus machen. Ob mir der Spagat zwischen Ausblenden und Aktivität gelingt, ist ungewiss, ich weiß nur, ich muss gut auf mich aufpassen in diesen Zeiten.

Und das gilt glaube ich für viele Menschen da draußen gerade. Wir müssen gut auf uns aufpassen, auf unsere Innenwelt und unser Wohlbefinden, dass gerade so sehr von den Veränderungen auf der (Welt-) politischen Bühne gebeutelt wird. Die Angst, der Missmut, die schlechte Laune… all das darf sein und darf auch geäußert werden, das ist Teil der Selbstannahme. Aber wir müssen auch wieder raus aus dem Sumpf und uns anderen, erfreulichen Themen widmen. Mehr denn je ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu sein, sich nicht von Zukunftsängsten überrennen zu lassen sondern sich auch Gutes zu tun, die Hoffnung nicht zu verlieren und zu schauen, dass das Gefühl der Ohnmacht nicht die Oberhand gewinnt. Bewegung, Austausch mit Freunden, Hobbies pflegen, in den Wald gehen und laut schreien… was auch immer einem hier gut tut. 

Nein, ich kann wirklich nichts Gutes an diesem Theaterstück der Welt finden und kann mir gerade auch nicht vorstellen, dass ich das retrospektiv finden werde. Aber ich kann mein Fähigkeit zu hoffen und ins Leben zu vertrauen kultivieren und üben, meine Ängste und meine Wut zu regulieren. Etwas anderes bleibt unterm Strich leider nicht. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen in diesen bewegten Zeiten eine gute Resilienz, ein stabiles Umfeld und ganz viel Hoffnung.

Herzlich, Eure Merle

2 Gedanken zu „Schlechtes Theater“

  1. meine erste erfahrung im theater war benjamin brittens „wir machen eine oper“. superwunderschön und auch für kleine kinder, wie ich damals eines war, verständlich und mitreißend. lange suchte ich nach einer aufnahme davon für meine kinder. besser wärs gewesen, es ihnen auf der bühne zu zeigen. beides war nicht verfügbar.
    später war ich in einem theaterring. jeden monat eine vorstellung. den „tannhäuser“ verließen wir wegen meiner rückenschmerzen. in der pause. noch einmal 1,5 stunden hätte ich nicht ausgehalten.
    auch bei „meine schwester und ich“ warteten wir bis zur pause. gar zu albern fanden wir, dass über eine mittfünfzigerin gesungen wurde „mein mädel ist nur eine verkäuferin …“
    beim dritten mal saßen wir in der ersten reihe, z.t. keine zwei meter von den schauspielern entfernt. und beobachteten die albernheit, dass zwei über kreuz fremd gehende paar sich im selben hotel wiederfanden. mir gelang es nicht einmal, bis zur pause zu warten. dass ich beim weg zum ausgang über eine treppenstufe stolperte, mag manchen erfreut haben, störte mich aber nicht. die garderobiere war, nachdem wir sie gefunden hatten, empört über unseren weggang mittendrin.
    mir ist also keine peinlichkeit fremd. was d.t. angeht, ist mir jedoch das fremdschämen abhanden gekommen. er legt es, denke ich, darauf an. und durch die jahrzehnte hindurch kommt ihm nicht auch nur die idee von scham. wenn seine attacken nicht funktionieren, rudert er halt zurück und deutet um. ich wünsche mir politiker in der welt, die ihm widerpart bieten. wie jetzt z.b. dieser kanadische politiker, der sagt: ok, dann gibts eben keinen strom mehr von uns. nur diese sprache wird verstanden. von trump, der seine grenzen aufgezeigt bekommt, und seinen (ehemaligen) anhängern, die zu verstehen beginnen, dass trump nicht das ist, was er zu sein vorgab.

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    1. Vielen Dank, dass Du Deine Gedanken hier teilst! Ja, Theater kann wunderbar sein, es war tatsächlich das erste Mal, dass ich aus einem Stück gehen musste…aber ich werde wieder mal gehen und das beste hoffen! 😊 Was Trump angeht, gebe ich Dir Recht…allerdings fürchte ich, er wird noch sehr viel Gelegenheit haben, sehr viel zu zerstören… wie gerne hätte ich hier Unrecht! Liebe Grüße, Merle

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