Verbinde Dich!

….sagte neulich eine Freundin zu mir. Was sie meinte, war, dass wir, wenn wir in einem Verein sind oder einer Partei oder in irgendeiner organisierten Gruppe, dass wir dann ein Netzwerk aufbauen können, das uns in verschiedenen Momenten im Leben helfen kann. Und dass wir, wenn wir eingebettet sind in einer Gruppe, uns vernetzt und mit der Welt verbunden fühlen. Und sich verbunden zu fühlen, ist ein sehr schönes und unterstützendes Gefühl.

Ich dachte eine Weile über ihren Hinweis nach und bin, wie meistens bei dem Thema, zu dem Schluss gekommen, dass ich keine gute Netzwerkerin bin. Mich machen Gruppen jedweder Art skeptisch und ich bin auch in sozialen Kontakten eher der eins zu eins Mensch. Ich finde es oft anstrengend, mich auf verschiedene Menschen gleichzeitig einzulassen, wenn man sich zu mehreren trifft und ich erinnere mich mit Wehmut an meinen 50. Geburtstag, zu dem ich meine Freunde und Freundinnen eingeladen hatte – es blieb wie immer in solchen Situationen zu wenig Raum und Zeit, sich mit allen ausführlich zu unterhalten. Und das verursachte bei mir ein schales Gefühl am Ende des Tages. Die Vorstellung mich regelmäßig in einer Partei oder einem Verein oder irgendeiner NGO mit vielen Leuten zu treffen, löst bei mir Stress aus. Und ich habe es probiert, so ist es nicht.

Natürlich hat Netzwerken Vorteile und ist manchmal unerlässlich. Würde ich zum Beispiel versuchen, einen Fuß in die Tür des Kunstmarktes zu bekommen, müsste ich mich definitiv vernetzen und zusehen, so viele Kontakte wie möglich zu knüpfen. Das kann einen weiter bringen – aber schon allein der Gedanke ist mir zu utilitaristisch, da steige ich aus.

Jedoch, mit der Welt verbunden zu sein und das zu spüren ist immens wichtig. Wie stellen wir das an, wenn wir mal davon ausgehen, dass wir keine Organisation dazu benötigen? 

Nach Stephen Porges‘ Polyvagaltheorie haben wir einen Nerv, den sogenannten ventralen Vagusnerv, der uns bei Aktivierung ermöglicht, in die Verbundenheit zu gehen, Kontakt zu spüren und soziale Interaktion zu leben. (vgl. Wikipedia-Eintrag „Polyvagal-Theorie“ vom 26.11.2025) Er macht uns empfänglich für Empathie und aktiviert die Saiten (sic!) in uns, die uns zu sozialen Wesen machen. Dieser Nerv kann durch bestimmte Körperübungen und Berührungen aktiviert werden, aber auch durch das Sein in der Natur, durch Musik, durch Co-Regulation durch ein Gegenüber und anderes mehr. Die Theorie ist in der Wissenschaft nicht unumstritten – aber egal, ob wir an die Existenz des Nervs glauben oder nicht – es bleibt ein Fakt, dass der Mensch Verbundenheit und Kontakt braucht. Oder zumindest die meisten Menschen, sehen wir einmal von Einsiedlern oder spirituell erfüllten Menschen ab, die sich mit dem Göttlichen verbinden, und so eine andere Art der Verbundenheit spüren – oder gänzlich „asoziale“ Wesen sind, die der Menschheit aus innerpsychischen Gründen den Rücken zugekehrt haben.

Wenn ich mich unverbunden fühle oder im oberen Stressbereich bin, lege ich gerne die Hand auf mein Herz. Spüre meinen Herzschlag und beruhige mich, lausche dem Rhythmus der für mich wie ein Grundrhythmus des Lebens ist, sozusagen eine innere Musik, die den Takt des Seins vorgibt. Und wenn ich meine Hände etwas höher auf meine Brust lege, dann habe ich manchmal wirklich das Gefühl, da sitzt eine Art Verbindungszentrum. Doch es muss nicht das Herz sein. Jede beliebige Stelle des Körpers kann alle möglichen angenehmen (und unangenehmen) Empfindungen beherbergen, und wenn es Lebensfreude im großen Zeh ist. 

Aber ich glaube, dass das Herz nicht durch Zufall das Symbol für Verbindung und Liebe ist. Ich glaube, dass dieses zentrale Organ unseres Lebens, der Motor unserer Lebenskraft – neben dem Atem, der die Grundmelodie bildet – ein Tor zu unserem verbundenen Sein sein kann. Heute weiß man (oder glaubt zu wissen?), dass unsere Gefühle im Gehirn generiert werden, doch der Zusammenhang zum Herzen ist unübersehbar, wenn wir uns beispielsweise Stress ansehen, der den Herzschlag beschleunigt. 

Besonders augenfällig finde ich immer die Rolle des Herzens, wenn es darum geht, Dinge in der Welt zu verstehen, die wir mit dem Verstand nicht so gut erfassen können. Es gibt eine Ebene von Gefühlen und Verhalten, die wir ohne unser Herz zu öffnen eigentlich nicht nachvollziehen können. Sehr schön demonstriert mir das gelegentlich meine Katze. Sie ist alt und wird dement und ist daher teilweise – scheinbar ohne Grund – furchtbar laut und quengelig. Im normalen Alltagszustand werde ich dann gerne ungeduldig oder ärgerlich. Verstehe ihr Gejaule nicht und bin genervt. Gehe ich aber in mein Herz, spüre ich ihre Not, empfinde Verständnis ohne genau zu verstehen und kann mich ihr geduldig widmen – weil ich mich ihr verbunden fühle.

