Der Weg den wir gehen…

… ist meistens nicht so schnurgerade wie auf dem Bild. In der Regel sind unsere Lebenswege mit Kurven und Abzweigungen versehen, es geht mal auf, mal ab und ab und an unter die Erde und dann wieder in schwindlige Höhen. Gemeiner Weise sind Lebenswege nicht so gut ausgeschildert wie das deutsche Straßennetz. Und es gibt Steilpässe mit krassen Steilhängen auf einer oder beiden Seiten. Außerdem gibt es keinen Winterstreudienst und wenn nach einem Unwetter ein Baum über den metaphorischen Weg gefallen ist, müssen wir uns in der Regel selbst darum kümmern, wie wir dieses Hindernis überwinden. Das Leben ist, man muss es sagen, eine Zumutung. Manchmal. Immer wieder mal. Für manche seltener, für andere öfter…

Wir sind auf diesen Wegen nicht allein, Himmel sei Dank. Wir Reisen zum Teil in Gruppen, oft in Gesellschaft und eher selten ganz alleine. Und jeder hat sein Gepäck dabei, zumindest ist mir noch kein Mensch ohne begegnet. Doch so schön es ist, dass wir viele Abschnitte der Reise mit anderen teilen dürfen, so nervig, verletzend oder verstörend kann das auch sein. Und viele Zumutungen entstehen durch die anderen Wanderer oder Mitreisende. Ich muss gerade an die Müllberge im Mount Everest denken. Manche erledigen auch ihre Notdurft direkt vor dem eigenen Zelt, wieder andere streiten sich ständig um die Richtung und ganz andere gleichen der betrunken grölenden Kegeltruppe im überfüllten ICE von München nach Berlin. 

Wir sind nicht allein, das ist gut, aber es ist auch eine Tatsache, dass unsere Wege ganz entscheidend von den anderen Touristen auf diesem Planeten mit gestaltet werden: Nachbarn, Kollegen, Lehrer, Chefs, Lebensgefährt*innen, Vermieter, Finanzbeamte und so weiter und so fort. Wir können oft nicht wie wir wollen. Das ist im Falle krimineller Energien gut, in anderen Situationen möchte man sein Gegenüber auf den Mond schießen, aber das wäre manchmal auch Weltraumverschmutzung, also lässt man es lieber bleiben.

Unsere Leben sind voll von Abhängigkeiten, Verbindungen, Erwartungen, Vorstellungen und Wünschen und Plänen…. Ich denke an meine letzte, unfassbar schnuckelige Wohnung, in der ich 15 Jahre wohnen durfte und dann starb die alte Dame, der das Haus gehörte und der Sohn verkaufte das Anwesen an eine Immobilienfirma die schnurstracks eine Luxussanierung durchführte und mich somit zum Umzug zwang. Ich hatte gedacht, noch lange in der Wohnung bleiben zu können… mein ganzes Netz an Anlaufstellen war in der Nähe, ich liebte das Viertel, ich konnte mir einen Wegzug gar nicht vorstellen. Ich denke an Vorgesetzte, die mir meine Arbeit gründlich versalzten, an Partner, die eine Beziehung mit mir beendeten, an Lehrer, die meine Kurs- und Studienwahl deutlich beeinflussten….

Wir können noch so sehr im Hier und Jetzt leben und bei uns selbst bleiben… wir können nicht umhin, beeinflusst und geprägt zu werden und oft genug werden wir so vor Entscheidungen gestellt, die wir gar nicht treffen wollen oder, noch schlimmer, andere nehmen uns die Entscheidung ab, wie meine damaligen Vermieter. 

Um wieder auf die Metapher des Wegenetzes und der Reise zurück zu kommen: Manchmal ist das Leben oder unsere Mitmenschen so zu uns, als würde uns der Zollbeamte an der Grenze plötzlich eine völlig neue Landkarte geben für das Gebiet, durch das wir gerade gehen. Wir hatten gerade angefangen, uns auszukennen und heimisch zu fühlen – da kommt einer und sagt: nö. Da vorne geht’s nicht nach Himmelsdorf sondern nach Dingenskirchen und der Fluss muss auch überquert werden – hat leider noch keine Brücke – und die klimatischen Bedingungen haben sich auch geändert, Du brauchst Schneeketten. Dabei war ich doch froh, an den Sonnenschutz gedacht zu haben. 

Ich weiß tatsächlich nicht, ob es möglich ist, ein Leben zu leben, ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Also, wenn man kein Zen-Meister oder ähnliches ist. Gefällt uns was, wünschen wir uns unweigerlich, es möge immer so weiter gehen. Quält uns was, hoffen wir, dass es bald aufhört. Und schwupps bin ich nicht mehr im Hier und Jetzt. Vielleicht ist das tatsächlich der Ursprung des Leidens, aber wer schonmal richtig heftige Schmerzen hatte (Zahn, Kopf, Herz, Seele), der kann glaube ich bestätigen, dass in solchen Momenten eine Buddha-Haltung mit absoluter Präsenz im Moment echt schwierig ist. Und, noch so eine Zumutung, das Leben ist voll von Schmerzen. Da hat man sich Blasen gelaufen, den Fuß verstaucht, einen Sonnenbrand, den Weg verloren, das Ziel verloren, den Sinn verloren…. 

