Ich bin nicht Dein Schätzchen!

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Ein Gutes haben die Corona-Maßnahmen (oder hätten, wenn sich alle dran halten würden): wir sind angehalten, Abstand zu wahren. Juhuuu! Das kommt meinem Bedürfnis nach Distanz in der Öffentlichkeit sehr zupass. Ich mag es nicht, wenn Fremde sich in meinem Feld bewegen. Es gibt so etwas wie einen natürlichen Abstand, den sensible Menschen von Haus aus einhalten, wenn sie einer unbekannten Person gegenüber stehen. Leider hat nicht jeder diese Feinfühligkeit – aber dank Corona sind es immerhin mehr Leute als sonst, die mir nicht auf die Pelle rücken.

Heute allerdings hatte ich eine Begegnung der anderen Art. Ich bin mit meiner Katze Fee zum Tierarzt, nichts akutes, nur ein Check-up, weil sie immerhin jetzt 13 Jahre alt ist und da wollte ich sie mal angucken lassen. Wir kommen also an, ich setze mich ins Wartezimmer und nehme den Rucksack, der an drei Seiten ein durchsichtiges Netz hat, auf meinen Schoß. Als erstes fällt mir auf, dass die beiden bereits wartenden Frauen keine Maske tragen. Ich frage in den Raum, ob wir auf die Masken wirklich verzichten wollen, da nicken beide und meinen, wir hätten ja genug Abstand. Gut, denke ich mir, es stimmt, wir sitzen mit einigem Abstand im Warteraum, also will ich mal nicht meckern.

Als nächstes bemerke ich, dass die beiden Damen sehr redselig sind, wobei eine davon besonders mitteilsam ist. Sie beginnt sofort auf meine Katze einzureden, die bekümmert in ihrem Rucksack kauert und im Sekundentakt laute, lang gezogene Klagelaute von sich gibt. Ich versuche von Fee abzulenken und spreche sie auf ihre Katze an, die in der offenen Transportbox sitzt und aussieht, als hätte sie die Augen geschlossen und wäre völlig erschöpft. Ich sage zur Besitzerin: „Na, da geht es jemandem aber nicht gut, was?“ Und bekomme zur Antwort: „Der hat keine Augen, Schätzchen!“ Bitte??!! „Schätzchen“? Wie ist die denn drauf? Also, bevor mich jemand Schätzchen nennen darf, muss er männlich sein und ich in ihn verliebt und selbst dann hätte ich noch Einwände… Ich muss jedenfalls ziemlich konsterniert geguckt haben, doch das nimmt die Dame offenbar nicht wahr – nein, stattdessen steht sie auf und hängt ihre Gesicht ca. 30 Zentimeter von meinem entfernt an ein Sichtfenster des Rucksacks und quatscht weiter auf meine Katze ein. Ich halte wütend die Luft an und denke, sie geht bestimmt gleich wieder, aber nein, sie muss jetzt zum anderen Sichtfenster, weil da der Kopf von Fee ist und da muss sie noch mehr Nonsens von sich geben. Jetzt platzt mir der Kragen und ich sage deutlich genervt: „Bitte gehen sie nicht so nah hin, meine Katze hat’s nicht so mit Fremden, das macht es nur schlimmer!“ Was ich eigentlich hatte sagen wollen, war: „Du dumme Kuh! Was fällt Dir ein in Zeiten von Corona Deinen Rüssel in mein Gesicht zu hängen?!“ Leider fehlte mir dazu der Mut. Ich bin unendlich froh, dass sie gleich drauf zum Tierarzt hinein gerufen wird, denn die Anspannung im Wartezimmer wurde schnell sehr unangenehm.

Was ist das nur bei Leuten, die penetrant übergriffig sind und so gar kein Gespür für Takt und Höflichkeit haben? Vor einiger Zeit war mir ja schonmal ein älterer Herr quasi in den Schoß gekrochen, weil zu meinen Füßen der Hund meiner Freundin saß. Den musste er unbedingt kraulen und kam mir dabei so nahe, als wären wir seit Jahren auf Du und Du. Ich fasse so etwas nicht und bin leider je nach Tagesverfassung auch sehr langsam in der Reaktion oder gleich gelähmt. Aber eigentlich finde ich, dass solch ein natürliche Grenzen ignorierendes Verhalten sofort beanstandet werden muss, undzwar unmissverständlich! Das gemeine ist ja, dass ich mir unhöflich vorkomme, wenn ich so einen Übergriff kritisiere, dabei verhält es sich ja gerade umgekehrt. Jedenfalls nehme ich mir vor, mich auch nach Corona (wann auch immer das sein wird) zu beschweren, wenn mir jemand zu nahe kommt.

Übungsfelder gibt es ja leider genug: sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, an der Supermarktkasse (wie oft hab ich nicht schon fast den Atem des hinter mir Stehenden im Genick gespürt), in der Apotheke (wo mich tatsächlich mein Hintermann mal auf das mir verschriebene Medikament ansprach, er hätte das auch gern), am Bankautomaten (soll ich Ihnen meine PIN gleich aufschreiben?) oder, besonders appetitlich: im Freibad oder am Flussufer. Da gibt es auch immer wieder so Knallchargen, die dem Herdentrieb folgen müssen und sich möglichst nah an einen ranwanzen, anstatt sich ein entfernteres Plätzchen zu suchen oder Ignoranten, die auf dem Weg zu ihrem Handtuch ohne Not einfach über das meinige drüber latschen. Alles schon erlebt und viel zu selten was gesagt.

Man könnte jetzt natürlich sagen: ach, mach Dir doch nicht das Leben schwer, entspann Dich mal und stress Dich nicht wegen solcher Lapalien. Aber das ist genau die Argumentation all jener, die rücksichtslos durchs Leben gehen und eine Grenze nach der anderen verletzen. Es ist in uns Menschen übrigens angelegt, dass wir wütend werden, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Und es ist nicht gesund, Wut immer runter zu schlucken. Also sollte man sie äußern. Ich muss ja dem Delinquenten nicht meinerseits zu nahe treten oder handgreiflich werden, aber eine deutliche Aufforderung zur Abstandswahrung oder eine bissige Beschwerde dürfen schon sein. Denn es lässt sich weitaus entspannter leben, wenn man für seine Bedürfnisse und Grenzen einsteht und ein deutliches Stop setzt, wo diese mit Füssen getreten werden. Achtsam sein und in sich ruhen, heißt genau das: ich nehme mich selbst wahr und handle entsprechend – nicht, ich lass mir alles gefallen und drück ständig ein Auge zu.

Nun, meine Katze und ich waren also gründlich bedient, als wir den Tierarzt verließen. Wobei ich wieder einmal sehr froh über das gute Handling des Arztes mit dem Tier war und ich war es ja auch nicht, bei der auch noch Fieber gemessen wurde… welch eine Zumutung für die Kleine – sie hat definitiv mehr gelitten als ich!

Für mich gab’s noch als Bonus einen sehr freundlichen U-Bahnfahrer, der sich mehrfach für eine Verspätung wegen eines Notarzteinsatzes entschuldigte und allen Fahrgästen einen angenehmen Tag wünschte… das brachte mich wieder zum Lächeln.

Und damit die Fee auch noch was Schönes vom Tag hat, werd ich jetzt ausgiebig mit ihr Kuscheln, sie hat sich eben schon beschwert, dass meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm statt auf sie gerichtet ist…

Euch wünsche ich eine gute Restwoche und immer den passenden Spruch auf der Zunge! 😉

Herzlich, Eure Merle

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