Ja, ich bin eitel…

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Eitelkeit ist ein seltsames Ding. Ich habe den Eindruck, dass keiner gern als eitel bezeichnet wird und doch glaube ich, dass die meisten von uns eitel sind – bis zu einem gewissen Grad, die einen mehr, die anderen weniger. Da ich mich bisher wenig mit Eitelkeit beschäftigt habe, bin ich auf Wikipedia gegangen und habe folgende schöne Definition gefunden:

„Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.“ (Wikipedia vom 9.10.20) Die „übertriebene Sorge“ hat mich überrascht, nach meinem Gefühl könnte man das „übertrieben“ weglassen, aber da handelt es sich um Nuancen – das Prinzip ist jedoch klar.

Ich selbst würde mich durchaus als eitel bezeichnen. Bevor ich das Haus verlasse, müssen die langen Haare gut aussehen, ich trage Schmuck, schminke mich bisweilen, trage öfter Kontaktlinsen und achte auf meine Kleidung. Außerdem bin ich darauf bedacht, eine angenehme Gesprächspartnerin zu sein und bin stolz auf meine Intelligenz. Es ist mir wichtig, von anderen positiv gesehen zu werden und nicht peinlich zu wirken. Besonders letzteres ist von großer Bedeutung für mich, speziell, wenn ich jemanden neu kennenlerne. Das macht es mitunter anstrengend und keine lockere Angelegenheit, jemand Fremdes zu treffen, aber da kann ich nicht aus meiner Haut. Ich muss mein Gegenüber schon gut kennen, bevor ich echte oder gedachte Peinlichkeiten zulasse…

Neulich habe ich jemanden kennengelernt, den ich auf den ersten und auch zweiten Blick als absolut uneitel bezeichnen würde. Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung. Dieser Mensch hat – auch nach eigener Ausssage – überhaupt kein Gefühl für Stil und Farben, was die Kleidung angeht, hat keine Hemmungen, völlig übertriebene, abgrundtief hässliche Grimassen zu ziehen während er humorvolle Anekdoten zum Besten gibt und den Clown spielt – um dann gegen Ende des Nachmittags noch mitten im Café stehend, ungeniert sein Hemd aus der Hose zu ziehen um mir seinen Diabetes-Injektionsport im Bauch zu zeigen. Mal abgesehen von der optischen Erscheinung, die schon gewöhnungsbedürftig ist, führen die lautstarken Erzählungen immer wieder dazu, dass uns andere Gäste oder die Bedienung amüsierte bis befremdete Blicke zuwerfen. Um Missverständnissen gleich zuvor zu kommen: ich finde den Herrn sehr sympathisch. Er hat einen wunderbaren Humor, kann wirklich gut erzählen, spielt seit 20 Jahren Theater und ist gebildet. Mir gefallen auch viele seiner Ansichten und er ist ein interessanter Gesprächspartner.

Und dennoch werde ich den ganzen Nachmittag über dieses ungute Gefühl nicht los. Das Gefühl, dass ich mich für jemand anderen schämen muss, dass ich jemandem gegenüber sitze dem es vollkommen egal ist, was die anderen Leute denken und irgendwie kommt das bei mir nicht gut an. Ich falle nicht gern unangenehm auf und ein lauter Clown in einem Café fällt auf. Darüber legt sich dann ganz kommod mein Selbsttadel – was bin ich für ein schlechter Mensch, dass mir so etwas wichtig ist! Wie eitel bin ich denn, dass ich die Uneitelkeit des Menschen, der mit mir am Tisch sitzt, als fast schon persönlichen Affront aufnehme? Es fühlt sich fast so an, als hätte ich ein buntes, übergroßes Accessoir am (nicht vorhandenen) Hut, das ständig blinkt und wippt und alle gucken drauf. Es lässt sich eben nicht leugnen, ich bin eitel. Und in diesem Fall auch noch verunsichert.

Ich bin nicht stolz auf meine Eitelkeit, akzeptiere sie aber als einen Teil von mir. Und ich erzähle hier davon, wohl wissend, dass mich das nicht unbedingt sympathischer macht. Die Moral von der Geschichte ist jedenfalls, dass ich mir von besagtem Herrn gern eine Scheibe Uneitelkeit abschneiden möchte. Ich weiß nicht, ob wir uns wieder sehen, das spielt auch gar keine Rolle, mir ist aber aufgefallen, dass eitel sein auch ein Stück weit Unfreiheit ist. Wie angenehm muss es sein, wenn einem egal ist, was andere Leute über einen denken? Wie befreiend, wenn ich nicht darüber nachdenken muss, wie ich auf jemand anderen wirke. Ganz egal wird mir das nie sein, siehe oben. Aber vielleicht kann ich ja ein bisschen justieren, das mit dem Eindruck auf andere nicht mehr so ernst nehmen. Etwas gelassener werden in dem Wissen, dass wir uns alle hin und wieder zum Affen machen… auf die ein oder andere Art. Und ich möchte mich nicht mehr fremd-schämen. Es wäre schön, wenn mir meine Begleitung nicht mehr vorkommt wie mein überdimensionierter Hut, sondern wie das, was sie ist: eine eigene Persönlichkeit, ein Individuum, das sich selbst ganz gut allein peinlich aufführen kann, da muss ich nicht der verlängerte Schamkörper sein.

Im Übrigen glaube ich, dass Eitelkeit nicht nur „schlecht“ ist. Immerhin ist sie ein Antrieb, sich von seiner besten Seite zu zeigen, ein Bemühen, das wahrscheinlich auch evolutionär von Vorteil ist – man denke nur an die Balz von Vögeln 🙂 Oder an den sprichwörtlich eitlen Pfau, der seine Flugfähigkeit auf Kosten seiner Schönheit zwar nicht komplett eingebüßt, aber doch ziemlich reduziert hat.

Und so denke ich, dass das Ansinnen, schön oder formvollendet zu sein (im Außen wie im Innen) durchaus auch achtenswert ist – sträflich wäre nur, zu vergessen, dass es Perfektion nicht gibt, wir uns immer nur annähren können und das Schönheit eben auch vom Makel lebt.

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich für heute und wünsche Euch ein schönes Wochenende!

Eure Merle

2 Gedanken zu „Ja, ich bin eitel…“

  1. „mir ist aber aufgefallen, dass eitel sein auch ein Stück weit Unfreiheit ist. Wie angenehm muss es sein, wenn einem egal ist, was andere Leute über einen denken?“
    GANZ wichtige passage!
    ich glaube ja, man lebt zufriedener, wenn man sich nicht allzu viele sorgen darüber macht, was andere über einen denken. und, ja, das könnte eine art freiheit sein.

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