Verbindung hat aber auf ihrer Kehrseite auch etwas beengendes, bindendes, nicht nur positiv haltendes sondern auch unangenehm festhaltendes. Es braucht eine gute Selbstbeobachtung und ein Feingefühl für uns selbst um zu erkennen, wieviel Verbindung wir brauchen oder wollen und ab wann uns etwas zu viel wird. Das ist individuell sehr unterschiedlich und während manche Menschen eben in einer Organisation mit vielen Kontakten aufgehen, finden andere, dass ihre Verbindung zu der großen alten Eiche im Park schon genug ist. Um das ganze auf eine extreme Spitze zu treiben.

Wir sind eben Vielpolig und alles hat seine Zeit. Die Orientierung nach außen kann abgelöst werden von einer Zeit der Innenschau und Abgeschiedenheit, bis wir uns wieder nach Kontakt und Verbundenheit sehnen. Dann in der glücklichen Lage zu sein, jemanden in der Nähe zu haben, der da ist und uns dies gibt, ist dann ein großes Geschenk. 

Ich gehöre definitiv zu den Menschen, deren Wunsch nach Verbindung wechselt und die genauso viel Raum für sich braucht wie für soziale Interaktion. Da das bei mir eher unbeständig ist und keinem festen Muster folgt, wüsste ich gar nicht, wie ich in einem Verein mit regelmäßigen Treffen und Aufgaben in der Gemeinschaft bestehen sollte. Diese Form der Verpflichtung würde mich glaube ich wahnsinnig machen. Nein, ich bleibe lieber bei meinen eins zu eins – Beziehungen, da fühle ich mich wohl, da kenne ich mich aus.

Vielleicht fehlt mir auch einfach die Nische in meinem Herzen, die mich die allgemeine Liebe zur Menschheit spüren lässt. Vielleicht braucht es dafür noch mehr Psychohygiene und den Willen, der Gemeinschaft etwas zurück zu geben von dem, was ich empfange. Diesen Gedanken bewege ich gerade in mir und bin gespannt, wo er mich hinführt. So frage ich mich zum Beispiel, welchen Einfluss meine frühen negativen Erfahrungen mit Gruppen auf mein heutiges Erleben von Gruppen haben. Der Schluss liegt nahe, dass die ersten schmerzhaften Berührungen mit Gruppen (Kindergarten, Grundschule) nicht gerade förderlich waren für ein Wohlfühlen inmitten mehrerer Menschen.

Aber, das ist in Ordnung, das darf sein und nicht Jeder muss sich im Verbund engagieren um einen Beitrag zum Ganzen zu leisten. Davon bin ich überzeugt. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Gespür für unsere Verbindungs-Bedürfnisse – womit wir wieder beim Fühlen wären – und die Befähigung, sie zu erfüllen.

Herzlichst, Merle

2 Gedanken zu „Verbinde Dich!“

  1. auch wenn ich deine skepsis teile, sind mir deine ausführungen dazu einen mächtigen hauch zu esoterisch. ich nehme ganz praktisch wahr, dass die heutige form des netzwerkens viele von einem großteil der informationen abspaltet. sie bewegen sich oft – auch in ermangelung von zeit oder aus bequemlichkeit – nurmehr in ihrem netzwerk und merken dabei gar nicht, dass sie dem viel gescholtenen blasendenken anheim fallen. sprich: alle, die anders sind und denken als die menschen in meinem netzwerk sind dumm, uneinsichtig und gehen die dinge falsch an. ich halte mich da gerne offen.
    neulich schrieb mir eine kommentatorin auf eines meiner blogs: mein „geballtes wissen“ sei erstaunlich. ich hatte mich aber lediglich informiert (was ich bei umfänglicheren blogs stets tue). und die infos waren frei verfügbar und ohne große probleme zu erlangen. aber offensichtlich kam die kommentatorin aus ihrer eigenen blase halt nicht raus, wo man zu diesem thema alles und jeden in zweifel zieht.
    genau das passiert sehr leicht beim netzwerken, denn nur wenige folgen nicht dem drang, sich von dem einen zum anderen weiter leiten zu lassen, ohne sich darüber klar zu sein, dass viele kleine netze innerhalb der blase verankert sind.

    du verstehst, was ich meine?

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    1. Dem esoterischen Hauch stimme ich nicht zu, da ich eigentlich von Körperempfindungen, Übungen und Gefühlen spreche, nicht von spirituellen oder übernatürlichen Geheimlehren…. Ansonsten kann ich Deiner Rückmeldung gut folgen und würde dem in weiten Teilen zustimmen. Bei Gruppen entsteht einfach schnell eine WIR und Die ANDEREN- Dynamik und in der Konsequenz ein „ ich weiß es besser“ … auch gefährlich unter Umständen ….
      So oder so jedenfalls lieben Dank für Deinen Kommentar!

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