Heute gönne ich mir Neid

Neid ist out, Neid ist nicht gut, Neid ist verpönt. Zurecht. Und doch gönne ich mir heute ein bisschen Neid und treibe in dem Gefühl, nicht genug zu sein, nicht richtig zu sein, wo andere viel besser und toller sind als ich. 

Der aktuelle Auslöser ist ein Gespräch mit einer alten Bekannten gewesen, die ich selten spreche, aber hin und wieder eben doch. Dieses Mal hat sie mir mit Begeisterung erzählt, dass sie kürzlich vier Wochen in Neuseeland war und dort auf dem Pazifik auch mit dem Boot rausgefahren ist und Delphine gesehen hat. Ihre genauen Worte waren: „Ich habe Delphine getroffen.“ Und ich dachte: Wow, das muss man erstmal hinkriegen, so einen Touristen-Trip mit dem Boot als persönliches Date mit den Meeresbewohnern zu erklären. Ja, ich gebe es zu, ich bin neidisch. Ich würde auch gerne nach Neuseeland und Delphine live sehen, aber ich habe enorme Flugangst, 16 Stunden im Flieger bekomme ich ganz sicher nicht hin und auch finanziell wäre das für mich nicht drin. Aber immer, wenn mir jemand von tollen oder exotischen Reisen erzählt, schrumpfe ich auf Fingerhutgröße zusammen und denke: ich will auch! Und dann fühle ich mich klein und dumm und denke, was für ein langweiliger Mensch ich doch bin, weil ich nicht so tolle Unternehmungen vorweisen kann.

Warum bin ich wirklich neidisch? Weil ich die Gründe für meine Zurückhaltung bzgl. Reisen nicht ernst genug nehme. Weil ich auch die Freiheit haben möchte, hinzufahren wo ich will und zu machen, was mir Spaß macht. Leider gibt es zig Ängste, die mich davon abhalten und diese Ängste sind so etabliert und ausgebaut, dass es illusorisch wäre zu glauben, ich könne diese mit einer großen Reise in die weite Ferne alle abbauen. Hab ich schon probiert, ist komplett in die Hose gegangen und nicht zur Nachahmung empfohlen. Wie ich inzwischen gelernt habe, gibt es Angsthierarchien, also kleine bis große Ängste und wenn man diese konfrontieren will, fängt man mit den kleinsten an und arbeitet sich dann langsam nach oben auf der Hierarchie vor. Macht auch viel mehr Sinn, weil wenn man mit den großen Ängsten anfängt ist die Gefahr, dass man scheitert viel größer. Dann wird die Angst bestätigt anstatt dass man durch ein Erfolgserlebnis bestärkt wird und das ist kontraproduktiv. Also fange ich mit kleinen Brötchen an und das geht ja auch. Aber es ist eben nicht Neuseeland sondern die Woche am Gardasee. 

Doch jetzt wird es richtig spannend! Neid ist ein fieses Gift. Neid redet einem nämlich auch noch ein, man wolle etwas viel lieber als etwas anderes – nur weil die eine Person das hat. Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner und das Haus vom Nachbarn viel toller. Eigentlich freue ich mich seit Jahren auf eine Woche am Gardasee. Ich muss gar nicht nach Neuseeland. Ich bin mit viel „weniger“ glücklich und wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich die Isar im Sommer auch fantastisch. Ich brauche den Pazifik nicht. Und nein, das rede ich mir jetzt nicht ein, es ist wirklich so, obwohl ich immer noch neidisch bin. Aber warum nur? Weil ich mich vergleiche. Und in diesem Vergleich schneide ich nach irgendwelchen seltsamen Statuskriterien der Gesellschaft schlecht ab. Es muss schon die Flugreise sein. Es muss das Meer sein. Es muss exotisch sein. Mumpitz. Nen Scheiß muss ich. Seitdem ich im Atlantik mit 11 Jahren fast ertrunken bin, habe ich genug vom Meer gesehen, ich liebe Seen und die Isar, ich brauche weder Exotik noch exotische Krankheiten und Kriechtiere und ihr lieben Backpacker und erlauchten Fernreisende: ich finde ein sauberes Bad und Bett in einem schönen Hotel toll! 

Das alles stimmt und ist wahr. Und doch bin ich immer noch neidisch. Weil ich es so toll finde, dass andere Menschen meine Ängste nicht haben und ich mich dämlich fühle, weil ich so viele davon abbekommen habe. Vielleicht überwinden andere ja auch nur ihre Ängste leichter als ich, ich weiß es nicht. Feststeht, dass es eine Armada von Menschen gibt, die jährlich fantastische Urlaubsreisen machen bei denen sich mir die Nackenhaare kräuseln. Safaris in Afrika, Segelturn in der Karibik, Rucksacktour durch Indien… jahaaa, wie genial wäre das denn?

Nur eben nicht für mich. Und ich frage mich, ob ich am Ende meines Lebens bereuen werde, dass ich so wenig gesehen habe. Also sooo wenig war es jetzt auch nicht, aber im Vergleich eben doch. Ha! Da ist es wieder, das böse Wort: Vergleich.

Neid entsteht durch Vergleichen und durch ein zu gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl in dem betreffenden Bereich. Ich könnte auch ganz selbstbewusst mit meinen Einschränkungen umgehen und stolz darauf sein, was ich bisher schon alles geschafft habe. Daran arbeite ich noch. Ich hoffe, ich muss nicht doch noch nach Indien reisen, bevor ich mir selber sagen kann: und jetzt ist es gut. 