Wir werden also immer wieder, ob wir wollen oder nicht, auf uns selbst zurück geworfen. Was wir brauchen in solchen krisenhaften Situationen sind ein paar Eigenschaften, die uns immens helfen, den neuen Weg zu finden und ihn auch mit Mut und Zuversicht weiter zu gehen.

Wir brauchen zunächst einen guten inneren Kompass. Die Intuition, die uns sagt, in welche Himmelsrichtung wir weiter gehen wollen. Wir brauchen eine gute Selbsteinschätzung, damit wir wissen, wieviel Proviant wir brauchen und wie lange unsere Mittel reichen. Aber am allerwichtigsten ist eine gewisse Biegsamkeit oder Flexibilität. So wie der gut verwurzelte, starke Baum oder der Bambus sich im Sturm biegen, damit sie nicht brechen und dennoch stehen bleiben… so dürfen wir unseren Geist und unsere Emotionen schulen. 

Ich persönlich tue mich übrigens sehr schwer, Stadtpläne zu lesen, oder gar Landkarten mit Autobahnnetzen… ich bin ein ziemlicher Orientierungsdödel und komme aber trotzdem, bis jetzt, immer ans Ziel. Was mir dabei hilft, ist das Werkzeug, mit der Angst des Verlorenseins umzugehen sowie ein gutes Bauchgefühl und meine Willenskraft. Ich habe leider schon einige wunderschöne Äste verloren, weil ich im Sturm nicht flexibel genug war. Ich tue mich schwer, mich an Veränderungen anzupassen, soll das heißen. Aber ich habe einen starken Willen, der mich erdet und der mir ermöglicht weiter zu gehen und der dafür gesorgt hat, dass es mich in der Vergangenheit nicht gänzlich entwurzelt hat. Manchmal bleibe ich lange an einem Ort um zu erkunden, wie es um mich steht und herauszufinden, wie und wohin es weiter gehen soll. Aber weiter gegangen bin ich bisher immer. Bisweilen habe ich mir dafür auch Krücken oder Reiseführer als Hilfsmittel besorgt… auch das ist erlaubt und kann eine wichtige Erfahrung sein.

Der Weg den wir gehen. Er ist voller Überraschungen, Gefahren, Freude und Anmut. Nur manchmal wünschte ich mir, ich könnte aufhören, mich auf den Urlaub im nächsten Jahr zu freuen. Nicht der schönen Aussicht um die nächste Biegung entgegen fiebern sondern einfach nur genießen, was jetzt gerade da ist. Denn ob das kommt, worauf wir uns freuen, ob sich unsere Pläne, Träume und Wünsche erfüllen, das weiß niemand. Morgen kann alles ganz anders sein und anstatt am Ufer des sonnigen Gardasees findest Du Dich in einer steinigen Mondlandschaft wieder und denkst: what the fuck? 

Wie schulen wir unseren Geist in der Biegsamkeit? Durch das Erlernen und Üben des Nichtbewertens. Was??? Ich soll nicht bewerten, dass ich statt der tollen Aussicht jetzt einen Müllhaufen vor der Nase habe? Ja. Genau das. Ich bin auch noch keine Meisterin darin. Doch je mehr ich meine Gefühle wertfrei beobachten kann, umso leichter wird’s mit der Reise. Und irgendwann, davon bin ich überzeugt, stinkt auch der Müllhaufen nicht mehr so arg und sehe ich eher die wunderbaren, zarten Pflänzchen, die sich durch den Asphalt und den Morast doch ihren Platz erkämpfen und ans Licht drängen. 

Mit der Innenwelt ist es etwas anders gelagert als bei der Außenwelt: in letzterer macht es bisweilen Sinn, gegen die bestehenden Verhältnisse aufzubegehren. Das macht innerpsychisch wenig Sinn. Hier hilft am besten im ersten Schritt radikale Akzeptanz, Geduld und Humor. In den nächsten Schritten können wir versuchen, durch Mitgefühl mit uns selbst, Übung und Disziplin Dinge zu ändern, indem wir sie anschauen, annehmen und den inneren Beobachter und unseren Gleichmut stärken und pflegen. Gedanken ziehen vorrüber, wenn wir uns nicht in sie verbeißen und Gefühle klingen ab, nachdem sie da sein durften und gewürdigt wurden. 

Was mir außerdem hilft ist mein Glaube, dass wir hier sind um zu wachsen und zu lernen. Erfahrungen zu machen und die Welt zu erleben, mit all ihren Facetten. Manchmal denke ich, dass wir immer wieder in neue Landschaften gesetzt werden, damit wir nicht irgendwann anfangen, im Kreis zu gehen oder nur in bereits ausgetrampelten Pfaden zu laufen… 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten inneren Kompass und schöne Reiseerfahrungen, wo auch immer sie uns hinführen mögen…


Herzlich, Merle

4 Gedanken zu „Der Weg den wir gehen…“

  1. PS Das mit dem Nicht-bewerten war für mich wie Sieben-Meilen-Stiefel anziehen auf meinem Weg. Und das zweite „Aha“ war die Begegnung und Akzeptanz meiner Schatten. Da wurde der Weg schon etwas gerader. Walk tall! (Lied von Canonball Adderley). Einen gesegneten 2. Advent wünscht Dir Pettersson 🐑

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