
…ist ein fieser, stechender Schmerz, der sich durch die Eingeweide frisst… zumindest bei mir ist das so. Ich habe schon viele Dinge in meinem Leben bereut, wobei ich eher zu den Menschen gehöre, die bereuen, was sie getan haben als dass ich bereue, was ich unterlassen habe. Reue ist kein schönes Gefühl, allerdings hat es in gewissen Kontexten eine Konnotation von „ehrenhaft“. Ein Straftäter, der ehrlich bereut, hat zumindest noch ein bisschen Herz und Ehre im Leib, so meint man gerne.
Doch eigentlich bin ich der Ansicht, dass Reue in vielen Fällen deutlich überschätzt wird. Nämlich dann, wenn ich keinem anderen Schaden zugefügt habe und wenn mein Handeln und auch Nicht-Handeln im besten Wissen und Gewissen stattfand. Ich kann immer nur nach meinem jeweiligen Kenntnisstand Entscheidungen treffen und leider stimmt es, dass man oft erst hinterher schlauer ist. Aber um mein Handeln zu beurteilen, muss ich mich daran orientieren, was ich zum jeweiligen Zeitpunkt wusste und wozu ich fähig war.
Meine Reue bezieht sich in der Regel auf Verluste von Dingen und Personen und auf Schaden, den ich mir – teils vermeintlich – selbst zugefügt habe. Meistens geht es dabei darum, dass ich inneren Impulsen gefolgt bin, ungaren Gefühlen oder Emotionen und sie wider besseren Wissens ausagiert habe. Nicht, weil ich dumm oder doof bin oder masochistisch oder sadistisch… sondern weil ich nicht anders konnte. Weil der Druck oder das Wollen in dem Moment so stark waren, dass ich es nicht kontrollieren konnte. Mangelnde Impulskontrolle hat mich schon Dinge sagen lassen, die ich hinterher tief, tief bereut habe. Sie hat mich Dinge tun lassen, die mich vor Scham im Boden haben versinken lassen. Und obwohl es diesen Nanosekunden-Augenblick gibt, in dem ich merke, dass ich jetzt die falsche Ausfahrt nehme, gab es schon oft in meinem Leben dann kein zurück mehr. Der Moment ist zu kurz als dass ich noch die Notbremse hätte ziehen können. So habe ich Menschen, Möglichkeiten und auch mein Gesicht das ein oder andere mal verloren.
Und dann kommt die Reue und kommen die Schuldgefühle und die Scham. Aber was bringen die einem? Es gibt Menschen die behaupten, ohne diese Gefühle gäbe es keine Einsicht und Erkenntnis und keinen Weg zur Besserung. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube eher, dass dies sozial und familiär angelernte Gefühle sind, die einen stetig weiter quälen. In meiner Erfahrung kommt die Erkenntnis wie eine Wucht daher geschwappt und dann kommen Reue, Schuld und Scham. Und verlängern das Leid unnötig. (Ich betone, dass ich hier nicht von Fällen spreche, in denen jemand, vor allem vorsätzlich, einem anderen Schaden zugefügt hat und sich vielleicht sogar strafbar gemacht hat. In vielen Fällen kann das eingestehen von Reue und Schuld beim Opfer einer Tat heilsamen Effekt haben und sind Reue und Schuld ein wichtiger Faktor in der Motivation zur Verhaltensänderung. Wobei nicht verarbeitete Schuldgefühle und Scham zu einer undienlichen Abwehrhaltung und zum Rückzug führen können.)