Neid ist nicht nur unschön, weil man sich damit wenig über das Glück des Anderen freuen kann. Neid ist vor allem ein toxisches Gefühl, dass das eigene Herz vor einem selbst verschließt. Ich möchte etwas haben oder können, dass der andere kann oder hat und weil das nicht möglich ist, auch welchen Gründen auch immer, bin ich die Dumme. Es gibt auch den Neid, bei dem sich der neidische als größer und besser erlebt, aber die Variante ist mir fremd, bei mir ist es doch eher das klein werden und sich klein fühlen. Im Unterschied zu den Menschen, die sich von Außen benachteiligt fühlen, weil andere mehr haben oder können, gehe ich automatisch immer davon aus, dass mit mir was nicht stimmt. Was es auch nicht besser macht. Das Gefühl von Schmerz und Mangel bleibt, egal ob ich den Verursacher davon im Außen oder Innen erlebe. 

Neid ist in gewisser Weise ein sehr unreifes Gefühl, weil es Individuen vergleicht, wo vergleiche nicht angemessen sind. Und weil es zur Reife eines Erwachsenen dazu gehört, die eigenen Grenzen und Begrenzungen zu erkennen und zu akzeptieren. Da fällt mir eine Geschichte ein, die mir ein früherer Therapeut mal erzählte: er hatte einen Kollegen, der sich als Psychologie-Professor habilitiert hatte und der dann auch tatsächlich eine Professur bekam. Doch als er sie hatte, musste er feststellen, dass das Reden vor vielen Menschen für ihn anhaltend quälend war und einfach nicht leichter für ihn wurde. Also gab er die Stelle auf und wurde in einem anderen beruflichen Bereich glücklich, wo er keine Vorträge halten musste. 

Es gibt Dinge, die wir in diesem Leben nicht (mehr) erreichen werden, aus welchen Gründen auch immer. Das hin- und anzunehmen ist eine Kröte, die man schlucken muss. Und das kann bisweilen ganz schön weh tun. Etwas nicht zu können oder nicht zu besitzen, was man sich ganz lange erträumt hat und davon dann loszulassen, ist hart. Aber es ist allemal besser als grün vor Neid durchs Leben zu gehen und bei jeder Gelegenheit die sich bietet stinkig zu sein. Das Schöne ist ja, dass wir alle unterschiedlich sind, unterschiedliche Fähigkeiten und Talente haben und dass es nicht darauf ankommt, dass wir alle ein Haus, ein Auto und eine Weltreise vorweisen können sondern dass es darauf ankommt, uns selbst anzunehmen und so weit wie möglich authentisch zu leben. Man darf mit sich ins Reine kommen, auch wenn man sich nicht alle Träume erfüllt hat und nicht jede Gelegenheit für ein Abenteuer genutzt hat. Jede Erfahrung ist wichtig, ob es jetzt die bei der Meditation im eigenen Wohnzimmer ist oder die, einem Elefanten in freier Wildbahn begegnet zu sein. Wer will das werten oder bewerten? 

Ja, ich möchte gerne freier leben und noch mehr von der Welt sehen. Aber Europa ist auch wunderschön und das traue ich mir zu. Dass mein Leben nicht von Abenteuern und besonderen Erlebnissen in weiter Ferne strotzt wie bei manch anderen, wird mir vielleicht immer einen kleinen Stich versetzen, aber am Ende des Tages bin ich unendlich dankbar, für das, was ich habe und bin. Und diese Erkenntnis ist Gold wert. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch Zufriedenheit und Glücksmomente, mit dem, was ihr habt und wer ihr seid!

Herzlich, Eure Merle

2 Gedanken zu „Heute gönne ich mir Neid“

  1. ich denke, der wahre sinn des lebens besteht darin, mit sich selbst in einklang zu kommen. es spielt keine rolle, was andere tun oder haben, solange das eigene leben in bahnen läuft, mit denen wir zufrieden sind.
    ich weiß nicht, warum du in deinen blogs so oft mit dir selbst haderst. es spielt doch keine rolle, wie oft, lange oder weit du in urlaub fährst. ich selbst war auch nie außerhalb europas und dennoch habe ich in meiner kindheit die ungarische lebensart und viele nette menschen kennengelernt (sogar teile der sprache gelernt), bin später an der algarve und am mittelmeer gewesen, habe die norwegischen fjorde und das bernsteinzimmer gesehen.
    und bei all dem fühlte ich mich froh und zufrieden.
    für meine urgroßeltern war ein ausflug in die nächstgrößere stadt schon das große abenteuer. für ihre töchter, meine großmutter und ihre schwester, war es das große abenteuer, in der stadt als hauspersonal zu arbeiten und die handarbeit so perfekt gelernt zu haben, dass sie sich kleidung nach ihren wünschen selbst per hand nähen und zuweilen ausgehen konnten.
    manchmal, glaube ich, wünschen wir uns heute zu viel, vergleichen zu oft mit anderen, die ganz andere lebensvoraussetzungen und ziele haben. und obwohl es uns besser geht als jeder generation zuvor, ist nie etwas genug.
    DARAN müssen wir arbeiten, nicht an uns selbst. weil wir sind, wer und was wir sind.

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    1. Danke für Deinen Kommentar! Das ist eine schöne Perspektive auf das Thema Reisen. Ich weiß nicht, ob ich hadere, ich stelle einfach mich und das Leben und die Welt gern mal in Frage und schreibe über zB Gefühle, die jeder von uns wahrscheinlich kennt. Reisen war für mich immer ein großes Thema und ich habe aufgrund meiner Biographie leider noch nicht viele fremde Länder gesehen…hast Du keine Träume? Bist Du rundum zufrieden mit Dir? Ich arbeite noch dran und deshalb schreibe ich u.a. auch….auch weil ich glaube, dass es vielen ähnlich geht…. liebe Grüße!

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