Reue beinhaltet nach meiner Erfahrung die Illusion bzw. das magische Denken, man könne durch genug Schmerz und Selbstkasteiung noch irgendetwas am Ergebnis ändern. Es ist ein irrationales Festhalten an einer Situation, die meist nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Reue empfinde ich tatsächlich nur als hilfreich, wenn ich noch die Möglichkeit einer Änderung oder Verbesserung habe. Aber in Reue und Schuldgefühl zu verharren, wo nichts mehr zu ändern ist, ist absolut destruktiv. Und doch bereuen so viele Menschen so viele Dinge…. oft werden sie ja kurz vor ihrem Tod noch gefragt, was sie in ihrem Leben am meisten bereuen, getan oder nicht getan zu haben. Ich hoffe, mir wird niemand diese Frage stellen, ich möchte, wenn es soweit ist, in Frieden mit mir und meinem Leben gehen und nicht noch darüber nachdenken, was ich alles falsch gemacht habe. Ein frommer Wunsch, ich weiß.
Aber darum geht es doch, nicht wahr? Das falsche studiert, den falschen Job zu lange gemacht, den unheilvollen Satz zum falschen Zeitpunkt ausgesprochen, nicht genügend gereist, zu wenig Sport gemacht, zu viel geraucht, mit einem fürchterlichen Mann im Bett gelandet, einen Konflikt zwischen Freunden eskalieren lassen… es gibt so viele Lebensentscheidungen, die man bereuen kann. Man kann es aber auch lassen. Weil niemand, absolut keiner, weiß, wie es gelaufen wäre, wenn es anders gelaufen wäre. Und ganz eigentlich geht es hier vor allem darum, sich selbst gegenüber gnädig zu sein. Sich wohlwollend an die Hand zu nehmen und sich selbst zu akzeptieren, mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlentscheidungen, die das beinhaltet.
Wie oft habe ich mir schon gewünscht, die Zeit zurück drehen zu können und Situation dieses Mal besser zu meistern und der Geschichte ein anderes Ende zu geben. Hätte ich doch… Ja, am Ende gleicht das aber dem Wunsch, ein anderer Mensch zu sein, als der, der man ist.
Was bleibt, ist leider der Schmerz über das, was im Leben anders gelaufen ist, als man es sich vorgestellt oder gewünscht hat. Damit umzugehen ist schon ein Teil Lebenskunst. Ich finde es unglaublich tröstlich, dass wir nie wissen werden, was passiert wäre, hätten wir die andere Abzweigung genommen. Man kann es auch auf den Satz eindampfen: Wer weiß, wofür es gut war. Nichtwissen als Segen, als ein Geschenk des Lebens, das ich sehr dankbar annehme.
Nichtsdestotrotz arbeite ich an meiner Impulskontrolle. Warum? Weil ich gerne noch bewusster durchs Leben gehen möchte und nicht in entscheidenden Momenten von kindlichen Anteilen gesteuert sein will, die nunmal nicht ganz so viel Durchblick haben wie mein erwachsenes Ich. Denn letztlich sind wir da, um zu wachsen, zu lernen und unsere Potentiale zu entfalten, das ist zumindest meine Überzeugung. Und weil das so ist, plädiere ich für einen gesunden und gemäßigten Gebrauch der Reue und von Schuldgefühlen. Denn sie hindern uns zu wachsen und offen und neugierig durchs Leben zu gehen. Sie lassen uns erstarren. Eine angemessene Pause zum Innehalten und Neubewerten einer Situation und gegebenenfalls Korrekturen vornehmen – da ist nichts dagegen zu sagen. Aber darin zu verharren macht unfrei und lädt statt Wachstum die Stagnation ein.
Ich bin gespannt, wie ich am Ende meines Lebens darüber denken werde. Ob ich Zeit haben werde, mir darüber Gedanken zu machen und wenn ja, wie die dann aussehen. Ich wünsche mir, dass ich bis dahin den Schmerz integriert habe und so viele Weisheit erlangt haben werde, dass ich mir den Luxus Reue nicht werde leisten wollen sondern einfach dankbar sein werde, es so weit geschafft zu haben. Ich finde, das ist in dieser Welt schon was.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesunden und maßvollen Umgang mit Reue, Schuld und Scham und dass wir in genau diesen Momenten besonders gut für uns selbst da sein können.
Herzlich,
Merle